letzten Blau, ihr fremder Strahl fliegt seit Jahrtausenden auf dem Wege zur kleinen Erde, aber er kommt nicht an. O du sanfter, naher Gott, kaum tut ja der Menschengeist sein kleines, junges auge auf, so strahlst du schon hinein, o Sonne der Sonnen und Geister!
Der Tod eines Bettlers
Einst schlief ein alter Bettler neben einem armen Mann und stöhnte sehr im Schlaf. Da rief der arme laut, um den Greis aus einem bösen Traum aufzuwekken, damit den matten Busen nicht die Nacht noch drücke. Der Bettler wurde nicht wach, aber ein Schimmer flog über das Stroh; da sah der arme ihn an, und er war jetzt gestorben; denn Gott hatte' ihn aus einem längern Traum aufgeweckt.
Die alten Menschen
Wohl sind sie lange Schatten, und ihre Abendsonne liegt kalt auf der Erde; aber sie zeigen alle nach Morgen.
Der Schlüssel zum Sarge
'O schönstes, liebstes Kind, fest hinuntergesperrt ins tiefe dunkle Haus, ewig halt' ich den Schlüssel deiner Hütte, und niemals, niemals tut er sie auf!' – Da zog vor der jammernden Mutter die Tochter blühend und glänzend die Sterne hinan und rief herunter: 'Mutter, wirf den Schlüssel weg, ich bin droben und nicht drunten!'"
Nr. 10. Stinkholz
Das Kapaunengefecht der Prosaisten
"O Himmel, wär's nur morgen, Brüderlein! Es ist verdammt, man sollte nie passen müssen", sagte Vult. – "Ich habe genug", sagte Knoll, der bisher die eine Tabakswolke gerade so gross und so langsam geschaffen hatte wie die andere. – "Ich meines Parts", sagte Lukas, "kann mir nichts Rechts daraus nehmen, und den Versen fehlt auch der rechte Schwanz, aber gib her." – "Fromme und traurige Sachen stehen wohl darin", sagte die Mutter. Gottwalt hatte Kopf und Ohren noch in der goldnen Morgenwolke der Dichtkunst, und aussen vor der Wolke stehe, kam es ihm vor, der ferne Plato als Sonnenball und durchglühe sie. Der Kandidat Schomaker sah scharf auf den Pfalzgrafen und passete auf Entscheidungen. Aus religiöser Freiheit glaubte er überall zu sündigen, wo er eilen sollte und wagen. Daher hatte' er nicht den chirurgischen Mut, seine Schulkinder ordentlich zu prügeln – er ängstigte sich vor möglichen Frakturen, Wundfiebern und dergleichen –, sondern er suchte sie von weitem zu züchtigen, indem er in einer Nebenkammer dem Züchtling entsetzliche Zerrgesichter vorschnitt.
"Meine Meinung", fing Knoll mit bösem Niederzug seiner schwarzwaldigen Augenbraunen an, "ist ganz kurz diese: Dergleichen ist wahrlich rechter Zeitverderb. Ich verachte einen Vers nicht, wenn er lateinisch ist, oder doch gereimt. Ich machte selber sonst als junger Gelbschnabel dergleichen Possen und schmeichl' ich mir nicht – etwas andere als diese. Ja als comes palatinus kreier' ich ja eigenhändig Poeten und kann sie also am wenigsten ganz verwerfen. Kapitalisten oder Rittergutsbesitzer, die nichts zu tun und genug zu leben haben, können in der Tat Gedichte machen und lesen, so viele sie wollen; aber nur kein gesetzter Mensch, der sein gutes solides Fach hat und einen vernünftigen Juristen vorstellen will – der soll es verachten, besonders Verse ohne allen Reim und Metrum, dergleichen ich tausend in einer Stunde hecke, wenn es sein muss"
Vult genoss still den Gedanken, dass er in Hasslau schon Zeit und Ort finden werde, dem Pfalzgrafen durch Öl ins Feuer und durch wasser ins brennende Öl zur Belohnung irgendein Bad zu bereiten und zu gesegnen. – Und doch konnte' er es vor Zorn kaum aushalten, wenn er bedachte, dass der Kandidat und der Pfalzgraf so lange dastanden, ohne des erfreuenden Testaments zu gedenken. Hätt' er sehen und schreiben können, er hätte einen Stein mit einem Rapport-Wikkel als sanfte Taubenpost durchs Fenster fliegen lassen.
"Hörst du?" sagte Lukas. "Sie sind auch eben nicht schön geschrieben, wie ich sehe", und machte blätternd einen Versuch, das Manuskript ins Licht hineinzuhalten. Aber der bisher halbgesenkt in die Flamme blickende Dichter entriss es ihm plötzlich mit greifender Faust. – "In den Nebenstunden aber denn doch so etwa?" fragte Schomaker, für welchen der einzige Titel Hoffiskal einen Ruprechts-Zwilling und Doppelhaken in sich fasste; denn schon, wo einem Worte Hof oder Leib zum Vorsprung anhing – und war es an einem Hofpauker und Leibvorreiter –: da sah er in eine gehelmte Vorrede (praefation galeata) und hatte seine Schauer; wieviel mehr bei dem Worte Fiskal, das jeden auf Pfähle oder in Türme zu stecken drohte.
"In meinen Nebenstunden", versetzte Knoll, "las ich alle mögliche auftreibliche Aktenstücke und wurde vielleicht das, was ich bin. Überspannte Floskeln hingegen greifen zuletzt in dem Geschäftsstil Platz und vergiften ihn ganz; ein Gericht weiset dergleichen dann zurück als inept." – "natürlich denn und verzeihlich daher (fing Schomaker als Selbstkrummschliesser an), dass ich aus Unkunde der Rechtskunde diese mit der Poesie vereinbaren wollen; aber ganz wahrscheinlich deshalb, dass Hr. Harnisch, seinem alleinigen Fache heisser sich weihend, nun ganz vom poetischen absteht: nicht gewiss, gewiss, Hr. Notar?"
Da fuhr und schnaubte der bisher sanfte Mensch – den Abfall des sonst lobenden Lehrers für eine Hofmännerei ansehend, die gleich einem Balbiermesser sich vor- und rückwärtsbeugt, obgleich Schomaker bloss nicht fähig war, so auf der Stelle, in der Schnelle,