Kamm will ich ihn künftig anblasen und abkämmen. Sagen Sie mir nichts von Liebe, Hr. Reisemarschall, sie ist zu dumm, eine hübsche Antike, die man den ganzen Tag ergänzen muss – ein Sonnentempel in Hosentaschenformat – und das dumme Ding glaubt, es lebe. Ich hab' es von ihr selber. Der Mensch führt sogar Gott vor einen Vergrösserungsspiegel, so unersättlich und so einfältig ist er Stecht mich in Kupfer, wie einen britischen Kampfhahn, ich will eben ein Monatskupfer zum Wolfsmonat abgeben, liebster Artilleriesekretär!" Als er fertig war und bloss den Koffer zuzusperren brauchte, schien er nachzusinnen und auf eine neue idee zu geraten. "Scher' Er sich weg, Leichenmarschall, ich sperre meinen Sarg schon selber zu und will auch den Schlüssel als Hals-Gehenke tragen und niemand hineinlassen als einen oder den andern guten Freund. Was die ganze und halbe Trauer um mich anlangt, so soll sie niemand anlegen als ich. Musik wird als Requiem während der Trauerzeit am wenigsten verboten, aber ich bestehe auf einem scharfen Trauer-Reglement. Der Nachtstuhl muss schwarz ausgeschlagen werden – man lasse das Kammergeschirr wie den Degen stahlblau anlaufen; – jede Maus in meinem Haus soll in Krepp gehen – meine Papilloten können Trauerschneppen sein und der Zopf in einer Trauerschleppe herabfallen. Aber was Henker ist das? Dort steh' ich ja leibhaftig und erscheine mir eigenhändig. – Warte, wir wollen gleich finden, wer von uns beiden wahren Du's der wahre und haltbarste ist."
Hier versetzte er sich und dem Notar zugleich einen derben Schlag und erwachte davon; erst nachdem er wie verdutzt sich von Walten lange auseinandersetzen lassen, wo und was er sei, wurde er dahin gebracht, sich angekleidet aufs Bett zu werfen. Indem beide einander eine Zeitlang bewachten, fielen beide in einen wahren Schlaf.
Jetzt weckte ihn Walt, der noch traumtrunken und in berauschter Vergessenheit der vorigen Szenen ihm aus dem Bette folgenden Traum aufdrang:
"Ich weiss kaum recht, wie oder wo der Traum eigentlich anging, wie ein Chaos wollte die unsichtbare Welt auf einmal alles gebären, eine Gestalt keimte auf der andern, aus Blumen wuchsen Bäume, daraus Wolkensäulen, aus welchen oben Gesichter und Blumen brachen. Dann sah ich ein weites leeres Meer, auf ihm schwamm bloss das kleine graue fleckige Welt-Ei und zuckte stark. Es wurde mir im Traum alles genannt, ich weiss aber nicht von wem. Dann fuhr ein Strom mit der Leiche der Venus durchs Meer; er stand fest, das Meer floss wieder an ihm hin. Darauf schneiete es helle Sterne hinein, der Himmel wurde leer, aber an der Mittagsstelle der Sonne entglomm eine Morgenröte; das Meer höhlte sich unter ihr aus und türmte in ungeheuren bleiernen Schlangen-Wülsten am Horizonte sich auf sich selber auf, den Himmel zuwölbend – und unten aus dem Meeresgrund stiegen aus unzähligen Bergwerken traurige Menschen wie Tote auf und wurden geboren. Eine dicke Gruben-Nacht quoll ihnen nach. Aber ein Sturm schlug sich auf den Dampf und zerquetschte ihn zu einem Meer. Gewaltig fuhr er auf und ab und schüttelte alle Wellen, hoch oben im stillen Blau flog langsam eine goldene Biene leise singend einem Sternchen zu und sog an dessen weissen Blüten, und rund um den Horizont standen Türme heiter mit leuchtenden Gewitterspitzen, bis wieder ungeheure Wolken, als reissende Tiere gestaltet, ankamen und am Himmel frassen.
Da hörte ich einen Seufzer, alles war verschwunden. Ich sah nichts als ein glattes stilles Meer, aus diesem brach die böse Feindin, ohne eine Welle zu machen, wie Licht durch Glas: 'Seit der Ewigkeit', fing sie an, 'ist das wasser öl-glatt, das bedeutet eben den grossen Sturm. Ich soll dir, sagt man, das älteste Märchen erzählen; bist du aber vorüber?' Sie sah seltsam aus, sie war in Meergrün und Meerblüten gekleidet, kleine Flossfedern zuckten an ihrem rücken, ihr Gesicht war meergrau und doch jung, aber voll kämpfender Farben. Ehe ich antwortete, fuhr die böse Feindin fort: 'Es war einmal ein ewiges Märchen, alt, grau, taub, blind, und das Märchen sehnte sich oft. Dort tief in der letzten Welt- Ecke wohnt es noch, und Gott besucht es zuweilen, um zu sehen, ob es noch flattert und sich sehnt. – Bist du denn vorüber? So schaue die Tiere am Ufer an!' – Am glatten Meere hinauf lag es voll reissender Tiere, welche schliefen, aber im Schlafe sprachen und einander einen uralten Heisshunger und Blutdurst erzählten.
Ehe ich antwortete, versetzte die böse Feindin: 'Vernimm das alte Widerhallen; noch kein Wesen hat den Ton gehört, den es nachspricht. Wenn aber einst der Widerhall aufhört, so ist die Zeit vorbei, und die Ewigkeit kommt zurück und bringt den Ton; sobald alles sehr still ist, so werde' ich die drei Stummen hören, ja den Urstummen, der das älteste Märchen sich selber erzählt; aber er ist, was er sich sagt. Hölle, du erschrickst wie ein Sterblicher, bist du denn nicht vorüber, Tor?'
Noch eh' ich antwortete, wuchsen ihr die Flossfederchen zu hohen zackigen Schwingen aus, womit sie mich unverdient und grimmig schlug; da verschwand alles, nur das schöne Tönen blieb. Es war mir, als sänk' ich in geflügelte Wogen eines wolkenhohen Meeres. Wie ein Pfeil schnitt ich durch seine weltenlange