1804_Jean_Paul_055_27.txt

irren oder an dem, was er nachher tat, hatte die Vermutung aus dem Vorigen grossen teil, dass der nachschwimmende Hintergrund nicht nur seinen Durchgang durch ein Rotes Meer erzwingen, sondern dass sogar das Meer selber mit ihm gehen würde; weil er auf seinem lebendigen Laufstuhl niemand zu entrinnen vermochte. Schon das blosse Zurückdenken an den Nachtrab musste wie Lärmtrommeln in die schönsten leisen Klänge fahren, die er jetzt am blauesten Tage aus den himmels-Sphären seiner Phantasie leicht herunterhören konnte.

Deshalb ritt er geradezu aus der Landstrasse über Wiesen in eine Schäferei hinein, wo er halb gleichgültig gegen lächerlichen Schein, halb mit errötender Ruhmliebefür Geld, gute Worte und sanfte Augenes sich von der Schäferin erbat, dass dem Schimmel so langedenn er verstand nichts von Ross-DiätetikHeu vorgesetzet würde, bis etwa die Feinde sich eine Stunde voraus und ihn matematisch gewiss gemacht hätten, dass sie nicht zu ereilen wären, gesetzt auch, sie fütterten zwei Stunden.

So neu-selig und erlöset setzt' er sich hinter das Haus unter eine schwarzgrüne Linde in den frischen Schatten-Winter und tauchte sein Auge still in den Glanz der grünen Berge, in die Nacht des tiefens Äters und in den Schnee der Silberwölkchen. Darauf stieg er nach seiner alten Weise über die Gartenmauer der Zukunft und schaute in sein Paradies hinein: welche volle rote Blumen und welches weisse Blütengestöber füllte den Garten!

Endlichnach einer und der andern Himmelfahrtmachte er drei Streckverse, einen über den Tod, einen über einen Kinderball und einen über eine Sonnenblume und Nachtviole. Kaum wollte er, da das Pferd Heu genug hatte, von der kühlen Linde fort; er entschloss sich, heute nicht weiter zu reisen als nach dem sogenannten Wirtshaus zum Wirtshaus, eine kleine Meile von der Stadt. Indes eben in diesem Wirtshaus hatten alle seine Feinde um 1 Uhr halt und Mittag gemacht; und sein Bruder war dageblieben, um ihn zu erwarten, weil er wusste, dass die Landstrasse und der Schimmel und Bruder durch den Hof liefen. Vult musste lange passen und seine Gedanken über die nächsten Gegenstände haben, z.B. über den Wirt, einen Herrnhuter, der auf sein Schild nichts weiter malen lassen als wieder ein Wirtshausschild mit einem ähnlichen Schild, auf dem wieder das gleiche stand; es ist das die jetzige Philosophie des Witzes, die, wenn der ähnliche Witz der Philosophie das Ich-Subjekt zum Objekt und umgekehrt macht, ebenso dessen Ideen sub-objektiv widerscheinen lässt; z.B. ich bin tiefsinnig und schwer, wenn ich sage: Ich rezensiere die Rezension einer Rezension vom Rezensieren des Rezensierens, oder ich reflektiere auf das Reflektieren auf die Reflexion einer Reflexion über eine Bürste. Lauter schwere Sätze von einem Widerschein ins Unendliche und einer Tiefe, die wohl nicht jedermanns Gabe ist; ja vielleicht darf nur einer, der imstande ist, denselben Infinitiv, von welchem Zeitwort man will, im Genitiv mehrmals hintereinander zu schreiben, zu sich sagen: ich philosophiere.

Endlich um 6 Uhr hörte Vult, der aus seiner stube sah, den Wirt oben aus dem Dachfenster rufen: "He, Patron, scher' Er sich droben weg! – Will Er ins Kukkucks Namen wegreiten?!" – Das Wirtshaus stand auf einem Birken-Hügel. Gottwalt war seitwärts aus dem Wege an den herrnhutischen Gottesacker hinaufgeritten, aus welchem der Schimmel Schoten aus den Staketen zog, während der Herr das dichterische Auge in den zierlichen Garten voll gesäeter Gärtner irren liess. Wiewohl er den Kalkanten der groben Pedalstimme nicht durch die Birken sehen konnte: so zog er dochda den Menschen überhaupt nach einer Grobheit feinstes Empfinden schwer verfolgtsogleich den rupfenden Rüssel aus dem Spaliere auf und gelangte bald mit den Schoten im nassen Gebisse vor der Stalltür an.

Er tat an den sehr ernst unter seiner tür stehenden Wirt von fernenumsonst wollt' er gar vor ihn hinreitenbarhaupt am Stalle die Frage, ob er hier mit seinem Gaul logieren könne.

Ein ganzer heller Sternenhimmel fuhr Vulten durch die Brust und brannte nach.

Auch der Wirt wurde sternig und sonnig; aber wie wär' ersonst hätt' er höflicher aus dem dach gesprochendarauf gekommen, dass ein Passagier zu Pferde in dieser Nähe der Stadt und Ferne der Nacht ihn mit einem Stillager beehren werde. Als er wahrnahm, dass der Passagier ein besonderes Vieleck oder Dreieck mit dem rechten Beine über dem Gaule absitzend beschrieb, und dass er die schweren, mit einem organisierten Sattel behangenen Schenkel ins Haus trug, ohne weiter nach dem Tiere oder Stalle zu sehen: so wusste der Schelm sehr gut, wen er vor sich habe; und lachte zwar nicht mit den Lippen, aber mit den Augen den Gast aus, ganz verwundert, dass dieser ihn für ehrlich und es für möglich hielt, er werde den Hafer, den er morgen in die Rechnung eintragen konnte, schon heute dem Schimmel vorsetzen.

"Nun geht", sagte Vult bildlich, der mit Herzklopfen die Treppe hinab dem Bruder entgegenging, "ein ganz neues Kapitel an." Unbildlich geschiehts ohnehin.

Nr. 13. Berliner Marmor mit glänzenden

Flecken

Ver- und Erkennung

Unten im Korrelationssaal und Simultanzimmer der Gäste forderte der Notar nach Art der Reise-Neulinge schnell einen Trunk, eine einmännige stube und dergleichen Abendmahlzeit, damit der Wirt nicht denken sollte, er verzehre wenig. Der lustige Vult trat ein, tat mit Welt-Manier