1804_Jean_Paul_055_171.txt

statt einer 9 – ein h statt eines b – ein n statt eines u und umgekehrt, da eben beide umgekehrt waren, habe stehen lassen usw. Walt sah nach und sann nach und sprach seufzend: "Wohl ist es nicht anders!"

arme Korrektoren! wer hat noch eurer Mutter-Beschwerungen und Kindsnöten in irgendeinem buch ernstaft genug gedacht, das ihr zu korrigieren bekommen! So wenig, dass Millionen in allen Weltteilen aus der Welt gehen, ohne je erfahren zu haben, was ein Korrektor aussteht, ich meine nicht etwa dann, wann er teils hungert, teils friert, teils nichts hat als sitzende Lebensart, sondern dann, wann er ein Buch gern lesen möchte, das er zwar vor sich sieht (noch dazu zweimal, geschrieben und gedruckt), aber korrigieren soll; denn verfolgt er wie ein Rezensent die Buchstaben, so entrinnt ihm der Sinn, und er sitzt immer trister da; ebensogut könnte einer sich mit einer Wolke, durch deren Dunststäubchen er eine Alpe besteigt, den Durst löschen.

Will er aber Sinn geniessen und sich mit nachheben: so rutscht er blind und glatt über die Buchstaben hinweg und lässt alles stehen; reisset ihn gar ein Buch so hin wie die zweite Auflage des Hesperus, so sieht er gar keinen gedruckten Unsinn mehr, sondern nimmt ihn für geschriebnen und sagt: "Man verstehe nur aber erst den göttlichen Autor recht!" – Ja wird nicht selber der Korrektor dieser Klage bloss aus Anteil an dem Anteil, den ich zeige, so manches übersehen?

Endlich brachte das schlechtsprechende und schön singende Kammermädchen des General Zablocki nicht nur Raphaelen ein Briefchen der Tochter, sondern auch um eine Treppe höher Walten die Frage des Vaters, ob er nicht diesen ganzen Tag bei ihm schreiben könnte. "O Gott, gewiss!" sagte er und begleitete das Mädchen drei Treppen herab.

Vult lächelte ihn seltsam an und sagte: er kopiere ja mémoires érotiques mit und ohne Feder und jage Mädchen; er Hund hingegen müsse, wie die Schmetterlings-Puppe eines Naturforschers, sich in einer Schachtel von stube zum Falter entfalten, wenn jener im Freien gaukle. "Allein", setzt' er dazu, "ein Greifgeier, ein Basilisk wie ich hat so gut seinen LiebesPips als ein Phönix wie du." – Walt wurde sehr rot, er sah sein und Winas Herz gleichsam gegen das helle freie Tageslicht gehalten. "Nu, nu, versteige dich nur um drei Treppen hinauf oder hinab; indes ich daheim hinter meiner arkadischen Dorfwand ein Madrigal auf den Schmelz der Auen und der Zähne setze und Blumen und Lippen röte. Das Mädchen gefiele mir selber, sie sollte eher ein Palast- als ein Kammermädchen sein." Sehr zornrot erwiderte Walt, der endlich eigne und fremde Verwechslung erriet: "Du tust gar nicht recht, da du weisst, wie mir dieses Mädchen bei der besten Singstimme einmal durch unziemliche Reden aufgefallen."

Damit ging er so rasch und wild fort, dass Vult sich gestand, er würde, wenn er nicht schon früher dessen Liebe für eine vornehmere Raphaela kennte, sie jetzt aus dem Grimm erraten, den blosse Heiligkeit unmöglich einbliese. Als der Notar in den grossen Zablockischen Palast, wovor und worin viele leere Wagen standen, und unter die kalte Dienerschaft kam: so wirkten Vults Scherze, die seine Liebe entweder wie Schiesspulver unter das Dach oder wie Öl in den Keller lagerten, verdrüsslich nach, und er erstaunte nun erst, dass er Wina liebe und ihren Morgenblick aufbewahre. Sein Glück blühte als eine nackte Blumenkrone auf einem entblätterten Stiel. Spät kam er nach seinem Erinnern an frühestes Vorfordern in das alte Schreibstübchen; und später der General.

"Innigst" – so spann Walt, nahe an ihn tretend, die Unterredung an, um sie dem andern nach den Gesetzen der Lebensart zu erleichtern – "wünsch' ich Ihnen Glück zum Glück der Wiederkunft, wie damals im Rosenhof zur Abreise, wenn Sie sich dieser Kleinigkeit noch entsinnen. Mög' Ihnen Leipzig ein fortgesetzter Spaziergang gewesen sein!" – "Sehr verbunden! (sagte Zablocki) Sie verpflichten mich, wenn Sie heute die bewussten Briefe zu Ende kopieren und mir Ihren Tag weihen." – "Welchen nicht? War Ihr dreifaches Glückverzeihen Sie die kecke Fragenicht, wie ich hoffe, der Jahrszeit ungleich?" fragt' er.

"Für die späte Jahrszeit war das Wetter gut genug", versetzte Zablocki.

Da der Notar nichts Schwierigeres kannte, als zu fragen – d.h. im Ozean zu angeln –, nichts Leichteres aber, als zu antworten, weil die Frage die Antwort umkränze: so hielt er es für Pflicht jedes Unter-Sprechers, auf den Ober-Sprecher nur die leichtere Last zu laden, und fragte sogleich. Wie bequem wohnen dagegen Männer, welche gerade das Widerspiel als Weltsitte kennen und ehren, unter ihrer Gehirnschale, und wie vergnügt, wenn sie vor Kronen und Kronerben treten! Aller Anreden gewärtig und gewiss, machen sie ausser der Verbeugung nichts und keine eigne, sondern warten ab. Sogar nach der ersten Antwort passen die Weltmänner gelassen von neuem, weil kein anderer als der gekrönte Kopf fortzuweben hat.

Der Notar machte darauf seine Abschriften von den verliebten Zuschriften, aber seine Seele wohnte mit ihren Fühlfaden nirgends als in der Schnecke des Ohrs, um jedem Laute der verborgenen Lebensseele nachzustellen. Er schrieb keine Seite, ohne sich umzudrehen und das heilige Zimmer zu beschauen