; und so können leicht zehn Jahre verstreichen, und du hast nichts, und bist doch auch nichts; wie dann, Gerichtsmann?" – "So schlag' ich ihn", sagte dieser, "tot, wenn er nicht soviel Verstand zeigt wie ein Vieh; und von dir, Vronel, war es auch keiner, mich nicht zu avertieren." –
"Ich verpfände mich", sagte Schomaker, "für Hrn. Notars Finesse. Poeten sind durchtriebene Füchse, und haben Wind von allem. Ein Grotius, der Humanist, war ein Gesandter – ein Dante, der Dichter, ein Staatsmann – ein Voltaire, der beides, auch beides."
Vult lachte, nicht über den Schulmann, aber über den guterzigen Walt, als dieser sanft beifügte: "Ich habe vielleicht aus Büchern mehr Weltklugheit geschöpft als Ihr denkt, liebe Mutter. – Aber nun nach zwei Jahren, allgütiger Gott! – Wenigstens malen wollen wir uns heute die glänzende Zeit, wo alle hier frei und freudig leben, und ich nichts von allem brauche und wünsche, weil ich zu glücklich auf zwei alten heiligen Höhen wohne, auf der Kanzel und dem Musenberg" – "Du sollst dann auch", sagte Lukas, "streckversen den ganzen Tag, weil du doch ein Narr darauf bist, wie dein Vater aufs Jus." – "Jetzt aber werde' ich sehr aufmerksam", sagte Walt, "das Notarienwesen treiben, besonders da ich es als mein erstes vorgeschriebenes Erbamt versehe; das Advozieren kann nun wohl wegbleiben."
"Seht ihr", rief die Mutter, "er will nur wieder recht über seine langen Verse her, denn er hats ja vorhin so gotteslästerlich beschworen – ich hab' es nicht vergessen, Walt!"
"So wollt' ich doch, dass Donner und Teufel", rief Lukas, der rein-froh sein wollte, "muss man denn aus jedem Turmknopf einen Nadelknopf machen wie du?" Er wollte gerade das Umgekehrte vorbringen. Er zog den Ehemannsvexierzug: "Schweig!" Sie tats immer sogleich, wiewohl mit dem Entschluss, etwas später erst recht anzufangen.
Man schritt zur Abendtafel, wie man dastand, Walt im Schanzlooper, obgleich in der Heuernte, weil er sein Nanking-Röckchen schonte. Goldinens Freudenwein war mit vielen Tränen über die Trennung des Morgens gewässert. Der Notar war unendlich entzückt über die Entzückung des Vaters, welcher allmählich, da er sie ein wenig verdauet hatte, nun milder wurde und anfing, mit Tranchiermesser und Gabel der noch fliegenden gebratenen Taube der Erbschaft entgegenzugehen und dem Sohne zum erstenmal in seinem Leben zu sagen: "Du bist mein Glück." So lange verharrte Vult auf dem Baume. Als aber die Mutter nun erst die ausführlichen Berichte Schomakers über den Flötenspieler um ihr warmes Herz versammlen wollte, stieg er, um nichts zu hören, weil ihm der Tadel bitterer war als das Lob süss, vom Baume herunter, schon beglückt genug durch den Bruder, dessen Unschuld und Dichtkunst ihn so liebend-eng umstrickten, dass er gern die Nacht im Abendrot ersäuft hätte, um nur den Tag zu haben und den Poeten an der Brust.
Nr. 12. Unechte Wendeltreppe
Reiterstück
Früh am betaueten blauen Morgen stand der Notar schon unter der Haustüre reit- und reisefertig. Er hatte statt des Schanzloopers den guten gelben Sommerund Frühlings-Rock von Nanking am leib, weil er als Universalerbe mehr aufwenden konnte, einen runden weissen braungeflammten Hut auf dem Kopf, die Reitgerte in der Hand und Kindestränen in den Augen. Der Schulz rief halt, sprang zurück und sogleich wieder her mit Kaiser Maximilians Notariatsordnung, die er ihm in die tasche steckte. Drüben vor dem wirtshaus stand der knappe flinke Student Vult im grünen Reisehut und der Wirt, welcher der Familien-Antichrist und ein Linker war. Das Dorf wusste alles und passte. Es war des Universalerben erster Ritt in seinem Leben. Veronika – die ihm den ganzen Morgen Lebensregeln für Eröffnung und Erfüllung des Testaments vorgezeichnet hatte – zerrete den Schimmel am langen Zügel aus dem Stall. Walt sollte hinauf.
Über den Ritt und Gaul wurde von der Welt schon viel gesprochen – mehr als ein Elterleiner versuchte davon ein leidliches Reiterstück zu geben, lieferte aber freilich mehr die rohen Farbhölzer auf die Leinwand als deren feinsten Absud – auch ist das mein erstes Tierstück von Belang, das ich in die Gänge dieses Werks aufhänge und festmache – –: ich werde demnach einige Mühe daran wenden und die grösste Wahrheit und Pracht.
In der Apokalypsis stand so lang ein alter verschimmelter Schimmel, bis ihn der Fleischer bestieg und aus ihr in die Zeit herüberritt. Der poetische Lenz liegt weit hinter dem Gaul, wo er eigenes Fleisch statt des fremden trug und mit eignen Haaren den Sattel auspolsterte; er hat das Leben und den Menschen dieses reitende Folterpferd der wunden natur – zu lange getragen. Der aus zitternden Fühlfaden gesponnene Notar, der den Tag vorher im Stalle um dessen Keilschrift der Zeit, um die Stigmen von Sporen, Sattel und Stangengebiss, herumging, hätte für Geld keinen Finger in die Narben legen können, geschweige am Tage darauf die Knuten-Schneide oder den Sporendolch. Hätte doch der Himmel dem KonföderationsTiere des Menschen nur irgendeinen Schmerzenslaut beschert, damit der Mensch, dem das Herz nur in den Ohren sitzt, sich seiner erbarmte. Jeder Tierwärter ist der Plagegeist seines Tiers; indes er gegen ein anderes, z.B. der Jäger gegen