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Walt", dachte' er im Bette, "würde ihn ein andrer wohl im Hauptpunkte so durchschauen wie ich? – Kaum!"

Nr. 60. Scherschwänzel

Schlittschuh-Fahrt

Der nächste Tag des Notars war aus 24 Morgenstunden gemacht, weil er Über das Geburtstagslied für Wina nachsann. Der zweite bestand aus ebenso vielen Mittagsstunden, weil er es ausführte. Es war, als müsst' er sich selber verklären, um Winas heiliges Herz auf seine Zunge zu nehmen; als müsst' er in Liebe zerrinnen, um ihre Liebe gegen die Freundin in seiner Seele wie ein zweiter Regenbogen neben dem ersten nachzuglänzen. Da die Liebe so gern im fremden Herzen lebt: so wird sie noch zärter, wenn sie in diesem wieder für ein drittes zu leben hat, wie das zweite Echo leise Über die Milde des ersten siegt. – Dies alles aber war nur leichtes Säen im Frühling, wo lauter neue Sänger am Himmel flogen; aber am zweiten Tage fiel die heisse Ernte ein Walt musste um die äterischen Träume die feste Form des Wachens legen, nämlich nicht nur die neue metrischer Verhältnisse, sondern auch musikalischer, weil Vult oft den besten Gedanken weder sing- noch blasfähig fand. So muss sogar der Geist des Geistes, das Gedicht, aus seinem freien Himmel in einen Erdenleib, in eine enge Flügel-Scheide ziehen. Vult hingegen hatte leicht Gesang und Begleitung gesetzt; denn im unermesslichen Äter der Tonkunst kann alles fliegen und kreisen, die schwerste Erde, das leichteste Licht, ohne zu begegnen und anzustossen.

Da Walt bekanntlich das Gedicht in seinem Roman ganz abdrucken lassen, nur mit wenigen, aber unwesentlichen Abänderungen in den Stellen: "Wach auf, Geliebte, der Morgen schimmert, dein Jahr geht auf" – dann: "Schläferin, hörst du nicht die Liebe rufen, und träumst du, wer dich liebt?" – und endlich: "Dein Jahr sei dir ein Lenz und dein Herz im langen Mai die Blume" – so setz' ich die Verse als allgemein bekannt voraus.

Jetzt war bloss die Schwierigkeit, Winen Musik und Text zuzuspielen. Walt schlug mehrere ausführbare Mittel und Wege dazu vor, die sehr dumm waren, Vult schlug aber jedes aus, weil man beim Treibjagen der Mädchen, sagt' er, nichts zu tun habe als ruhig zu stehen auf dem Anstand schussfertig, um sogleich abzubrennen, wenn sie das wild vortreiben.

Indes wurde nichts gebracht; Wina verstand von den weiblichen Vermittlers- und Dietrichs-Künsten soviel als Walt. Endlich erschien eine helle Dezember-Dämmerung im Park, wo der lange See (es war ein schmaler Teich) mit dem Besen von Schnee gesäubert wurde, und wo später, da der Mond scharf jeden dürren Schatten-Baumschlag auf den weissen Grund abriss, nicht nur die drei Ursachen davon verschwanden in die nahe Rotondaein schönes Rindenhaus, das dem römischen Panteon auffallend ähnlich war in der Öffnung nach oben –, sondern auch sogleich einander wieder herausführten aufs See-Eis, weil die drei sämtlich Schlittschuhe darin angeschnallet hatten, Wina sowohl als Raphaela und Engelberta.

"Göttlich", rief Walt, als er fahren sah, "fliegen die Gestalten wie Welten durcheinander, umeinander; welche Schwung- und Schlangenlinien!" Eben machte Engelberta, beide arme malerisch aufgehoben, hernickende Fingerwinke. "Lauf mit deinem Musikblatt und sei drunten ein Mensch!" sagte Vult zu Walt. "Sie wollen uns beim Teufel." – "Unmöglich", versetzte Walt, "betrachte doch die Dämmerung und die Zärte!" – "Für ein Paar Stiefel hat doch der See noch Platz?" fragte Vult hinab und flatterte drei Treppen hinunter, um einen Ladendiener ohne weiteres zum Nachtragen von ein Paar Schlittschuhen zu kommandieren, die er voraussetzte.

Walt steckte das heilige Blatt voll Ton- und Dichtkunst an einen Ort, den er für schicklicher als die Rocktasche ansah, nämlich an dessen Geburtsort' d.h. unter die Weste ans Herz. Drunten am See-Teich liess er an seinem langen Bückling die drei Danksagerinnen vorübergleiten und teilend losen, weil er nicht offenbaren konnte, wieviel er jeder vom Rückenbogen abschneide.

Aber welche entwickelnde Lebenskraft war mit Vulten aufs Eis gefahren, und wie schwebte der Geist über dem wasser, das gefroren war! – Zuerst bald Winas Bart-, bald ihr Wandelstern, bald ihre gerade schiessende Sternschnuppe zu sein, damit fing er ansie Schachkönigin zu decken gegen jede Königin, es sei als Läufer, als Springer oder Turmals Amors Pfeil zu fliegen, so oft sie Amors Bogen wares nicht zu leiden, wenn sie kühner fliegen wollte als er, sondern sie so lange zu überbieten, bis er selber überboten wurde und dann leichter den Wettflug mit einem Doppelsiege schlossdies war die Kunst, womit seine schöne, von der Welt erzogne Gestalt ihren Wert entwickelte in leichter Haltung und Wechslung.

Walt war am Ufer als Strandläufer ausser sich vor Lust und warf laut den schönen Tanz- und SchwebLinien Kränze von Gewicht in so richtigen Kunstwörtern zu, dass man hätte schwören sollen, er tanze. Er sprach noch vernehmlich von drei Grazien; – "welche noch dazu", versetzte Vult, "wenn nicht um die Venus, doch um deren Mann tanzen; und was fehlt denn uns, Herr Harnisch, zu drei Weisen als die Zahl?" – Nur musste Walt unter dem Bewundern beklagen, nämlich sich und sein Strandlaufen; denn auf