das Pferd, der Fuhrmann gegen den Jagdhund, der Offizier gegen Leute ausser dem Soldatenstande, ein wahres weichwolliges Lamm ist.
Dieser Schimmel betrat am Morgen die Bühne. Der Notar hatte den Tag vorher den Gaul an eine seiner Gehirnwände festgebunden und – wie die rechte Seite des Konvents und des Rheins – sich immer die linke vorgestellt, um daran aufzusteigen; – in alle Stellungen hatte' er in seinen vier Gehirnkammern das Schulross gedreht, geschwind es links bestiegen und so sich selber völlig zugeritten für den Gaul. Dieser wurde gebracht und gewandt. Gottwalts Auge blieb fest an den linken Steigbügel gepicht – aber sein Ich wurde' ihm unter den Händen zu gross für sein Ich – seine Tränen zu dunkel für sein Auge – er besteige, merkt' er, mehr einen Tron als einen Sattel – die linke Rossseite hielt er noch fest; nur kam jetzt die neue Aufgabe, wie er die eigne linke so damit verknüpfen könnte, dass beide die Gesichter vorwärts kehrten. –
Wozu die teuflische Qual! Er probierte, wie ein preussischer Kavallerist, rechts aufzuspringen. Pfiffen Leute wie Vult und der Wirt seine probe aus, so zeigten sie weiter nichts, als dass sie nie gesehen hatten, wie emsig preussische Kavalleristen auf dem rechten Bügel aufsitzen lernen, um gesattelt zu sein, falls einmal der linke entzweigeschossen wird.
Auf dem Sattel hatte nun Walt als Selbst-Quartiermeister das seinige zu tun, alles zu setzen – sich gerade und sattelfest –, auszubreiten – die Finger in die Zügel, die Rockschösse über den Pferderücken –, einzuschichten – die Stiefel in die Steigeisen –; und anzufangen – den Abschied und Ausritt.
An letzteren wollte der gesetzte Schimmel nicht gerne gehen. Walts delikates Rückwärtsschnalzen mit der Gerte war dem Gaule so viel, als wichse man ihn mit einem Pferde-Haar. Ein paar mütterliche Handschläge auf den Nacken nahm er für Streicheln. Endlich kehrte der Gerichtsmann eine Heugabel um und gab ihm mit dem Stiel auf den Hinterbacken einen schwachen Ritterschlag, um damit seinen Sohn als Reiter aus dem dorf in die Welt zu schicken, sowohl in die gelehrte als schöne. Das war dem Tier ein Wink, bis an den Bach vorzuschreiten; hier stand es vor dem Bilde des Reiters fest, kredenzte den Spiegel, und als der Notar droben mit unsäglicher Systole und Diastole der Füsse und Bügel arbeitete, weil das halbe Dorf lachte, und der Wirt ohnehin, glaubte der Harttraber seinen Irrtum des Stehens einzusehen, und trug Walten von der Tränke wieder vor die Stalltüre hin, stört' aber die Rührungen des Reiters bedeutend.
"Wart nur!" sagte, ins Haus laufend, der Vater, kam wieder und langte ihm eine Büchsenkugel zu: "Setz ihm die ins Ohr", sagt er, "so will ich kavieren, er zieht aus, weil doch das Blei die Bestie kühlen muss, glaube' ich."
Kaum war das Rennpferd, wie ein Geschütz, mit dem Kopf gegen das Tor gerichtet und das Ohr mit der Schnellkugel geladen: so fuhr es durchs Tor und davon; – und durch das mit Augen bestellte Dorf und vor des Kandidaten Glückwunsch flog der Notarius vorüber, oben sitzend, mit dem Giessbuckel des ersten Versuchs, als ein gebogenes Komma. "Weg ist er!" sagte Lukas und ging zu den Heuschobern hinaus. Still wischte die Mutter mit der Schürze das Auge und fragte den Grossknecht, worauf er noch warte und gaffe. Nur ein weinendes Auge hatte Goldine mit dem Tuche bedeckt, um mit dem andern nachzublicken, und sagte: "es geh' ihm gut!" und ging langsam in sein leeres Studierstübchen hinauf.
Vult eilte dem reitenden Bruder nach. Als er aber vor dem Maienbaume des Dorfes vorüberging und am Fenster die schönäugige Goldine und im Hausgärtchen die einsame Mutter erblickte, die mit tropfenden Augen, noch im Sitzen gebückt, grosse Bohnen steckte und Knoblauch band: so überströmte seines Bruders warmes mildes Blut plötzlich sein Herz, und er lehnte sich an den Baum und blies einen Kirchenchoral, damit beider Augen sich süsser löseten und ihr Gemüt aufginge; denn er hatte an beiden den kecken scharfen Seelen-Umriss innigst wert gewonnen.
Es war schade, dass der Notarius, der samt dem Schimmel auf Wiesenflächen zwischen grünschimmernden Hügeln, im blauen wehenden Tage flog, es nicht wusste, dass hinter ihm sein Bruder sein fernes Dörfchen und gerührte liebe Herzen mit Echos erfülle. Oben auf einem Berge legte Walt sich auf den Hals des Flugpferds, um aus dem Ohr die Druckkugel zu graben. Da er sie erwischt hatte: so trat das Tier wieder gesetzter einher als ein Mensch hinter einer Leiche; und nur der Berg schob es herunter, und in der Ebene ging es, wie ein silberner glatter Fluss, unmerklich weiter.
Jetzt genoss der zur Ruhe gesetzte Notarius ganz seine sitzende Lebensart auf dem Sattel und den weiten singenden Tag. Sein hoher Aufentalt auf der Sattelwarte stellte ihm, diesem ewigen Fussgänger, alle Berge und Auen unter ihn, und er regierte die glänzende Gegend. An einer neuen Anhöhe stieg ein Wagenzug von sieben Fuhrleuten auf, den er gern zu Pferde eingeholt und überritten hätte, um nicht in seinen Träumen durch ihr Umschauen gestört zu werden; aber am Hügel-fuss wollte der gerittene Blondin so gut die natur geniessen – die für ihn in Gras bestand – als der reitende und stand sehr fest. Walt setzte sich zwar anfangs dargegen und stark, wirkte auf viele Seiten des Viehs vor