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dunkeln; wo man von Finsternis in Finsternis fällt. O Bruder, was ist recht derber Schlaf nicht für ein köstlicher weiter Landsee für beidlebige Tiere, z.B. einen Aal, der matt vom schwülen land kommt, und der nun im Kühlen, Dunkeln, Weiten schwanken und schweben kann! – Oder leugnest du so etwas, und mehr?" – "Nun, so gebe dir Gott doch Träume, und die seligsten, die ein Schlaf nur haben kann", sagte Walt.

Nr. 62. Saustein

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Walt hatte nun in seinem (mit Blumen ausgeschmückten) Kopf nichts weiter als den Montag, an welchem er Wina sehen sollte, ohne zu wissen wo. Nach einigen Tagen liess ihm Raphaela durch Flora sagen, die Redoute am Montage sei durch eine Landestrauer verschoben. Er stutzte das Mädchen an und sagte: "Wie, es war eine Redoute?" Als ihm Vult aber nachher auf die Achsel klopfte und anmerkte, wahrscheinlich habe ihn Engelberta dahin bestellt und lasse es fein genug durch die Schwester sagen, so ging ihm ein Licht, ja ein Stern über Winas Montag auf. Seine Gehirnkammern wurden vier Maskensäle; er schwur, so lange sich abzukargenund sollte er verhungern –, bis er so viel Geld zusammen hätte, dass er zum erstenmal in seinem Leben den Larventanz besuchen und mitmachen könnte. "Hab' ich einmal eine Maske vor", dachte' er, "so tanz' ich selig mit ihr oder führe sie und frage wahrlich nichts darnach, wie alles aussieht." Wie sanft hätte es ihn berührt und gewärmt, wenn er seinen Zwillingsbruder an und in sein Herz und Geheimnis hätte ziehen können! Nur war es zu unmöglich. Die Schmerzen hatten in diesen harten Edelstein Winas Namen und Nein sehr tief geschnittendies ertrug er nicht, sondern er wollte den Juwel selber abnutzen und abscheuern, damit nichts mehr daran zu lesen wäre; nicht vor Liebe, sondern vor Ehrliebe, nicht vor sehnsucht, sondern vor Rachsucht hätte er sterben oder töten können. In diesem Zustand war es jedem, der kein Notarius war, schwer, mit ihm auszukommen. Vor allen Dingen missfiel ihm die Nähe und die Ferne, er verfluchte Quartier und Stadt, jenes fein, diese geradezu, indem er sie eine Schaluppe zu Brants Narrenschiff- eine Loge zum hohen Licht voll ausgelöschter, stinkender Studierlampenein Gebeinhaus von Geköpften ohne Schädelstätteeine Tierresidenz mit Viehmarkt und Tiergärten, feinen Käferkabinetten und einigen Mäusetürmen nannte; Ausdrücke, wovon er viele in den Hoppelpoppel oder das Herz hineinnahm. Walt leitete die Ergiessungen auf die Stadt doch auf sich selber, nämlich als ob der Bruder sagen wollte: "Deinetwegen sitz' ich im Nest." – "Ach wärst du doch glücklicher, Vult", sagte er einmal, und nicht mehr. "Was hast du von mir gehört?" sagte zornig Vult. "Nun eben das vorige", versetzte er und nahm ihm den Argwohn, dass er um die Fehlschlagung seiner liebes-Erklärung wüsste.

Am schönen Halbzimmer mit der arkadischen Aussicht auf das gemalte Bühnen-Dörfchen verschliss jetzt aller vorige Glanz. Vult donnerteals wäre Walt an der Störung des Flötens und Schreibens schuldhinter der Wand, wenn draussen ein guter angehender Zwerg von Tambour bei leidlichem Wetter sich auf der Trommel nach Vermögen übte und angriff; – oder wenn der näher wohnende Fleischer von Zeit zu Zeit ein Schwein abstach, das schrie, wenn er blies; – oder nachts, wenn der Nachtwächter so abscheulich absang, dass Vult mehrmals im Mondschein ihm über den Park hinüber die stärksten Schimpf- und Drohworte zuschreien musste.

Die milde Wärme des ewig liebenden Notars trieb und blähte seinen Sauerteig nur mehr auf; "auch ich wäre an seiner Stelle", sagte Vult, "ein Gottes-Lamm und eine Madonna und ein Johannes-Schoss-Jünger, wenn ich das hätte, wofür er seine Grazie hält."

Der Notar aber dachte bloss an den Larventanz und an die Mittel dazu. "O liebte nur mein Bruder irgendeine Geliebte, wie leicht und selig wollten wir sein! Wir drückten dann alle uns an eine Brust, und welche er auch liebte, es wäre meine Geliebte mit. – So ist es leicht, ihm alles zu vergeben, wenn man sich an seine trübe Stelle nur setzt!"

Zufällig verflogen sich in ihre Zimmer Lose einer Kleiderlotterie. Da nun Walt aus der Sattel- und Geschirrkammer der Masken manches brauchte und nichts hatte, und Vult gar noch weniger, und doch beide in die Redoute begehrten: so nahm jeder ein Los, um etwa eine Maske zu ziehen.

Beide scharrten das Losgeld zusammen, Vult unter vielem Fluchen auf ihre Nichtshaberei und unter dem Beschwören, es geh' ihm so schlimm als den Hinterbacken eines Gaules. – Überhaupt hielt er über jeden Mangel und Unfall lange Schimpfreden gegen das Leben, indem er sagte, auf der Vorhöllen-Fahrt sei das Leben ein Hemde-Wechseln, nämlich mit HärenHemden, und zu jedem pis sage das Schicksal bis, und auf das Kanonen-Fieber folge das Lazarett-Fieberoder indem er fragte, ob nicht so das Gebiss den Zahnfrass bekommen müsste, da es nichts anderes anzubeissen habe, wie Mühlsteine ohne Körner sich selber angreifen. – Bald sagte er auch, das Leben sei durch Eis gut darzustellenauf einem Eisfeld habe man, ausser kalter Küche und Gefrornes, noch seinen russischen Eispalast mit