"Wen hat Hr. Harnisch von den Kontrakten gelesen? – Wie viele Personen sind zu einem Gerichte erforderlich? – Wieviel wesentliche Stücke gehören zu einem ordentlichen Prozesse?" Der Notariand nannte sehr nötige, schlug aber die Ungehorsams-Beschuldigung nicht an. "Nein, Herr, 13 sinds schon nach Beieri Volkmanno emendato", sagte der Pfalzgraf heftig.
"Hat man Kaiser Maximilians Notariats-Ordnung von anno 1512 zu Cöln aufgerichtet nicht nur oft, sondern auch recht gelesen?" fragt' er weiter.
"Sauberer und eigenhändiger konnte mans ihm nicht abschreiben als ich, Hr. Hofpfalzgraf!" sagte der Schulz.
"Was sind Lytae?" fragte Knoll.
"Lytae oder litones oder Leute (antwortete freudig Walt, und Knoll rauchte ruhig zu seiner Vermengung fort) waren bei den alten Sachsen Knechte, die noch ein Drittel Eigentum besassen und daher Kontrakte schliessen konnten."
"Eine Zitation dazu!" sagte der Pfalzgraf.
"Möser", versetzte Walt.
"Sehr wohl", antwortete der Fiskal spät und rückte die Pfeife in die Ecke des formlosen Mundes, der nun einer aufgeschlitzten Wunde glich, die man ihm ins Siberien des Lebens mitgegeben, "sehr wohl! Aber lytae sind sehr verschieden von litonibus; lytae sind die jungen Juristen, die zu Justinianus' zeiten im vierten Jahre ihres Kurses den Rest der Pandekten absolvierten4; und die Antwort war eine Ignoranz."
Gottwalt antwortete gutmütig: "Wahrhaftig, das hab' ich nicht gewusst."
"So wird man wohl auch nicht wissen, was auf den Strümpfen, die der Kaiser bei der Krönung in Frankfurt anhat, steht?" – "Ein Zwickel, Gottwalt", soufflierte hinter ihm Goldine. "natürlich", fuhr Knoll fort; "Hr. Tychsen hat es uns folgendergestalt ins Deutsche übersetzt aus dem arabischen Texte: 'ein prächtiges königliches Strumpfband.'" – Darüber, über den Text und Übersetzer der Strümpfe, fuhr das Mädchen in ein freies Gelächter aus; aber Vater und Sohn nickten ehrerbietig.
Unmittelbar nachdem Walt aus der durchlöcherten Fischwaage des Examens blöde und stumm gestiegen war, ging der Pfalzgraf ans Kreieren. Er sprach mit der Pfeife und auf dem Sessel Walten den NotariatsEid auswendig zum Erstaunen aller vor; und Walt sagte ihn mit gerührter stimme nach. Der Vater nahm die Mütze ab; Goldine hielt ihre Strumpfwirkerei innen. Der erste Eid macht den Menschen ernst; denn der Meineid ist die Sünde gegen den Hl. Geist, weil er mit der höchsten Besonnenheit und Frechheit ganz dicht vor dem Trone des moralischen Gesetzes begangen wird.
Jetzt wurde der Notarius bis auf das letzte Glied, auf die Fersen gar ausgeschaffen. Dinte, Feder und Papier wurden ihm von Knollen überreicht und dabei gesagt, man investiere ihn hiemit. Ein goldner Ring wurde seinem Finger angesteckt und sogleich wieder abgezogen. Endlich brachte der Comes palatinus ein rundes Käppchen (Barettlein hiess er es) aus der tasche und setzte es dem Notarius mit dem Beifügen auf den Kopf, ebenso ohne Falten und rund sollen seine Notarien-Händel sein.
Goldine rief ihm zu, sich umzudrehen; er drehte ihr und Vulten ein Paar grosse blaue unschuldige Augen zu, eine hochgewölbte Stirne und ein einfaches beseeltes durchsichtiges, mehr von der inneren als von der äussern Welt ausgebildetes Gesicht mit einem feinen mund, welches auf einem etwas schiefen Torso stand, der wieder seinerseits auf eingeklappten KnieWinkeln ruhte; aber Goldinen kam er lächerlich und dem Bruder wie ein rührendes Lustspiel vor und im Schanzlooper wie ein Meistersänger aus Nürnberg. Noch wurde' sein Notariatssignet und das in Hasslau verfasste Diplom dieser Würde übergeben; – und so hatte Knoll in seiner Glashütte mit seiner Pfeife den Notarius fertig und rund geblasen – oder bloss in einer andern Metapher, er brachte aus dem Backofen einen ausgebacknen offnen geschwornen Notarius auf der Schaufel heraus.
Hierauf ging dieser zum Vater und sagte gerührt mit Händedrücken: "Wahrhaftig, Vater, Ihr sollet sehen, welche Wogen auch....." Mehr konnte' er nicht vor Rührung oder Bescheidenheit sagen. "Konsideriere besonders, Peter, dass du Gott und dem Kaiser geschworen, bei Testamenten 'absonderlich derer Hospitäler und anderer notdürftiger Personen Sachen, desgleichen gemeine Wege befördern zu helfen'. – Du weisst, wie schlecht die Wege ums Dorf sind, und unter den notdürftigen Personen bist du die allererste." – "Nein, ich will die letzte sein", versetzte der Sohn. Die Mutter gab dem Vater einen silberhaltigen Papier-Wickel – denn die Menschen versilbern, sozusagen, die Pille des rohen Geldes einander durch Papier, erstlich aus feiner Schonung des fremden Eigennutzes, und zweitens, um es zu verstecken, wenn es zu wenig sein sollte –; der Vater drückt' es höflich in die fiskalische lang gedehnte haarige Hand mit den Worten: "Pro rata, Hr. Hoffiskalis! Es ist das Schwanz-Geld von unserer Kuh und etwas darüber. – Vom Kaufschilling des Viehs soll der Notarius auskommen in der Stadt. – Morgen reitet er das Pferd des Fleischers hinein, der sie uns abgekauft. Es ist blutwenig, aber aller Anfang ist schwer; beim Aufgehen der Jagd hinken die Hunde noch; ich habe manchen gelehrten Hungerleider gesehen, der anfangs von nichts lebte. – Sei nur besonders vigilant, Peter, denn sobald der Mensch auf der Welt einmal etwas Braves gelernt" –
"Ein Notarius", fing heiter Knoll unter dem GeldEinstecken an und hielt die Pfeife lange