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freuen würde. Der Mond war eigentlich sein Glücksstern, so dass er ihm in jedem Monate nicht viel weniger als 27 schöne Abende oder Morgen herunterwarf; denn beinahe 14 Tage (nur die paar ersten ausgenommen) konnte' er auf dessen Wachstum bauen; – von Vollmond bis zum letzten Viertel wurde ohnehin Elysiums-Schimmer, bloss später, oft über seinem Bette aufgetragen, und das letzte Viertel gab den Morgenstunden Silber in den Mund. Da einmal gerade in der Dämmerung Ballmusik gegenüber war: so nahm er sich sein Stück Winterlustbarkeit heraus, so gut wie einer. Die Musik drang unsichtbar, ohne den Armen-Zickzack und die Backen-Kurven des Orchesters, nur entkörpert mit seligen Geistern in sein dämmerndes Stübchen. Er stellte sich zum Tanzen an, und weil es ihm an den schönsten Tänzerinnen nicht fehlteda ganze Harems und Nonnenschaften darin waren und mehrere Rosenmädchen und alles –: so zog er Göttinnen von solchem Glanz zum Tanzen auf und machte mit ihnenobwohl leise, um unter seinen Füssen nicht rezensiert zu werdennach den fernen Takten, die er begleitete, so gut seine Pas, seine Seiten-, seine Vorpas zu Hopstänzen, zu Eier-, zu Schaltänzen, dass er sich vor jedem sehen lassen durfte, der nichts suchte als einen muntern Geist, der im Finstern umhersetzt. Was er in der Seligkeit zu scheuen hatte, war bloss Vults plötzlicher Eintritt.

Ihnder ohnehin nicht gewohnt war, dass er etwas hattedrückte kein Entbehren; er hatte Phantasie, welche helles Kristalisationswasser ist, ohne welches die leichtesten Formen des Lebens in Asche zerfallen.

Doch wurde sein Himmel nicht immer so phantastisch weit über die Lüfte der Erde hinausgehoben, er wurde auch zuweilen so real heruntergebaut wie ein Teater- oder ein Bettimmel. An Sonntagsgeläuten, am Hofgarten, an frischer kalter Luft, an Winterkonzerten (die er unten auf der Gasse spazierend hörte) hatte' er soviel Anteil als irgendeine person mit Schlüssel und Stern, der im inneren gerade beide fehlen. Ass er sein Abendbrot, so sagt' er: "Der ganze Hof isst doch jetzt auch Brot wie ich"; dabei setzte und benahm er sich zierlich und artig, um gewissermassen in guter Gesellschaft zu sitzen. An Sonntagen kauft' er in einem guten haus sich einen der besten Borsdorfer Äpfel ein und trug ihn sich abends in der Dämmerung auf und sagte: "Ganz gewiss werden heute an den verschiedenen Höfen Europens Borsdorfer aufgesetzt, aber nur als seltner Nachtisch; ich aber mache gar meinen Abendtisch darausund wenn ich mehr Leibliches begehre, du guter Gott, so erkenne ich deine Güte nicht, die mir ja in einem fort mit stillsten Freuden wie mit tiefen Quellen die Seele Überfüllt."

Im durchsichtigen Netze seiner Phantasie fing sich jeder vorüberschiessende Freuden-Zweifalterdazu gehörte sogar ein erwachender gelber Schmetterling im Gartenhausjeder Stern, der stark funkelteitalienische Blumen, deren deutschen Treibscherben zwischen Schals er auf der Gasse aufgestosseneine bekränzte, zwischen Andacht und Putz glühende Brautein schönes Kindein Kanarienvogel in der Webergasse, der mitten im deutschen Winter in Kanarieninseln und in Sommergärten hinüberschauen liessund alles.

Flog Flora, die Bettmeisterin, mit hellen Gesängen die Treppen herauf, so hörte er erste Sängerinnen für seinen teil. –

Einst an einem Markttage hatte' er halb Italien mit einem ganzen Frühling um sich. Der Tag schien dazu erlesen zu sein. Es war ein sehr kalter und heller Winternachmittag, worin Mücken in den schiefen Strahlen spielen, als er im Hofgartenden der gute Fürst jeden Winter dem Publikum öffnen liessdie silbernen Schneeflocken der Bäume unter der blitzenden Sonne in weisse Blüten, die den Frühling überluden, umdachte und darunter weiterspazierte. So plötzlich auf die Frühlings-Insel ausgesetzt, schlug er in ihr die heitersten Wege ein. Er machte einen nahen an der Bude eines Sämereienhändlers vorbei und hielt ein wenig vor dessen Budentisch, nicht um eine Düte zu kaufenwozu ihm ein Beet fehlte, da alle seine Morgen Lands nur in seinem Morgenland bestanden –, sondern um den Samen von französischen Radiesen, Maienrüben, bunten Feuerbohnen, Zuckererbsen, Kapuzinersalat, gelbem Prinzenkopf zu denken und zu riechen und auf diese Weise (nach Vults Ausdruck, glaube' ich) einen Vorfrühling zu schnupfen. In der Tat geht unter allen Sinnen-Wegen keiner so offen und kurz in das fest zugebauete Gehirn als der durch die Nasenhöhlen.

Darauf holte er sich beim Bücherverleiher vieles, was er von guten Werken über Schmetterlinge, Blumen- und Feldbau erwischen konnteund las aufmerksam in den Werken, um sich die Lenz-Sachen vorzustellen, die darin auftraten. Bloss das Ökonomische, Botanische und Naturhistorische überhüpfte er ohne besonderen Verstand und Eindruck, weil er auf wichtigere Dinge zu merken hatte.

Als der Bruder fort war, stand gerade die Abendröte am Himmel und auf dem Schneegebürg, dieses Vorstück Aurorens, dieser ewige Widerschein des Frühlings.

Über das Haus herüber war schon das Mondsviertel gerückt und konnte, nicht weit von der Röte, zugleich mit ihr in sein Stübchen kleine Farben und Strahlen werfen. "Wenn nicht der Winter nur eine längere Polar-Morgenröte des Frühlings für die Menschen ist", sagt' er, indem er aufstand, "so weiss ich in der Tat nicht was sonst." Der ganze Nachmittag war voll Frühling gewesenund jetzt in der Abendstunde quoll gar ein Nachtigallenschlag wie aus einem äussern Blütenhain in seinen inneren