ekelte vor der Krankenhülle: blieb jener dabei, er sehe hierin nichts als eine ungewöhnliche Maske, die ganz unerwartet sei. "Doch fahre meinetwegen in den Berghabit ein und damit in den goldhaltigen Lustschacht; aber mein Fuhrmanns-Hemd wirf wenigstens über das A-leder", sagte Vult. "Wenn in der Redoute", versetzte Walt, "sich das Leben und alle Stände untereinander und aneinander mischen: so mögen zwei sich wohl an einem Menschen finden und einen." – "Verzeih nur das ganz gewöhnliche Bergwort", sagte Vult, für welchen es keine grössere Freude gab, als Walten ins verlegne Gesicht zu schauen, wenn er von Culs de Paris sprach, welche er anus cerebri Lutetiae nannte (so heisst der Anfang der vierten Gehirnkammer), nie ein anderes Wort zur Übersetzung erlas als das gedachte, so sehr auch schon dem schwachen Kenner der deutschen Sprache der grösste Reichtum zum Wechsel vorliegt.
"Er kann nämlich", wandt' er sich zu Flitten, "das bekannte Wort A- nicht leiden; ich bin hierin fast mehr frei wie irgendein Pariser oder Elsasser. Überhaupt, Hr. Flitte, sehe' ich doch nicht, warum die Menschen so viel Umstände machen, Sachen auf die Zunge zu bringen, zu welchen Gott selber mit seiner sagen musste: werdet! Zur Sünde sagte er es gewiss nicht. Kannst du denn überhaupt je vergessen, Hr. Notar – mehr frag' ich nicht –, wenn du an der grössten Hoftafel Europens speisest, die es geben soll, dass hinter den feinsten Ordensbändern doch Splanchnologien liegen, wovon jeder die seinige unter die zierlichsten Menschen mitbringt und sich damit vor den heiligsten Herzen, weil er die Splanchnologie nicht wie seinen Mantel dem Bedienten geben kann, verbeugt? Wenigstens ist dies immer meine Entschuldigung, wenn er mich scharf vornimmt, weil ich die Feder an der inneren unsichtbaren Überrocks-Klappe abstreife, indem er immer einwirft, die abgewandte Fläche sehe doch wenigstens der Geist; worauf ich ihm, wie gesagt, den Nabel der Menschheit entgegenhalte. Doch Scherz beiseite! Reden wir lieber von Liebe, die auf dem Larven-Ball gewiss nicht fehlen wird. Ewige, glaube' ich, dauert lange, und länger als man glaubt – denn ich wüsste nicht, warum ein Liebhaber die seinige beschwüre, wenn er nicht damit verspräche, sein Herz so lange brennen zu lassen als das Steinkohlenbergwerk bei Zwickau, das es nun ein Säkulum durch tut." – "Vive l'amour!" sagte Flitte.
Vult erzählte jetzt, Jakobine, die Schauspielerin, sei angekommen: "Sie wird auf dem Balle auch ihre Rolle spielen, spiele du weder den ersten noch den letzten Liebhaber, Walt. Es ist Teufelsvolk, die Weiber; scheinen sie schlimm, so sind sie es auch; scheinen sie es nicht, so sind sie es doch. Indes zieh' ich alle Jakobinen allen Prüden vor, welche ihre himmelblauen Netze durch den Äter aufspannen." Walt fragte, wie es denn eine arme Schöne machen solle, wenn Schein und Sein nichts hälfen. Allerdings ist eine gewisse Zurückziehung ein Netz, aber eines um einen Kirschbaum voll süsser Früchte, nicht um die Sperlinge zu fangen, sondern um sie abzuhalten. Aber Vults Zunge schonte, ungleich dem Löwen, jetzt keine Frau.
Walt trug mit stillem Beklagen des verarmten Bruders alles ganz gern. Vor Vult hatte sich die Lebensseite in die Nachtseite gekehrt, darum musste er im Schatten kalt sein und, wie andere Gewächse, GiftLüfte ausatmen. Hingegen der Liebe wendet sich die Himmelskugel, wie auch die irdische Welt sich drehe, stets mit aufgehenden Sternen zu. Wie ein Schiffer auf einem windstillen Meer, sieht sie ohne alle Erde Himmel über, Himmel unter sich offen, und das wasser, das sie trägt, ist bloss der dunklere Himmel. Als Vult mit Flitte freundlich fortging, dachte Walt: "Ich mach' ihm ja immer friedlicher; sogar mit dem Elsasser scheint er sich auszusöhnen."
Nr. 63. Titan-Schörl
Larven-Tanz
"Nachts werden wir uns sehen", sagte Vult zu Walt am Morgen der Redoute – und ging mit diesem Vorgrusse wie mit dem Entschleiern eines Schleiers davon. In der Einsamkeit brannte dem Notar der Tag zu hell für die schöne Nacht, woraus und wozu dieser Tag bestand. Unter dem Essen sehnte er sich nach dem Bruder, dessen leeres Gehäuse noch leerer wurde, weil er ihn abends antreffen sollte, ohne doch zu wissen in welcher Gestalt.
Walt ging in eine Larven-Bude und suchte lange nach einer Larve, welche einen Apollo oder Jupiter darstellte; er begreife nicht, sagte er, warum man fast nur hässliche vorstecke. Da Vult ihm geraten, erst um 11 Uhr in den vollen Saal zu kommen: so holte er im gemächlichen Anputzen sich aus jedem Kleidungsstück wie aus Blumenkelchen feinen Traum-Honig. – Das Ankleiden gerade in der Zeit des Auskleidens und das allgemeine späte Wachen und Lärmen der Stadt sowie des Hauses färbte ihm die Nachtwelt mit romantischem Scheine, besonders der Punkt, dass er eine Rolle in diesem grossen Fastnachtsspiele hatte. Wie anders klingt das Rollen der Wagen, wenn man weiss, man kommt ihnen nach, als wenn man es hört, mit der Nachtmütze vor dem Bett-Brett stehend!
Da er aus dem Stübchen trat, bat er Gott, dass er es froh wieder finden möge; es war ihm wie einem ruhmdurstigen Helden, der