, Tränen und Gräber; und vor ihr berührt das Leben, wie die niedergehende Sonne auf den nordischen Meeren am langen Tage, nur mit dem rand die Untergangs- Erde und steigt dann wieder morgendlich den Himmelsbogen hinauf.
Beide Freunde gingen Arm in Arm, endlich Hand in Hand in den Strassen umher. Walts kurze Lustigkeit war dem tiefern Fühlen gewichen. Er sah sich oft um und in Vults Gesicht hinein: "So müssen wir bleiben in einem fort, wie jetzt", sagt' er. Geschwind drückte ihm Vult die Hand auf den Mund und sagte: "Der Teufel hörts!" – "Und Gott auch", versetzte Walt; und fügte dann leise, rosenrot und abgewandt hinzu: "In solchen Nächten solltest du auch einmal das Wort 'Geliebte!' sprechen." – "Wie?" sagte Vult rot, "dies wäre ja toll."
Nach langem Genuss des hellen Vorfestes sahen sie endlich Wina mit Engelberta wie eine weisse BlumenKnospe in das Feuerhaus einschlüpfen. Hoffend auf die ausgearbeiteten Pläne seiner Liebeserklärung und so glücklich wie ein Astronom, dem sich der Himmel aufklärt, ehe sich der Mond total verfinstert, suchte Vult jetzt die Ohren des Bruders in etwas vom Liebhaber- Teater wegzustellen, indem er ihm vorhielt, wenn er in einiger Ferne z.B. unten im Park zuhorchte, würden ihn die Töne viel feiner ergreifen. "Guckst du mir über die Achsel: so ist es soviel, als schnaubest du selber mit ins Flötenloch hinein, wobei wenig zu holen ist; und was überhaupt die Heldin des ganzen Musikfestes zu einem Lager, das zwei junge Männer vor ihrem eignen im Bette aufschlagen, sagt, braucht doch auch Bedacht, mein Walt!" – "Da es dir so lieb ist, so wend' ich nichts ein", sagte dieser und ging in den kalten Garten, wo der blendende Schnee so gut gestirnt war als der tiefe Äter.
Aber oben ging es wider Vults Vermuten, doch nicht wider dessen Wunsch. Engelberta versicherte, ihre Schwester würde, da sie Flöte und stimme so kenne, vom ersten Anklang erwachen und alles verderben. "So muss die Musik in grösster Ferne anfangen und wachsend sich nähern." – "Gut, das geschieht im Park", sagte Wina und eilte hinab. Auf der Treppe, hinter nahen Ohren, nahm Vult eiligst alle musikalische Abreden mit ihr, damit er auf dem einsamern Park-Wege nichts zu machen brauchte als seine Eroberung. Zu seinem Schrecken stand jetzt wie eine stille Pulverschlange, die bloss auf das Loszünden wartete, der Notar auf der Hauptstrasse, der mit seiner heitern Miene sich und andern versprach, mitzugehen und alles zu begleiten. Wina gab ihm einen freudigen Morgen-, dann noch einen Neujahrs-Gruss und die Frage: "Geht nicht alles vortrefflich?" – "Sta, Sta, Viator!" sagte Vult und winkte ihm heftig rückwärts, stillzuliegen – was jener nachdenkend vollzog, "weil ich ja", dachte' er, "nicht weiss, was er für Ursachen dazu hat".
"Ein wahrer, inniger Mensch und Dichter", begann Vult. "Seine Gedichte sind himmlisch", versetzte sie. "Dennoch haben Sie uns beide als Verfasser verwechselt?" fragt' er rasch, weil ihm wie einem Ewigen und Seligen jetzt nichts fehlte als Zeit. "Ein solcher Irrtum verdient nicht die geringste Verzeihung, sondern Dank. Eine andere, aber richtigere Verwechslung denke' ich mir eher – (Wina sah ihn scharf an). Denn ich und er haben ein paar gegenseitige Zwillings-Geheimnisse des Lebens, die ich niemand in der Welt entdecke – ausser Ihnen, denn ich vertraue Ihnen." – "Ich wünsche nichts zu wissen, was ihr Freund nicht gern erlaubt", versetzte sie.
Jetzt sprang er, weil das Entdeckungs-Gespräch viel zu lange Wendungen nahm und er vergeblich auf langsamere Schritte sann, um ihr näher zu kommen, plötzlich vor eine Linde und las davon folgende Tafelschrift von Raphaelen ab: "Noch im Mondenschimmer tönen Bienen in den Blüten hier und saugen Honig auf; du schlummerst schon, Freundin, und ich ruh' hier und denke' an dich, aber träumst du, wer dich liebt?"
"Eilen wir nur", sagte sie. "Wie köstlich ist ihr Auge wiederhergestellt!" – "Ich nehme auch alles lieber von Amor an, besonders die Giftpfeile, als die Binde; ich sah Sie stets, verehrte Wina, wer dabei von uns beiden am meisten gewinnt, das weiss nicht ich, sondern Sie", sagte er mit feiner Miene.
"Schön", fuhr er fort, "hat der Dichter in Ihren Gesang die Zeile eingewebt: 'träumst du, wer dich liebt?'" – Darauf drehte er sich halb gegen sie, sang ihr leise diese Zeile, die er absichtlich zu diesem Gebrauche komponiert, ins treuherzige Angesicht, und sein schwarzes Auge stand im langen Blitze der Liebe. Da sie schwieg und stärker eilte: so nahm er ihre Hand, die sie ihm liess, und sagte: "Wina, Ihr schönes Herz errät mich, Ihnen will ich anders, ja, wenn es nicht zu stolz ist, ähnlicher erscheinen als der Menge. Ich habe nichts als mein Herz und mein Leben; aber beides sei der Besten geweiht." – "Dort, Guter!" sagte sie leise, zog