dem Eise wäre er nicht viel leichter zu drehen gewesen als ein Kriegsschiff. Vielleicht wird der Druck einer niedrigen Abstammung nie schmerzlicher empfunden als in den geselligen Festen, zu welchen die dürftige Erziehung nicht mit den Künsten der Freude ausrüstete, wie Tanz, Gesang, Reiten, Spiel, französisches Sprechen sind.
Gegen Raphaela war Vult der artigste Mann, den es auf dem Teiche gab, sagte ihr Höflichkeiten über ihre für diesen Tanz gemachte Gestalt – welche ihm und ihr leicht zu glauben waren, weil sie wirklich einige Zolle über Wina hinaus mass – und schnitt oder fuhr sogar ihr Namens-R mit den Schuhen in die Eisrinde wie in eine Baumrinde ein.
Sie nahm indes sein höfliches Übermass ohne eigenes auf; vielleicht weil das seinige den Scherz nicht genug verbarg und weil sie als eifersüchtige Freundin Winas unwillig die Hand sah, die er so offen nach dieser ausstreckte. Er überhüpfte oder überfuhr es. Zu Engelberta sagt' er: "Wir wollen Geliebtens spielen." – "Auf dem Eise bin ich dabei", erwiderte sie; und so neckten beide sich leicht und rasch mit ihrem Rollen-Schein, er mit edel- und weltmännischer Keckheit, sie mit kaufmännischer weiblicher. "Wüsste man nur", schien sie zu denken, "ob er mehr ein seltsamer Haberecht wäre als ein närrischer Habenichts: dann wäre mehr zu tun."
Fünfmal hatte schon Walt an sein Musikblatt gedacht, um es einzuhändigen, und es viermal vergessen, wenn Wina wie seine ganze Zukunft um sein Ufer flog oder gar ihn mit einem Blumenblicke bewarf, dem er zu lange nachträumte. Endlich sagte er der Eisfahrerin: "Zwei Ja sind neben Ihnen." – "Ich verstand sie nicht ganz", sagte sie lächelnd wiederkommend und entglitt. Er ging ihr am Ufer ein wenig entgegen aufs Eis: "Ihr Wunsch wurde auch der fremde", sagte er. "Wie ist es mit der Flötenmusik?" fragte sie fliehend. "Ich trage Musik und Text bei mir, aber nicht bloss am Herzen", antwortete er, als sie wieder herfuhr. "Wie herrlich!" sagte sie umwendend und glänzte vor Freude.
Vult flog wie eifersüchtig fragend her: "Hat sie das Blatt?" – "Sehr hingedeutet hab' ich dreimal", versetzte Walt, "aber wie natürlich fährt sie nicht unweiblich vor mir aus und steht." Jener zog seine Flöte öffentlich vor und sagte laut, dass der ganze Teich es hörte: "Hr. Harnisch, Sie haben vorhin mein Musikblatt eingesteckt? Jetzt blas' ich." Dieser reichte es (seinem Blicke mehr als seinem Worte) zu. Wina kam herbei. "Können Sie", sagte Vult laut zu ihr, es übergebend, "im Mondschein noch lesen, was ich abspiele?" Das trauende Mädchen sah ihn lieblich an und ernstaft ins Blatt hinein, da er zu flöten anhob. Am Härchen des Zufalls hing nun der ganze NeujahrsMorgen herab, zwar kein Schwert, aber eine blumige Krone. Gleichwohl tobt und jauchzet der Mensch wechselnd über dasselbe Härchen, bloss weil es zur einen Zeit ein Schwert, zur andern ein Diadem über seinem kopf hält und auf diesen fallen lässt.
Wina las lange auf dem Blatt Noten nach, die er gar nicht blies, bis sie endlich Vults ende-Absichten merkte und erfüllte. Wie flog sie dann der Flöte nach, um mit Blicken zu danken – und Walts Stand-Ufer vorüber, um ihn anzuschauen – und freudig über die kalte Fläche, weil ihre freundschaftlichen Wünsche so schön begünstigt waren und dieser Nacht nichts mehr fehlte als die erste des künftigen Jahrs. Welche erfreuete Blicke warf sie auf ihre Freundin und zum Sternenhimmel! Dazu ging nun die umherirrende Flöte, die wie mit einem Springstabe den Notar vom Eis der Erde ans Empyreums-Eis des himmels aufhob. Alles war zwar selig, Vult besonders, Walt aber am meisten. "Ach wolltest du mir nicht", sagte Vult herfahrend mit vergnügtem Gesicht, "ein paar Doppel-Louis vorstrecken nur auf zwei Stunden, armer Wicht?" – "Ich?" fragte Walt. Aber jener fuhr und blies fröhlich weiter, um als Chorführer mit Sphärenmusiken den himmlischen Körpern auf dem Eise vorund nachzuschweben. Wenn die Tonkunst, welche schon in die gemeine feste Welt gewaltsam ihre poetische einschiebt, vollends eine offne bewegte findet: so wird darin statt des Erdbebens ein Himmelbeben entstehen, und der Mensch wird sein wie Walt, der das Ufer mit stillen Dankgebeten und lautem Freudenrufen umlief und seine Herzens-Welt, sooft die Flöte sie ausgesprochen, immer von neuem und verklärter erschuf. Er sammelte alle fremde Freuden wie warme Strahlen in seiner stillgehaltenen Seele zum Brennpunkte. Den mit Sternen weissblühenden Himmel liess er ins kleine Nachtigallenspiel herabhängen, und der Mond musste seinen Heiligenschein mit Winas Gestalt zusammenweben. "Dieser Mond", sagt' er sich, "wird in der Nachmitternacht des Neujahrs fast wieder so am Himmel stehen, und ich werde nicht nur die Flöte und meine Gedanken, auch ihre stimme hören. – Die Sterne des Morgens werden blinken – und ich werde erst unter dieser künftigen Musik denken: So gross hätt' ich mir die Wonne am frohen Abend der Eisfahrt nie gedacht."
Jetzt trat er immer weiter in den Teich hinein oder stach weiter in die See oder ins Eismeer, um der Geliebten näher zu begegnen. Da sie ihn nun ein paarmal nahe umkreisete und seine Freudenblumen den höchsten