in seine erste Schlacht auszieht. Mit häuslichem Gefühle, in der Doppelmaske des Bergknappen und Fuhrmanns gleichsam zu haus zu sein und nur wie aus zwei Mansardenfenstern zu gukken, trug er sich wie eine Sänfte über die Gasse und konnte es kaum glauben, dass er so herrlich ungesehen und zweigehäusig mit allen Seelen-Rädern überall vorbeigehe, wie eine Uhr in einer tasche. Durch einen Irrweg, der sein Leben verfolgte, trat er zuerst in das Punschzimmer ein, das er für den Tanzsaal hielt, worin Musik aus schicklicher Ferne schön-gedämpft eindringe Ihn wunderte nichts so sehr, als dass er seine Bergkappe, einfahrend in die schimmernde Baumannshöhle voll Figuren, nicht abzog. Als er sich kühn aus der Maske mit den Augen ans Fenster legte, fand er umhersehend nicht ohne Verwunderung viele nackte Angesichter, mit der abgeschundenen Maske in der einen Hand, in der andern mit einem Glas. Das allgemeine Schöpfen aus dem Gesundbrunnen oder Ordensbecher rechnete er zu den Ballgesetzen und verlangte sogleich sein Glas und darauf – weil eine Admiralsmaske sein Flügelmann und Muster war – noch eines. Wina sah er nicht, auch keinen Schein von Vult. Eine Ritterin vom Orden der Sklavinnen der Tugend ging gewandt umher und sah ihm sehr in die Augenhöhlen hinein. Endlich fasste sie seine Hand, machte sie auf und zeichnete ein H darein; da er aber von dieser Fern- oder Naheschreibekunst nichts wusste, drückte er ihre Hand mässig, anstatt solche zu beschreiben.
Endlich geriet er, da er das hereinströmende Nebenzimmer prüfen wollte, in den wahren schallenden brennenden Saal voll wallender Gestalten und Hüte im Zauberrauch hinaus. Welch ein gebärender Nordschein-Himmel voll widereinanderfahrender zickzackiger Gestalten! Er wurde dichterisch erhoben, da er, wie bei einer auferstehenden Erdkugel am Jüngsten Tage, Wilde, alte Ritter, Geistliche, Göttinnen, Mohren, Juden, Nonnen, Tiroler und Soldaten durcheinander sah. Er folgte lange einem Juden nach, der mit herausgeschnittenen Schuldforderungen aus dem Reichs-Anzeiger behangen war, und las ihn durch, dergleichen einen andern, welcher die Warnungstafeln des fürstlichen Gartens, an passende Gliedmassen verteilt, umhatte. Von einer ungeheuren Perücke voll Papilloten, welche der Träger abwickelte und austeilte, nahm er auch seine an und fand nichts darin als einen gemeinen Lobspruch auf seine bezaubernden Augen.
Am meisten zog ihn und seine Bewunderung ein herumrutschender Riesenstiefel an, der sich selber anhatte und trug, bis ein altväterischer Schulmeister mit dem Bakel ihn so kopfschüttelnd ernst und zurechtweisend ansah, dass er ganz irre wurde und sich selber an sich und an seinem Fuhrmanns-Hemde nach einem Verstosse umsah. Als der Schulmann dieses merkte, winkte und rügte er noch heftiger, bis der Notar, der ihm erschrocken in die dräuenden Augen geblickt, sich in die Menge einsteckte. Es war ihm etwas Fürchterliches, in die dunkle unbekannte Augenhöhle wie in die offne Mündung eines Geschosses hineinzuschauen und lebendige Blicke eines Unbekannten zu empfangen.
Noch hatte er weder Vult noch Wina gesehen; und ihm wurde am Ende bange, ob er auch in diesem Meere sie wie Perlen oder Inseln finde.
Auf einmal stellte sich eine Jungfrau mit einem Blumenkranz auf dem kopf vor ihn; aus dem mund der Maske hing ein Zettel des Inhalts: "Ich bin die personifizierte Hoffnung oder Spes, die mit einem Blumenkranz auf dem kopf und einer Lilie in der rechten Hand abgebildet wird; mit dem linken Arm stützt sie sich auf einen Anker oder eine starke Säule. S. Damms Mytologie, neue Auflage von Levezow §. 454." Walt, der anfangs in jeder Sache mit den dümmsten Gedanken geplagt war, wollte innerlich auf Wina raten, wäre die Gestalt nur feiner und weniger gross gewesen. Die Hoffnung drehte sich schnell um; eine verlarvte Schäferin kam und eine einfache Nonne mit einer Halbmaske und einem duftenden Aurikelstrauss. Die Schäferin nahm seine Hand und schrieb ein H hinein; er drückte die ihrige nach seiner Gewohnheit und schüttelte den Kopf, weil er glaubte, sie habe sich mit einem H unterzeichnen wollen. Plötzlich sah er die Halbmaske, nämlich das Halbgesicht der Nonne recht an, an der feinen, aber kecken Linie der Rosenlippen und am Kinn voll Entschiedenheit erkannt' er plötzlich Wina, welche bloss aus dem Dunkel mit sanften Augen-Sternen blickte. Er war mit der Hand schon auf dem Wege nach der Bergkappe, bis er sie nahe daran wieder in Maskenfreiheit setzte. "O wie selig!" sagt' er leise. "Und Sie sind die Mademoiselle Raphaela?" Beide nickten. "O was begehrt man denn noch in solcher geistertrunkenen Zeit, wenn man sich, verhüllt wie Geister ohne Körper, in elysischen Feldern wiedererkennt?"
Ein Läufer tanzte daher und nahm Raphaela zum Tanzen davon: "Glück auf, Hr. Bergknappe!" sagt' er entfliegend, dass Walt den Elsasser erkannte. Jetzt stand er eine Sekunde allein neben der ruhigen Jungfrau – die Menge war einen Augenblick lang seine Maske – neu, reizend drang aus der Halb-Larve wie aus der Blütenscheide einer gesenkten Knospe die halbe Rose und Lilie ihres Gesichts hervor. – Wie ausländische Geister aus zwei fernen Weltabenden sahen sie einander hinter den dunklen Larven an, gleichsam die Sterne in einer Sonnenfinsternis, und jede Seele sah die andre weit entfernt und wollte darum deutlicher sein.
Da aber Walt in dieser Stellung Miene machte, als wollte er einige Jubiläen dieser schönen Minuten feiern und erleben: so fragte ihn Wina, als Spes forschend die Sklavin der Tugend vorüberführte, ob er