einem Tron-Diener gegenüber und bei der Liebe für den Schüler im Herzen sogleich das Jus auszufinden, sondern immer zu leicht fürchtete, unter der Hand gegen seinen Fürsten zu rebellieren, indes er sonst bei dem Bewusstsein des Rechts jeder Not und Gewalt entgegengezogen wäre – da schnaubte der sanfte Walt wie ein getroffener Löwe empor, sprang vor den Kandidaten und ergriff dessen Achseln mit beiden Händen und schrie aus lang gemarterter Brust so heftig auf, dass der Kandidat wie vor nahem Totschlag aufhüpfte: "Kandidat! bei Gott, ich werde ein guter Jurist von fleissiger Praxis, meiner armen Eltern wegen. Aber, Kandidat, ein Donnerkeil spalte mein Herz, der Ewige werfe mich dem glühendsten Teufel zu, wenn ich je den Streckvers lasse und die himmlische Dichtkunst."
Hier sah er wild ausfordernd umher und sagte wichtig: "ich dichte fort" – alle schwiegen erstaunt – in Schomaker hielt noch halbes Leben – Knoll allein zeigte ein grimmiges eisernes Lächeln – auch Vult wurde auf seinem Aste wild, schrie: "recht, recht!" und griff blindlings nach unreifen Pelzäpfeln, um eine Handvoll gegen die prosaische Session zu schleudern. – Darauf ging der Notar als Sieger hinaus, und Goldine ging ihm mit dem Murmeln nach: "Es geschieht euch recht, ihr Prosaner!" –
Wider Vults Erwarten stellte der Notarius sich unter seinen Apfelbaum und hob nach der Sternenseite des Lebens, nach dem Himmel, das beseelte Antlitz, auf welchem alle seine Gedichte und Träume zu zählen waren. Beinahe wäre der Flötenspieler auf die verletzte Brust als ein weicher Pfühl herabgefallen; er hätte gern den nassen guten Sangvogel, dem es wie der Lerche gegangen, die auf das Tote Meer, als wäre es blühendes Land, herunterstürzt und darin ersäuft, hoch unter die trocknende Sonne gehalten; aber Goldinens Ankunft verbot die schöne Erkennung, sie nahm Walts Hand, aber er schaute noch immer mit tauben Augen nach der Höhe, wo nur helle Sterne, keine trübe Erde standen. "Hr. Gottwalt", sagte sie, "denken Sie nicht mehr über die prosaischen Pinsel. Sie haben sie abgetrumpft. Dem Juristen streu' ich heute noch Pfeffer in den Tabak und dem Kandidaten Tabak in den Pfeffer." – "Nein, liebe Goldine", fing er mit schmerzlich sanfter stimme an, "nein, ich war es heute nicht wert, dass mich der grosse Plato küsste. War es denn möglich? – Gott! es sollte ein froher letzter Abend werden. – Teuere Eltern geben schwer erdarbtes Geld zum Notariate her – der arme Kandidat gibt mir von Kindesbeinen an Lehrstunden fast in allem – Gott segnet mich mit dem Himmel an Platos Herzen – – und ich Satan fahre so höllisch auf! O Gott, o Gott! – Aber mein alter Glaube, Goldine, wie trifft er immer ein: nach jeder rechter inniger Seligkeit des Herzens folgt ein schweres Unglück."
"Das dachte' ich gleich", sagte Goldine zornig; "man schlage Sie ans Kreuz, so werden Sie eine festgenagelte Hand vom Querbalken losarbeiten, um damit einem Kriegsknecht seine zu drücken. – Haben denn Sie oder die Strohköpfe droben den heutigen Weinmonat, ich möchte sagen zum Weinessigmonat, versäuert?" – "Ich kenne", versetzte er, "keine andere Ungerechtigkeiten gewiss und genau, als die ich an andern verübe; – die, so andere an mir begehen, können mir wegen der Ungewissheit der Gesinnungen nie ganz klar und entschieden sein. Ach es gibt ja mehr Irrtümer des Hasses als der Liebe. Wenn nun einmal eine natur, welche die Antitese und Dissonanz der meinigen ist, existieren sollte, wie von allem die Antitesen: so könnte sie mir ja leicht begegnen; und da ich ebensowohl ihre Dissonanz bin als sie meine, so hab' ich nicht mehr über sie zu klagen als sie über mich."
Goldine konnte, wie Vult, nichts gegen diese Denkweise einwenden, aber beiden war sie äusserst verdrüsslich. Da rief sanft die Mutter den Sohn und heftig der Vater: "Renne, Peter, renne, wir stehen im Testament und werden vorbeschieden auf den 15 ten hujus."
Nr. 11. Fisettolz
Lust-Chaos
Der Pfalzgraf hatte das Erstarren über Walts Sturmlaufen mit der Bemerkung flüssiger gemacht, dass der "Sansfaçon" es nicht verdiene, in einem wichtigen Testamente zu stehen, zu dessen Eröffnung er ihn vorzuladen habe, und dessen Bedingungen sich eben nicht sehr mit der Reimerei vertrügen. Da war das Anschlagerad und der Dämpfer gerichtlich von des Schulmeisters ton- und wortvoller Seele abgehoben, und er konnte nun alle Glocken läuten – er wusste und gab die angenehmsten Artikel des Testaments, welche der Fiskal durch die unangenehmen ganz bestätigte. Der Kandidat handelte so lange ungewöhnlich sanft nach einer Beleidigung, bis man ihn ersuchte, sie zu vergeben. Lukas rief schon im halben hören Walten wie toll hinein, um nur etwas zu reden.
Von zarter Schamröte durchdrungen, erschien dieser- niemand gab auf ihn acht – man steckte im Testamente, ausgenommen Knoll. Dieser hatte gegen den Jüngling seit dessen Vorlesen einen ordentlichen Hass gefasst – so wie die Musik zwar Nachtigallen zum Schlagen reizt, aber Hunde zum Heulen –, weil ihm der eine Umstand, dass ein so schlechter poetischer Jurist mehr als er erben sollte (was seinen fiskalischen Kern anfrass), mehr wehe tat als der andere süss, dass sein Eigennutz selber keinen Erben hätte auslesen können, der geschickter wäre, die Erbschaft