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, das er einen ganzen Tag, aber als den letzten, bewohnen durfte, – für ihn, wenn kein Sonnen-, doch ein Mondtempel, dem nichts fehlte als die Luna dazu. Sogar der blaue Streusand voll Goldsanddas blauweisse Dintenfass und Papierdas blaue Siegellackund die Blumendüfte, welche aus dem Nebenzimmer einwehten, schmückten sein stilles Äter-fest der Hoffnung. In der Liebe ist das Erntefest der Freude nicht um eine halbe Sekunde vom Säetage und Säefest der Freude verschieden.

Als er sich nun abschreibend abmalte, wie ihm das Herz schlagen würde, das schon heftig schlug, wenn die liebes-Gestalt aus seinem Kopf und langen Traume wie eine Göttin lebendig ins Leben spränge, nämlich vor ihn hin: so kam nichts als das verhasste Kammermädchen mit einem Stick-Gerüste, aber bald ihr nach die blühende Wina, die Rose und das Rosenfest zugleich. Es ist schwer zu sagen, womit er sie anmurmelte, da er sie damit nicht anredete. Sie verbeugte sich so tief vor ihm, als wäre er der goldne und figurierte Knopf am Oberstabe des Generals, und sagte das höchste Bewillkommungs-Wort und setzte sich an den Stickrahmen. Konnte sie nicht hundert Deckmäntel ihrer Absicht, im Schreibzimmer zu sein, als ein Mädchen finden und umlegen? Hätte sie nicht z.B. ihr blaues Kleid aus dem Wandschrank holen könnenoder das weisseoder den Schleieroder einmal eintunken wollenoder an der elektrischen Lampe ein Licht zum Siegeln anzündenoder hier den Vater ganz vergeblich suchen? – So aber trat sie herein und setzte sich vor den Stickrahmen, um für eine Stiftsdame einen Ordensstern aufgehen zu lassen, der für den abschreibenden Sternseher, wie oft für Trägerinnen, nichts werden konnte als ein Irr- und Nebelstern.

Der Schreiber schwamm nun in der Wonne einer himmlischen Gegenwart, wie in unsichtbarem Duft einer hauchenden Rose, Winas Dasein war eine sanfte Musik um ihn. Er sah zuletzt sehnsüchtig kühn ihre gesenkten grossen Augenlider und den ernst geschlossnen Mund im Spiegel zu seiner Linken an, versichert der eignen Unsichtbarkeit und erfreuet, dass gerade zufällig, wenn er eben in den Spiegel sah, immer ein warmes Erröten das ganze niederblickende Antlitz überfloss. Einmal sah er im Spiegel den Brautschatz ihres Blicks ausgelegt, sie zog leise wieder den Schleier darüber. Einmal, da ihr offnes Auge darin wieder dem seinigen begegnete, lächelte sie wie ein Kind; er drehte sich rechts nach dem Urbild und ertappte noch das Lächeln. "Ging es Ihnen seit Rosenhof wohl, Hr. Harnisch?" sagte sie leise. "Wie einem Seligen", versetzte er, "wie jetzt." Er wollte wohl etwas viel anderes, Feineres sagen; aber die Gegenwart unterschob sich der Vergangenheit und testierte in deren Namen. Doch gab er die Frage zurück. "Ich lebte", sagte Wina, "mit meiner Mutter, dies ist genug; Leipzig und seine Lustbarkeiten kennen Sie selber." – Diese kennt freilich ein darbender Musenund Schulzensohn wenig, der an den Rosen des kaufmännischen Rosentals nicht höher aufklettert als bis zu den Dornen, weil er jene nicht einmal so oft teilt als ein Maurer-Meister einen fürstlichen Saal, zu welchem dieser stets so lange Zutritt hat, als er ihn mauert. Indes denken sich die höheren Stände nicht leichter hinab, zu Honoratioren besondersdenn von Schäfer-, d.h. Bauerhütten haben sie im französisch eingebundenen Gessner eine gute Modell-kammerals sich die tiefern hinauf. "Göttlich ist da der Frühling", antwortete er, "und der Herbst. Jener voll Nachtigallen, dieser voll weichen Duft; nur gehen der Gegend Berge ab, welche nach meinem Gefühl durchaus eine Landschaft beschliessen müssen, doch nicht unterbrechen; denn auf einem Berge selber ist nicht die Landschaft, sondern wieder ein fernster Berg schön und gross. Die Leipziger Gegend enget also ein, weil die Grenze, oder vielmehr die Grenzlosigkeit, nichts der Phantasie übriglässet, was, soviel ich gehört, nicht einmal das Meer tut, das sich am Horizont in den Äter-Himmel auflöset." – "sonderbar", versetzte Wina, "bestimmt hier die Gewohnheit des äussern Auges die Kraft des inneren. Ich hatte eine niedersächsische Freundin, welche zum ersten Male von unsern Bergen ebenso beschränkt wurde als wir von ihren Ebenen." Der Notarius war über ihre philosophische Sprachkürzeda überhaupt der Mann an der Frau geradesosehr seinen Kopf bewundert als seine Brust verdammtso betroffen, dass er nicht wusste, was er sagen sollte, sondern etwas anderes sagte. "Besuchten Sie zuweilen die Badeörter um Leipzig?" fragte sie spät. Da er darunter nicht Lauchstädt, sondern die Studenten-Badeörter in der Pleisse verstand und eine solche Frage von weiblichen Lippen zum vornehmen Zynismus rechnete: so umging er sie nach Vermögen in der Antwort: "Der Leipziger Magistrat habe zu seiner Zeit wegen mehrerer Unglücksfälle erst die bessern Badörter bestimmen lassen." – Wina missverstand wieder sein Missverstehen. Und so kann in Deutschland und fast auf der Erde jeder, der sich verspricht, auf einen zählen, der sich verhört; so wenige Ohren, ob sie gleich doppelt am kopf stehen, gibt es für die hiesigen Zungen, und man findet noch schwerer ein offnes als ein kurzes.

Plötzlich sprang der General wie mit einem verschimmelten bleichen Gesicht herein aus dem Puderstübchenmit einem Bilde in der Hand und trocknete sich aus den Augenlidern den Puder wie