Wüste; aber ich konnte durch die gläserne Fläche nicht hindurch; sondern hing im dunkeln wasser und schaute hindurch. Da sah ich draussen, nah oder fern, ich weiss es nicht, das rechte Land liegen, ausgedehnt, glänzend-dämmernd. Die Sonne schien als Ephemere in ihren eignen Strahlen zu spielen, und die Strahlen hörten auf. Nur die leisen Töne des rechten Landes flogen noch um mein Ohr. Goldgrüne Wölkchen regneten heiss übers Land, und flüssiges Licht tropfte überquellend aus Rosen- und Lilien- Kelchen. Ein Strahl aus einem Tautropfen schnitt herüber durch mein düsteres Meer und durchstach glühend das Herz und sog darin, aber das Tönen erfrischte es, dass es nicht welkte. Ich sagte laut: 'Es regnet drüben heisse Freudentränen; nur die Liebe ist eine warme Träne, der Hass eine kalte.' – Tief hinten im land stiegen Welten, wie Dunstkügelchen, unter einem weit umhüllten Sonnenkörper auf. In der Mitte drehte sich ein Spinnrad um, die Sterne waren mit tausend Silberfäden daran gereihet, und es spann sie immer näher und enger vom Himmel hernieder. – An einer Lilie hing ein Bienenschwarm. Eine Rose spielte mit einer Biene, beide neckten sich mit ihren Stacheln und ihrem Honig. Eine schwarze Nachtblume wuchs gierig gegen Himmel und bog sich immer heftiger über, je heller es wurde; eine Spinne lief und wob emsig im Blumenkelche, um mit Fäden die Nacht festzuhalten, ja den Leichenschleier der Welt zu spinnen; aber alle Fäden wurden betaut und schimmerten, und der ewige Schnee des Lichts lag auf den Höhen.
'Es schläft alles im rechten land', sagt' ich, 'aber die Liebe träumt.' Ein Morgenstern kam und küsste eine weisse Rosenknospe und blühte mit ihr weiter – ein Zephyr hing sich küssend an einen Eichengipfel – einer der leisesten Töne kam und küsste eine Maiblume, und ihr Glöckchen wurde heftig emporgeweht – tausend warme Wolken kamen und hingen sich brünstig an Himmel und Erde zugleich – Turteltauben wiegten sich dufttrunken auf Nachtviolen und warfen girrend sich die Küsse auf Blumenblättern zu.
Auf einmal quoll am Himmel ein scharfblitzendes Sternchen heraus – es hiess die Aurora – wie vor Lust riss sich einen Augenblick mein Meer auf. – Statt der dämmernden Ebene lag ein fester breiter Blitz vor mir. Aber es schlug sich wieder zu, das verdämmerte Land erwachte, und alles wurde verändert; denn die Blumen, die Sterne, die Töne, die Tauben waren nur schlummernde Kinder gewesen. Nun umarmte jedes Kind ein Kind, und die Aurora klang unzählig darein. Die hohe Bildsäule des Donnergottes stand in der Landes-Mitte. Ein Kind um das andere flog auf den Stein-Arm und setzte einen Schmetterling auf den lebendigen Adler, der den Gott umkreiset. Dann flatterte das Kind wie leichtsinnig auf die nächste Wolke und sah herab nach seinem andern, das liebende arme aufhob. Ach so wird schon Gott, vor dem wir ja alle Kinder sind, unser Lieben nehmen! Darauf spielten die Kinder untereinander 'Liebens'. 'Sei meine rote Tulpe', sagte das eine, und das andere war sie und liess sich an die Brust stecken. 'Sei mein liebes Sternchen oben', und es war es und wurde – an die Brust gesteckt. 'Sei mein Gott' – 'und du meiner', aber dann verwandelten sich beide nicht, sondern sahen sich lange an voll zu grosser Liebe und verschwanden wie sterbend dahin. – 'bleibe bei mir, mein Kind, wenn du von mir gehst', sagte das bleibende; da wurde das scheidende in der Ferne ein kleines Abendrot, dann ein Abendsternchen, dann tiefer ins Land hinein nur ein Mondschimmer ohne Mond, und endlich verlor es sich ferner und ferner in einen Flötenoder Philomelenton.
Aber der Morgenröte gegenüber stand eine Morgenröte auf; immer herzerhebender rauschten beide wie zwei Chöre einander entgegen, mit Tönen statt Farben, gleichsam als wenn unbekannte selige Wesen hinter der Erde ihre Freudenlieder heraufsingen. Die schwarze Blume mit der Spinne bog sich krampfhaft bis zum Knicken nieder. Zu einem Lilienkranze waren vom Rade die Sterne vom Himmel herabgesponnen und er nun hellblau gemacht. Der Allklang hatte die Blumen zu Bäumen gereift. Die Kinder waren dem Auge zu Menschen gewachsen und standen endlich als Götter und Göttinnen da und sahen sehr ernst nach Morgen und Abend.
Die Chöre der Morgenröten schlugen jetzt wie Donner einander entgegen, und jeder Schlag zündete einen gewaltigern an. Zwei Sonnen sollten aufsteigen, unter dem Klingen des Morgens. Siehe, als sie kommen wollten, wurde es leiser und dann überall still. Amor flog in Osten, Psyche flog in Westen auf, und sie fanden sich oben mitten im Himmel, und die beiden Sonnen gingen auf – es waren nur zwei leise Töne, zwei aneinander sterbende und erwachende; sie tönten vielleicht; 'Du und ich'; zwei heilige, aber furchtbare, fast aus der tiefsten Brust und Ewigkeit gezogne Laute, als sage sich Gott das erste Wort und antworte sich das erste. Der Sterbliche durfte sie nicht hören, ohne zu sterben. Ich schlief in den Schlaf hinunter, doch schlaf- und todestrunken, war mir, als verhülle und vergifte mich der Blumenduft eines vorbeifliegenden Paradieses – –
Da fand ich mich plötzlich am alten ersten Ufer wieder, die böse Feindin stand wieder im wasser; aber sie zitterte wie vor Frost und zeigte ängstlich auf das glatte Meer hinter ihr, mit den Worten: 'Die Ewigkeit ist vorbei, der