herüber. Er nahm einen Judenjungen, der im nächsten Wirtshaus schlug, für eine wahre Nachtigall. Ein unmerklicher Irrtum, da die Philomele, die uns singt, eigentlich doch nirgends sitzt und nistet als in unserer Brust! Schnell, wie von einem Zauberer, wurden die steilen Felsenwände seiner Lage umher mit Efeu und mit Blümchen überzogen. Der Mond kam heller herein, und Walt stand und ging mitten in seinem leisen Glanze träumend betend, es war ihm, als höben und hielten ihn die geraden Strahlen und als habe er jeden gemeinen Gegenstand im Zimmer oder auf der Gasse mit Festtapeten zu verhüllen, damit der Himmel nur Himmlisches auch auf der Erde berühre. "So war es gerade einst", sang er mehrmals, auf jenen Abend deutend, wo er neben Winas Zimmer mondstill auf und ab ging. Ja er improvisierte singend den Polymeter: "Liebst du mich?" fragte der Jüngling die Geliebte jeden Morgen; aber sie sah errötet nieder und schwieg. Sie wurde bleicher, und er fragte wieder, aber sie wurde rot und schwieg. Einst, als sie im Sterben war, kam er wieder und fragte, aber nur aus Schmerz: "Liebst du mich nicht?" – und sie sagte ja und starb. Er versang sich immer tiefer in sein Herz – Zeit und Welt verschwand – er spielte wie eine sterbende Ephemere süss in den hellern Strahlen des Mondes und unter Mondsstäubchen –: da kam Vult heiter zurück und brachte die Nachricht, Wina sei angekommen, deckte aber sogleich deren Wert für ihn selber durch eine zweite lustige zu (und lachte stark): dass er nämlich, sagt' er, im Vorbeigehen zu seinem Schuster gegangen, um ihn zu fragen, ob er denn seit 14 Tagen keinen 15ten gefunden, um die Rehabilitierung, Palingenesie, Petersensche Wiederbringung seiner Stiefel (so drücke mancher leider ihr Besohlen aus) zu vollenden; er habe ihn aber nicht eher als auf dem Rückwege gefunden, wo er auffallend ihm immer rechts in die Schattenseite ausgebogen; – bis er nach langem Predigen gesehen, dass der Mann die Stiefel, welche der Busstext der Kasualrede waren, an den Beinen bei sich habe und herumtrage, um sie erst noch etwas abzutreten, bevor er sie flicke. "War dieser Spass, der noch dazu voll Anspielungen steckt, nicht soviel wert als das beste Paar Stiefel selber?" – "Ist er denn so sonderlich?" sagte Walt. – "Warum", fragte Vult bestürzt, "siehst du so sonderbar aus? Warest du traurig?" – "Ich war selig, und jetzt bin ichs noch mehr", versetzte Walt, ohne sich weiter zu erklären. Die höchste Entzückung macht ernst wie ein Schmerz, und der Mensch ist in ihr eine stille Scheinleiche mit blassem Gesicht, aber innen voll überirdischer Träume.
Nr. 58. Giftkuttel
Erinnerungen
Der Notarius erwartete am Morgen nichts Geringeres und Gewisseres als einen Bedienten ausser Atem, der ihn eilig vor das Schreibepult des Generals bestellte. Nichts kam. Der Mittelmann glaubt, die Obermänner stehen darum auf den höhern Sprossen der Staatsleiter, um besser die Nachsteiger zu überschauen; indes er selber das Auge weniger auf den Kopf seines Nachsteigers als auf den Hintern seines Vorsteigers heftet: und so alle auf und ab. Die mittleren Stände haben den höhern keine andere Vergesslichkeit schuld zu geben als die, welche die niedern wieder ihnen vorwerfen.
Die Dämmerung konnte Vult kaum erwarten, um ein Dämmerungsfalter zu werden und auszuflattern; Walt zählte ebenso stark darauf, um ein Dämmerungs-, ein Nacht- und ein Tagfalter zugleich zu sein, aber nur geistig und nur daheim.
Himmel! er wurde' es so sehr! Denn als Vult ganz spät und nicht in bester Laune nach haus kam, fand er Walten hingegen darin, nämlich in bester – feurig schreitend – fast verjüngt, ja verkindlicht – so dass er ihn fragte: "Du hast, ich schwöre, heute Gesellschaft gehabt oder gesehen, und zwar die angenehmste, nur weiss ich nicht welche. (Er meinte heimlich Raphaela.) Oder hat der Magister Dyk gut geschrieben?"
"Ich erinnerte mich", versetzte Walt, "den ganzen Abend fort, und zwar der Kindheit; denn sonst hatte' ich noch nichts." – "Lehre mich diese Gedächtniskunst", sagte Vult. – "Das Schulmeisterlein Wutz von J. P. macht' es wie ich, so wunderbar errät ein Dichter das Geheimste. Ich möchte wohl tagelang über die kleinen Frühlingsblümchen der ersten Lebenszeit reden und hören. Im Alter, wo man ohnehin ein zweites Kind ist, dürfte man sich gewiss erlauben, ein erstes zu sein und lange zurückzuschauen ins Lebens-Frührot hinein. Dir offenbar' ichs gern, dass ich mir höhere Wesen, z.B. Engel, ordentlich weniger selig aus Mangel an Kindheit denken kann, wiewohl Gott vielleicht keinem Wesen irgendeine Kindheitsoder Vergissmeinnichts- Zeit mag abgeschlagen haben, da sogar Jesus selber ein Kind war bei seiner Geburt. Besteht denn nicht das gute Kinderleben nur aus Lust und Hoffnung, Bruder, und die Frühregen der Tränen fliegen darüber nur flüchtig hin?"
"Früh-Regen und alter Weiber Tänze und so weiter – nämlich junge Not und alte Lust und so weiter. Fall' ich noch in den Zeitpunkt deiner versus memoriales?" sagte Vult.
"Wahrlich, stets hob ich in Leipzig und hier nur Tage dazu heraus, wo du noch nicht mit dem Musikus