, weil sie es für einen Tag ansehen.
Vult war nun entschlossen, in der Neujahrs-Nacht auf Winas Herz seine feindliche Landung – mit der Flöte in der Hand – zu machen. Hoffnungen hatte' er – da aus Gemeinschaft der Arbeit leicht die des Herzens wird und aus dem Faktor der Handelswitwe leicht ihr Mann – genug: "Wenn ein Paar durch das Ausführen eines zweistimmigen Satzes nicht einstimmig werden: so irr' ich mich sehr", sagt' er. Walt hingegen entwarf keinen andern Eroberungsplan als den, Wina verstohlen anzuschauen – vor Freude zu weinen – ja heranzurücken mit sich – und, wenn Gott ihm Finsternis oder sonst gelegenheit bescherte, im Saus und Braus der Wonne ihre Hand zu küssen und gewiss irgend etwas zu sagen. Bis dahin sagte er ihr noch mehr, aber gedruckt auf Taffent und feinstem Papier.
Da er nämlich durch seinen poetischen Anteil an der Hasslauer Zeitung das Vertrauen des Herausgebers so sehr gewonnen hatte, dass dieser von ihm die ganze Lieferung gedichteter Neujahrswünsche, eines beträchtlichen Handels-Artikels des Mannes, sich verschrieben, so legte er in die Blätter, die für Mädchen verkauft wurden, unzählige Phönix-, Paradiesvögelund Nachtigallen- Eier zum Wünschen nieder, welche das Schicksal später ausbrüten sollte; nämlich es gab mit anderen Worten wenig Freudenkränze, Freudenmonde, Freudensonnen, Freudenhimmel, Freudenewigkeiten, welche er auf dem Taffent nicht den verschiedenen Mädchen wünschte, bloss in der Hoffnung, dass unter so vielen Wünschen wenigstens einer von so vielen Freundinnen Winas werde gekauft werden, für diese. "O wohl zehn!" sagt' er. So kam Weihnachten heran und ging vorüber, ohne dass aus der Asche der Kindheit die gewöhnlichen schillernden Phönixe aufstiegen – da die Neujahrs-Nacht ihnen zu nahe vorglänzte –, und diese brach endlich mit ihrer Abend-Aurora an, die noch dem alten Jahre gehörte.
Noch abends beim Schimmer des Hesperus oder sonst eines Sterns verflucht' es Vult von neuem, dass er nichts weiter hatte als die schönste gelegenheit, aber kein Geld, nachts den galantesten Mann von Welt bei den Jungfrauen zu spielen: "Ich wollte, ich wäre wie schlechtere Musici mit dem Bettelorden der Neujahrsfahrer umhergeschifft und hätte wenigstens mir soviel erbettelt, um den Reichen zu machen", sagt' er. Sobald Engelberta ihn auf 4 Uhr morgens in die grosse gelbe stube mit dem Bewussten bestellte: so ging er nachts mit Walt freudeglühend in das Weinhaus, wo er als ein alter Hausfreund den Tag vorher (es kostete ihm bloss seine feinen Beinkleider-Schnallen) Champagner-Wein ohne Kork aufs Eis setzen lassen, um, wie er sagte, die Ruinen ihres Hunds-Lebens ein wenig auszutapezieren.
Walt nahm sich eine halbe Stunde Zeit, um zu begreifen, dass dem offenen Weine kein Weingeist verrauchet sei. Dann trank – allen Nachrichten zufolge, die man hat – jeder; doch so, dass beide einander als positive und negative Wolken entladend entgegenblitzten, Walt mehr mit scherzhaften Einfällen, Vult mit ernsten. In einer Blumenlese aus ihrem gespräche würden die Farben so bunt nebeneinander kommen, als hier zur probe folgt:
"Der Mensch hat zum Guten im Leben so wenig Zeit als ein Perlenfischer zum Perlen-Aufgreifen, etwa zwei Minuten. – Manche Staatseinrichtungen zünden ein Schadenfeuer an, um die eingefrornen Wasserspritzen aufzutauen, damit sie es löschen. – Man steigt den grünen Berg des Lebens hinauf, um oben auf dem Eisberge zu sterben. – Jeder bleibt wenigstens in einer Sache wider Willen Original, in der Weise zu niesen. – Winckelmann verdient Suworows Ehrennamen Italiskoi. – Heimlich glauben die meisten, Gott existiere bloss, damit sie erschaffen wurden; und die durch den Äter ausgestreckte Welten-Partie sei die Erdzunge ihres Dunst-Meers, oder ihre Erde sei die Himmelszunge. – Jeder ist dem andern zugleich Sonne und Sonnenblume, er wird gewendet und wendet. –
Viele Witzköpfe an einer Tafel, heisst das nicht mehrere herrliche Weine in ein Glas zusammengiessen?
– Kann eine Sonne mit andern Kugeln als WeltKugeln beschossen werden? – Sterben heisst sich selber durch Schnarchen wecken."
Und so weiter; denn im Verfolge war viel weniger Zusammenhang und mehr Feuer. So schlug endlich die Totenglocke des Jahrs; und der unsichtbare Neumond des neuen schrieb sich bald mit einer SilberLinie in den Himmel ein. Als die Gläser endlich geleert waren wie das Jahr: so lustwandelten beide auf der Gasse, wo es so hell war wie am Tage. Überall riefen sich Freunde, die von Freuden-Gelagen herkamen, den Neujahrs-Gruss zu, in welchem alle Morgenund Abendgrüsse eingewickelt liegen. Auf dem TurmGeländer sah man die Anbläser des Jahrs mit ihren Trommeten recht deutlich; Walt dachte sich in ihre Höhe hinauf, und in dieser kam es ihm vor, als sehe er das Jahr wie eine ungeheure Wolke voll wirbelnder Gestalten am Horizont heraufziehen; und die Töne nannten die Gestalten künftiger Stunden beim Namen. Die Sterne standen als Morgensterne des ewigen Morgens am Himmel, der keinen Abend und Morgen kennt; aber die Menschen schaueten hinauf, als gäb' es droben ihren eiligen Wechsel und ihre Stundenund ihre Totenglocken und den deutschen Januar.
Unter diesen Gefühlen Gottwalts stand die Geliebte als ein Heiligenbild, von Sternen gekrönt, und der himmels-Schein zeigte ihre grossen Augen heller und ihre sanften Rosenlippen näher. Nicht wie sonst stellte ihm das alte Jahr, das an der Geburt des neuen starb, das Vergehen des Lebens dar; die Liebe verwandelt alles in Glanz