war wohl der neue Kalender. Es war mir, als hielt' ich die Zukunft in der Hand, wie einen Baum voll Fruchtlage. Mit Lust überlas ich die Namen: Lätare, Palmarum, Jubilate, Kantate, wobei mir mein wenig Latein gute Dienste tat. Die Epiphanias waren mir verdrüsslich, besonders zu viele; hingegen je mehrere Trinitatis-Sonntage fielen, desto länger grüne, dachte' ich, die freudenreiche Zeit. Lächerlich kommt es mir vor, dass, eben da ich hinten im Kalender die Hasslauer Postberichte las, die kaiserliche reitende Post im dorf ins Horn stiess und ich den guten Menschen bewunderte und bedauerte, der nun, laut dem Berichte, mitten im Winter allein nach ganz Pommern, Preussen, Polen und Russland ritt; ein Irrtum, den ich erst in Leipzig fahren liess. Wenn nun darauf der Kandidat Schomaker zum Essen kam und wir vom Vater manche Historien mit Vergnügen zum zehntenmal hörten – wenn du nach dem Essen auf einer Span-Geige aus gewichstem Zwirnfaden kratztest – und ich einen glimmenden Schleissen-Span zu einem Feuerrad umschwang – und ich und du und der lange Knecht, der mir damals, wie den Kindern vielleicht alle gewohnte Gesichter, schön vorkam, spielten und sangen: 'Ringe, ringe Reihe, 's sind der Kinder dreie, Sitzen auf dem Holderbusch, Schreien alle Musch, Musch, Musch! Setzt euch nieder! Es sitzt 'ne Frau im Ringelein, Mit sieben kleinen Kindern. Was essens gern? Fischelein. Was trinkens gern? Roten Wein. Setzt euch nieder!' – Innig erfreuet las ich neulich in Gräters 'Bragur' das einfältige Kinderding. – Ich muss aber meinen Satz ganz anders angefangen haben."
"Nunmehr ist er geschlossen. Das Leben fängt, wie das griechische Drama, mit Possen an. Beginn, eh' du erwachst, deinen versprochenen Sommertag."
"Ich könnte ihn wohl von der Fassnacht anheben, wo der neuerstandene Frühling lauter Sonnenstrahlen in die Schulstube voll kleiner geputzter Tänzer streuet, so dass es in den Seelen früher blühte als in den Gärten. Schon der alte simple Vers: 'Zur Lichtmess essen die Herrn am Tag, zur Fassnacht tuns die Bauern auch nach' zog Abendröte und Blütenschatten um den Abendtisch. Gott, wie wehen noch die Namen Marientage, Salatzeit, Kirschenblüte, Rosenblüte die Brust voll Zauberduft! – So denke' ich mir auch die Jugend meines Vaters bloss als einen ununterbrochenen Sommer, besonders in der Fremde; so wie ich meinen Grossvater und überhaupt die zurückliegende Zeit vor meiner Geburt immer jung und blühend sehe. Da gabs schöne Menschentage, sagt man sich. Wie frisch und hell springend, gleich Frühlingsbächen, kommen mir die alten Universitäten, Bologna und Padua, vor mit ihren ungemessenen Freiheiten, und ich wünschte mich oft in diese hinein!"
"Macht' ich weniger aus dir, so müsst' ich bei deinem Wunsche denken, es wäre damals, ausser Hauspump, Buxen, Landesvater, auch gassatim Rumoren und Degen wetzen deine Sache gewesen; aber ich weiss gut, du wolltest zu allem nur ruhig sitzen und zusehen als Rector magnificus. – Allein gib nun deinen heutigen Sommertag!"
"Es war das hl. Dreifaltigkeitsfest, und zwar das jener Woche, worin du auf und davon gingest. Nur vorher lasse mich noch bemerken, dass mir deine erwähnten Studenten-Wörter teils neu klingen, teils roh. An diesem hl. Feste nun, das mit Recht in die schönste Jahreszeit fällt, gingen, wenn du es nicht vergessen, unsere Eltern immer zum hl. Abendmahl. Gerade an jenem Sonnabend – wie denn überhaupt an jedem Beichtsonnabend – bezeigten die lieben Eltern sich noch gütiger und gesprächiger gegen uns Kinder als sonst; Gott aber schenke ihnen in dieser Stunde die Freude, die mir jetzt in ihrem Angedenken das Herz durchwallt! Die Mutter liess vieles im Stall durch Leute besorgen und betete aus dem schwarzen Kommunion-Büchlein. Ich stand hinter ihr und betete unbewusst mit herunter, bloss weil ich das Blatt umkehrte, wenn sie es herab hatte. Die Bauernstube war so rein und schmuck aufgeräumt für den Sonntag – wie am hl. Christabend war es am Beichtabend – aber schöner und höher – dazu hing nun der reich-schwere Frühling herein, und der Blütengeruch zog durch das ganze Haus und jeden Dachziegel – Frühling und Frömmigkeit gehören gewiss recht für einander – Ich sah nachher, als der Nachtwächter antrat, noch ein wenig aus dem Dachfenster, voll Düfte und Sterne war der Himmel über dem dorf – die Generalin ging so spät noch mit ihrem kind an der Hand auf dem Schlosswall spazieren, und das ganze Dorf wusste, dass sie morgen kommunizierte und ich und du die Kommunikantentüchlein dabei hielten – Wahrlich, ob ich gleich schon Lateinisch sprechen konnte, die weissgekleidete Generalin kam mir als die Mutter Gottes vor, und das Kind als ihr Kind."
"Hat denn die Generalin einen Sohn?"
Walt sagte verlegen: "Ich stellte mir nämlich ihre damalige Tochter so vor in der Ferne. Ich möchte jetzt noch vor Freude über die Wundernacht weinen, wenn du nicht lachtest...."
"So weine zum Henker! Wer lacht denn, Satan, wenn einmal ein Mensch die Aufrichtigkeit in person ist?"
"Es erschien denn das hl. Trinitatis-fest mit einem blauen Morgen voll Lerchen und Birkendüfte; und als ich aus dem Bodenfenster diese Bläue über das ganze Dorf ausgespannt erblickte, wurde