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danken. Walt setzte hinzu, sein feierlicher Ton erschrecke ihn beinahe, auch fass' er den Zweck des Umtauschs wenig. Vult sagte, morgen werde' alles heiter entwickelt, und er selber sei gar nicht verdrüsslich, sondern eher zu spassend. Unter dem wechselseitigen Entpuppen und Verpuppen fiel Walt auf den Skrupel, ob er aber als Maskendame mit Wina, einer Dame, den versprochenen Englischen tanzen könne: "O, ich freue mich so sehr darauf", sagte er dem Bruder; "unter uns, es ist die allererste Angloise, die ich in meinem Leben tanze; aber auf mein heutiges Glück und auf die Maske muss ich ein wenig rechnen." Da schossen auf Vults dürrem Gesicht lebendige Mienen auf. "Himmel, Hölle", sagte er, "ebensoleicht nach dem Takte will ich niesen, oder die arme zurückstrecken und meine Flûte traversiere hinten anlegen, als, was du vorhast, nachtun. Deine Walzer bisher, nimm nicht die Nachricht übel, liefen als gute mimische Nachahmungen, teils waagrechte des Fuhr-, teils steilrechte des Bergmanus, im saal durch, aber einen Englischen, Freund! und welchen? Ein teuflischer, nicht einmal ein irländischer wirds. Und erwägst du deine Mittänzerin, die ja schamrot und leichenblass wird einsinken als eine Ritterin von trauriger Gestalt, als deine leidtragende Kreuzträgerin, sobald du nur stockst, plumpst, drunterfährst als Schwanzstern? – Aber dies ist nun alles so herrlich zu schlichten, als ich eben will. Der Pöbel soll nun eben sehen, dass der Fuhrmann sich entlarven und aus dem Tanz Ernst machen kann. Denn ich tanze in deiner Maske die Angloise. Sogar in Polen galt ich für einen Tänzer; geschweige hier, wo nichts von Polen tanzt als der Bär."

Walt blieb einige Minuten still, dann sagte er: "Die Dame, wovon ich meinte, ist Wina Zablocki, der ich die Mühe bisher gemacht haben soll. Aber da sie meiner Maske den Tanz versprochen, wie willst du mich und den Wechsel entschuldigen bei ihr?" – "O dies ist eben unser Triumph (sagte Vult); aber du sollst nicht eher erraten, wie ich es mache, als morgen." – Darauf entdeckte er ihm, er habe heute im Pharao so viel gewonnen, dass er durchaus ein Goldstück als Stückwerk zum Zerstücken von ihm annehmen müsse, wäre es auch nur, damit er unter den Zuschauern etwas zu tun habe, im Magenzimmer; dabei empfahl er ihm, sich als Spes mit keiner weiblichen Maske einzulassen, da aus einer guten Hoffnung leicht die andere werde.

Walts Abendstern trat allmählich wieder ins Vollicht, und als er Vulten die Halbbüste anlegte und ihm ins sehr ernste Gesicht und Auge sah, so sagte er heiss: "Sei froher! Freuden sind Menschenflügel, ja Engelsschwingen. Ich bin nur heute zu sehr von allem berauscht, als dass ich dir meinen Wunsch fein genug ausdrücken könnte, wie du noch mehr lieben solltest als mich." –

"Liebe", versetzte Vult, "ist, um in deiner Flötensprache zu reden, ewig ein Schmerz, entweder ein süsser oder ein bitterer, immer eine Nacht, worin kein Stern aufgeht, ohne dass einer hinter meinem rücken untertauchtFreundschaft ist ein Tag, wo nichts untergeht als einmal die Sonne; und dann ist es schwarz, und der Teufel erscheint. –

Aber ernstaft zu sprechen, die Liebe ist ein Paradies- und Spassvogelein Phönixvogel voll weicher Asche ohne Sonne ist zwar weiblichen Geschlechts, hat aber, wie die Ziege, Hörner und Bart, so wie wieder deren Ehemann wahre Milch hat54. Es ist beinahe einerlei, was einer über die Liebe sagt oder einwirft; denn alles ist wahr, zu gleicher Zeit. – Hiermit setze ich dir den Blusenkranz auf, und verkleide dich in das, was du hast, die Spes. Gehe aber durch meine tür in den Saal, wie ich durch deine sieh zu, schweige still und trinke fort!"

Walten kams beim Eintritt vor, als sehe jeder ihm den Larventausch an und kundschafte seinen Kern hinter der zweiten Hülse leichter aus als hinter der ersten. Einige Weiber merkten, dass Hoffnung hinter den Blumen jetzt blonde Haare statt der vorigen schwarzen trage, massen es aber der Perücke bei. Auch Walts Schritt war kleiner und weiblicher, wie sichs für Hoffnungen geziemt.

Aber bald vergass er sich und Saal und alles, da der Fuhrmann Vult ohne Umstände Wina, die jeder kannte, an die regierende Spitze des englischen Tanzes stellte und nun zum Erstaunen der Tänzerin mit ihr einen Tanzabriss künstlich entwarf und, wie einige Maler, gleichsam mit dem fuss malte, nur mit grösseren Dekorationsstrichen. Wina erstaunte, weil sie den Fuhrmann Walt vor sich zu haben glaubte, dessen stimme und Stimmung Vult wider Walts Voraussetzung hinter der Larve wahrhaft nachspielte, damit er nicht etwa als Lügner befunden werde, der sich für den Notarius nur ausgebe.

Spät am Ende des Tanzes liess Vult im eiligen Händereichen, im Kreuzen, im fliegenden Auf- und Ableiten sich immer mehrere polnische Laute entwischennur Hauche der Sprachenur irre, aufs Meer verwehte Schmetterlinge einer fernen Insel. Wie ein seltner Lerchengesang im Nachsommer klang Winen diese Sprache herab. Freudenfeuer brannten hinter ihrer halben Larve. Wie sie aus der einsilbigen Angloise in den sprachfähigen Walzer sich hinübersehnte, weil sie ihm ihr Erstaunen und Erfreuen gern anders als mit frohen Blicken sagen wollte, sahen seine, die keine frohen