entlaufen warst."
"So erinnere dich deines heutigen Erinnerns wieder vor mir", bat Vult; – "ich stehe dir mit neuen Zügen bei."
"Ein neuer Zug aus der Kindheit ist ein goldnes Geschenk", sagte Walt – "nur wirst du manches zu kindisch finden. ('Kindisch bloss', sagte Vult.) Ich nahm heute zwei Tage, nahe am kürzesten und längsten.
Der erste Tag fiel in die Adventszeit. Schon dieser Name und der andere 'Adventsvogel' umfliegt mich wie ein Lüftchen. Im Winter ist ein Dorf schön, man kann es mehr überschauen, weil man mehr darin beisammen bleibt. Nimm nur den Montag. Schon den ganzen Sonntag freuete ich mich auf die Schule am Montag. Jedes Kind musste um 7 Uhr bei Sternenschein mit seinem Lichtchen kommen; ich und du hatten schön bemalte von Wachs. Vielleicht mit zu grossem Stolze trug ich einen Quartband, einige Oktavbände und ein Sedez-Werkchen unter dem Arm."
"Ich weiss", sagte Vult, "du holtest der Mutter noch Semmel aus dem wirtshaus, als du schon den Markus und seinen Ochsen griechisch exponiertest."
"Dann fing die schöne Welt des Singens und Lehrens in der süssen Schulstubenwärme an. Wir grossen Schüler waren hoch über die kleinen erhoben; dafür hatten die Abc-Zwerge das Recht – und es war ihnen zu gönnen –, dass sie den Kandidaten laut anreden und ohne Anstand ein wenig aufstehen und herumgehen durften.
Wenn er nun entweder die Spezialkarte aufhing und wir am meisten froh waren, dass Hasslau und Elterlein und die umliegenden Dorfschaften daraufstanden – oder wenn er von den Sternen sprach und sie bevölkerte und ich voraussah, dass ich abends den Eltern und Knechten dasselbe erweisen würde – oder wenn er uns laut vorlesen hiess: –"
"Du weisst", fiel Vult ein, "dass ich dann das Wort Sakrament, er mochte sagen, was er wollte, immer mit einem Akzent herlas, als ob ich fluchte, desgleichen Donnerwetter. Auch war ich der einzige, der ins laute gemeinschaftliche Abbeten eine Art 3/8 Takt zu bringen versuchte."
"Ich hätte dem arbeitsamen mann so gern Entzükkungen gegeben, wenn ich sie gehabt hätte. Ich betete oft ein leises Vaterunser, damit Gott ihn einen Finken, wenn er hinter seinem Kloben lauerte, darauf fangen liesse; und du wirst dich erinnern, dass ich stets die Schlachtschüssel mit Fleisch (du aber nur den Suppentopf) zu ihm trug. Wie ich mich auf das nächste Wiedersehen in der Schule freuete!"
"Wer mich hart gegen den Schulmeister findet", sagte Vult, "dem halt' ich bloss vor, dass mir der Schulmann einmal eine angerauchte Pfeife abpfändete und sie in derselben Schulstube öffentlich vor meiner Nase gar ausrauchte. Heisst dies exemplarischer Lebenswandel von Schulmeistern? Oder etwa dies, dass sie Fischchen-Fangen und Vögel-Stellen uns Scholaren sprichwörtlich verbieten, wie Fürsten die Wagspiele, sich aber selber erlauben? Darüber möchte ich einmal Männer in öffentlichen Blättern hören." –
"O die liebe erste Schulzeit! Mir war alles erwünscht, was gelehrt und geboten wurde, die kleinste Wissenschaft war ja ganz voll Neuigkeiten, indes ihr jetzt in Messen nur einige nachwachsen. Kam nun vollends der Pfarrer mit den grossen Augenbraunen im Priesterornat und verdunkelte doch den Kandidaten, wie ein Kaiser oder Papst einen Landesregenten, den er besucht: wie süss-schauerlich! Wie gross fiel jeder laut seiner Bassstimme! Wie wollte man das Höchste werden! Wie wurde jedes Wort unsers Schomakers dreifach besiegelt durch seines!
Ich glaube, man ist schon darum in der Kindheit glücklicher als im Alter, weil es in ihr leichter wird, einen grossen Mann zu finden und zu wähnen; ein geglaubter grosser Mensch ist doch der einzige Vorschmack des himmels."
"Insofern", sagte Vult, "möchte' ich ein Kind sein, bloss um zu bewundern, weil man damit sich so gut kitzelt als andere. Ja ich möchte als ein Fötus mit Spinnenarmen an die Welt treten, um die Wehmutter als eine Juno Ludovisi anzustaunen. Ein Floh findet leicht seinen Elefanten; ist man hingegen älter, so bewundert man am Ende keinen Hund mehr. Doch muss ich dir bekennen, dass ich schon damals unserem knurrenden Pfarrer Gelbköppel aus seiner Kragen-Glorie einige Strahlen ausrupfte. Ich hatte, wie gewöhnlich, ein Buch unter die Schultafel in der Absicht fallen lassen, hinunterzukriechen und drunten die Fruchtschnur von Hängfüssen am Bank-Galgen lächerlich zu finden: als ich auch Gelbköppels Wochen-Stiefel auf dem Boden antraf und durch den aufklaffenden Priesterrock die Hosen, die er bei dem Grummet-Aufladen angehabt, zu Gesicht bekam – weg war seine ganze oben darauf gepelzte Würde – Der Mensch, wenigstens der Apostel, sei aus einem Stück gekleidet, er sei kein halber Aposteltag, Walt!"
"Vult, bist du dergleichen nicht fast in mancher Bemerkung? Nun kam 11 Uhr heran, wo wir beide auf den Turm zum Läuten und Uhr-Aufziehen gehen durften. Ich weiss noch gut, wie du dich oben auf dem Glockenstuhl an das Seil der ausschwankenden Glokke hingst, um geschwungen zu werden, obgleich viele dir sagten, sie werfe dich durch das Schalloch. Ich hätte selber hindurchfliegen mögen, wenn ich so hinaussah über das ganze kreuzweis gebahnte Dorf voll lärmender Dreschtennen und an die dunkle Bergstrasse nach der Stadt und über den weiten Schnee- Glanz auf allen Hügeln und Wiesen und dabei den