O wer es wissen könnte bei der Taufschüssel, dass er sich einen grossen Namen machte, würde sich ein solcher Mann, wenn er sonst scherzt, nicht einen der ausgestrecktesten erkiesen, zum Beispiel (denn der Sinn hat nichts zu sagen) den Namen, den schon ein Muskel führt, nämlich Mr. Sternocleidobronchocricotyrioideus? Belesene Damen kämen zu ihm und redeten ihn an: Hr. Sternocl und könnten nicht weiter. Militärs tätens nach und sagten: Hr. Sternocleido! – Die Geliebte allein suchte den Namen auswendig zu können und liebt' ihn so lange, als sie ausspräche: Teurer Mr. Sternocleidobronchocricotyrioid! Er würde gern zitiert von Gelehrten, weil schon sein Name eine Zeile gilt vor Setzern und Käufern. – Apropos! Warum schickt denn der Sieben-Erbe Passvogel nicht den ersten Korrekturbogen, gemäss allen Testaments-Klauseln in Hasslau?"
"Der Autor bessere noch an der Handschrift, liess er mir vorgestern sagen", sagte Walt. – Darauf verschnauften sich beide in der Luft. Wie manchen flüchtigen Zug der höhern Stände schnappte der Notar auf der Strasse im Vorbeigehen auf für seinen Roman! Die Art, wie ein Hasslauer Hofkavalier aus dem Wagen sprang oder wie eine Gräfin aus dem Fenster sah, konnte romantisch niedergeschrieben werden und ein Mann für tausend stehen und fallen! Diese Übertragungs-Manier, ein Farbenkorn zu einer erhobenen Arbeit zu machen, erleichtert Bauernsöhnen das Studium der höhern Stände unglaublich. Aus demselben grund besuchte Walt am liebsten die Hofkirche und tat die Augen auf.
Alsdann ging man nach haus und ans Erschaffen, das so lange währte, bis es finster wurde. Auf die Dämmerung verschoben sie – um Licht zu ersparen – teils weitläuftigere gespräche, teils Flöte. Wenn Vult so blies hinter der Wand und Walt so dort sass im Finstern und in den blauen Sternenhimmel sah und an den Morgen in Rosenhof dachte und an Winas Herz und Wiederkunft und unter dem mondhellen FlötenLichte sein klippenvolles Leben eine romantische Gegend wurde: o so stand er oft auf und setzte sich wieder hin, um den Bruder dadurch im Blasen nicht zu stören, dass er ihm bekannte, wie ihn jetzt die Minuten in Brautkleidern umtanzten und mit Rosenketten umflöchten. Aber wenn er ausgeblasen hatte und nach der langen Polardämmerung Licht kam: so sah ihn Walt forschend an und fragte froh: "Bist du zufrieden, Bruder, mit dieser süssen Enge des Lebens; und mit den Orchester-Tönen und inneren Zauberbildern, die wir heute vielleicht ebenso reich, nur ungestörter, genossen haben als irgendein grosser Hof?" – "Eine wahre Himmelskarte ist unser Leben", versetzte Vult, "freilich vor der Hand nur ihre weisse Kehrseite; doch einen Taler, den mir jemand auf die Karte legte, säh' ich nicht mit Unlust."
Am Morgen darauf sprach Walt von seinen schönen Aussichten auf die flötende Nachtigallen-Dämmerung. Etwas mühsam wurde Vult zu einer neuen Wiederschöpfung des melodischen himmels gebracht. Aber mit desto grösserem Feuer erzählte darauf der Notar, wie glücklich er die dämmernde harmonische Hörzeit angewandt habe, nämlich zur Verfertigung einer Replik und eines Streckverses im Roman; der Held sei – hab' er unter der Flöte gedichtet – getadelt worden, dass er über das Wort einer alten, kranken, dummen Frau, welche ihn für seine Gaben an jedem Abend in ihr Gebet eifrig einzuschliessen versprochen, sich innigst erfreuet; allein der Held habe versetzt: nicht ihres Gebetes wirkung auf ihn wäre ihm etwas, sogar wenn diese gewiss wäre, sondern die auf sie selber, dass ein so frierendes Wesen doch jeden Abend in eine schöne Erhebung und Erwärmung gelange. "Ist das kein wahrer Zug von mir, Vult?"
"Es ist ein wahrer von dir (sagte Vult). In der Kunst wird, wie vor der Sonne, nur das Heu warm, nicht die lebendigen Blumen." Walt verstand ihn nicht; denn oft kam es ihm vor, als finde Vult zuweilen später den Sinn als das Wort.
Im nächsten Dämmerungs-Feiertag und Feierabende, nämlich im dritten, war der dritte abgeschafft, Vult griff kein Flötenloch, blies keine Note. Aber der Bruder nahm den künstlerischen Eigensinn nicht übel, hielt den Bruder für so glücklich als sich und wandte nichts ein gegen einen Wechsel der Dämmer-Partien. "Hab' ich denn nicht eine Luftröhre wie du, so gut zu Lauten gebohrt als die Flöte? Kann ich denn dir nichts sagen, ohne das Holz ins Maul zu stecken? – Diskurieren wir lieber beiderseits", sagte Vult.
In den folgenden Dämmerungen kehrte dieser zur alten Sitte zurück, hinter den Laternenanzündern die Gassen zu durchstreifen – ein Abenteuer mit einer Schauspielerin zu bestehen – Burgunder allein zu borgen (Walten hielt er, seit dieser ihn mit Zucker absüsste, keines mehr würdig) – mit der Flöte in fremde Flöten auf der Gasse oder in die Kulisse einzutreten – und sich endlich auf dem Kaffeehause halbtot zu ärgern, dass er am Ende so gut als einer sich unter die Hasslauer mische, und, allmählich hinabgewöhnt, sich mit ihnen in gespräche verflechte, da er doch mit der festesten Verachtung im Sommer angekommen sei.
Walt blieb freudig zu haus; er fand in den kleinsten Blümchen, die durch seinen Schnee hindurchwuchsen, so viel Honig, als er brauchte. Als die Tage abnahmen: so freuete er sich über die Länge der Abenddämmerung sowie des gestirnten Morgens; ohne dabei zu vergessen, dass er sich ebensogut, nur später, über die Zunahme