Zähren ab. "Sage mir, wer ist ähnlicher, die Mutter oder die Tochter? – In der Tat recht brav retuschiert!" Das Gemälde stellte Wina vor, wie sie zu einem ihr ähnlichen Töchterchen, das nach einem Schmetterling fing, ihr Gesicht herab an die kleine Wange beugt, sehr mütterlich-gleichgültig, ob sie vom kind über dem Schmetterling übersehen werde oder nicht. Im KunstFeuer fragte der General auch den Notar: "Ist denn die Mutter nicht so ausnehmend getroffen, meine Wina nämlich, dass man die Ähnlichkeit sogar im kind wieder findet? – Sprechen Sie als Dritter!" – Walt, verlegen mit seiner Errötung über den blossen Gedanken, das Kind sei Winas, versetzte: "Die Ähnlichkeit ist wohl Gleichheit?" – "Und zwar auf beiden Seiten!" erwiderte Zablocki, ohne sehr den Notar zu fassen, der nach den gewöhnlichen Voraussetzungen des Standes schon alles voraussetzen sollte, und zwar folgendes: Der General wollte seiner losgetrennten Gattin ein Denkmal seiner Zärte zuwenden, einen Spiegel, der nur sie abbildete, nämlich ein festes Bild; hatte' aber leider aus Kälte sie sonst nie sitzen lassen, ausser zuletzt juristisch – Zum Glücke war nun Wina ihr so ähnlich – die wenigen Jahrzehente ausgenommen, wodurch sich Töchter hauptsächlich von Müttern zu unterscheiden suchen –, dass die jetzige Wina als die vorige Mutter zu gebrauchen war, der man nichts als die vorige Wina in die Hand zu geben hatte, die, als Kind gemalt, eine Aurikel in der Linken hält und darauf einen weissen Schmetterling mit der Rechten setzt. Diese zweimal, als Bild und als Urbild, angewandte Wina wollte der General seiner Frau als einen ölgemalten Ichs-Himmel auf Leinwand auftun, um sie in Erstaunen zu setzen, dass sie über vierzig Meilen gesessen – einem Maler.
Als der Vater fort war, machte Walt – noch tiefer in Erstaunen und Unglauben gesetzt – die Bemerkung, sie sehe dem schönen kind ähnlich, um nur herausgezogen zu werden. "O bliebe man sich nur auch in wichtigern Punkten ähnlich!" sagte Wina. "Auch war ich noch bei meiner Mutter; ich glaube, Sie oder ihr Bruder lag damals am Tage des Malens an den Blattern blind; denn sie ging mit mir in Ihr Haus. Schöne Zeit! ich wollte gern die eine Ähnlichkeit auf mich nehmen, könnte ich damit meiner Mutter die andere zurückführen."
Nun fuhr der Notar über die Nähe des erhelleten Abgrunds, in den er hätte treten können, rot zurück und fürchtete ordentlich, die Betise fahre ihm noch wider Willen aus dem Halse. "Auch ich ginge gern in jene Blindheit zurück; die Nacht ist die Mutter der Götter und Göttinnen!" sagte er und wollte erträglich auf die Aurikelbraut anspielen. Wina verstand nichts davon als den Ton und blick; und so war es genug und gutgemacht.
Man rief sie zum Essen. Da er glaubte, er werde wie im Rosenhöfer-Wirtshaus wieder an die GeneralsTafel gezogen: so stand er auf, um ihr den Arm zu bieten, sie stickte aber fort; und er stand nahe am Rahmen und sah herab auf das lockige Haupt, worin seine Welt und seine Zukunft wohnte, die sich in lauter Schönheiten verbarg – das Fruchtgewinde des Geistes war vom Blumengewinde der Gestalt schön verhüllt und schön verdoppelt. Sie stand auf. Jetzt näherte er sich mit dem rechten arme, um sie fortzuführen. "Ich werde – sagte Wina sanft – nach dem Essen wiederkommen und Ihrem Herzen eine Bitte bringen"; und sah ihn mit den grossen guten Augen unverlegen an und gab, wie zur Antwort auf seinen fragenden Arm, ihm ein wenig die ablenkende Hand in seine, um sie zu drücken. Mehr braucht' er nicht, der Liebe ist eine Hand mehr als ein Arm, wie ein blick mehr als ein Auge. Er blieb reich zurück am einsamen Esstische, den ein verdrüsslicher Bedienter an den Schreibtisch gesetzt hatte. Seine Hand war ihm wie geheiligt durch das Wesen, das bisher nur von seiner Seele berührt wurde. Wer kann es sagen, warum der Druck einer geliebten Hand mehr innige Zauberwärme in die Seele sendet als selber ein Kuss, wenn nicht etwa die Einfachheit, Unschuld, Festigkeit des Zeichens es tut?
Er speiste an einer Göttertafel – die Welt war der Göttersaal –, denn er sann Winas nächster Bitte nach. Eine tun, heisst in der Liebe mehr geben, als eine erhören. Aber warum macht die Liebe denn diese Ausnahme? Warum gibt es denn keine verklärte Welt, wo alle Menschenbitten so viel gelten und geben, und wo der Geber früher dankt als der Empfänger?
Mit wunderbaren Gefühlen irrte er um Winas Bitte herum, da er doch fühlte, Wina sei ein durchsichtiger Juwel ohne Wölkchen und Federn. Denn dies ist eben die Liebe, zu glauben, man durchschaue das Geliebte noch schärfer als sich, so dass man den blauen Himmel dadurch erblickt, durch welchen man wieder die Sterne sieht – indes der Hass überall Nacht sieht und braucht und bringt. Als er die wenigen Strahlen küsste, die am Sterne des Stifts und der Liebe aufgegangen waren oder gestickt: tat sein Himmel alle Wolken wieder auf, nämlich die Flügeltüren, und Wina erschien und schien. Er wollte sagen: "ich bitte um die Bitte"; aber er hielt es für unzart, das eine Bitte zu nennen, was Wina eine genannt. So hatte' er den höchsten Mut für sie, aber nicht