in eine lachende Zweisiedelei." – "Bruder", sagte Walt, vom Schreibetisch aufstehend, "könnt' ich komisch dichten oder dürfte man einen Freund abschatten in Rissen und Schattenrissen: wahrlich ich schriebe jeden Schritt ab von dir. Aber ich glaube nicht, dass es sich geziemt, ein geliebtes Herz auf den poetischen Markt zur Schau zu legen. Bin ich etwa zu sehr im Schreibfeuer?"
"Nein", versetzte Vult, "auch nicht im Rechte; ist es Zufall oder was, dass du in der stube wieder ein Linker bist, und ich ein Rechter51? – Aber ich muss endlich nach haus, Alter, und da spassen – vor Welt und Nachwelt." Er ging. Walt hielt es für Pflicht, ihn auch bald zu besuchen, um ihm die Einsperrung in eine halbierte stube ein wenig zu vergelten. Er sagte Vulten, wie heute so viele andere Zufälle sich zu ihrem Glück vereinigten, dass z.B. der erste Schnee falle, der von jeher etwas Häusliches und Heimliches für ihn aus der Kindheit gehabt, gleichsam die Maienblümchen des Winters – und dass er heute von hier aus die ersten Drescher höre, diese Sprach- oder Spielwalzen des Winters. "Du meinst die Flegel", sagt Vult; "nur störet ihr Takt meiner Flöte ihren." – "Wie kommts beiläufig, mein Alter", sagte Walt, "dass ein fast so einfältiger Vers, der den Takt von drei Dreschern nachklappen soll, etwas Anziehendes für mich hat: 'Im Winter, mein Günter, so drischt man das Korn; wenn es kalt ist, nicht alt bist, tapfer gefrorn'?" – "Es kann so sein", antwortete Vult, "dass der Vers in seiner Art vortrefflich ist und nachahmend, wer wills wissen? – Oder auch, weil ihn uns unser Vater so oft aus Herrn v. Rohrs Haushaltungs-Recht vorlas. Nämlich in Kursachsen hatte damals die Drescherzunft besondere gesetz. Z.B. wer, wie du weisst, das halbe Vierte nicht nach dem Verse drasch: 'Fleisch in Töpfen, lasst uns höpfen', bekam 40 Streiche mit der Wurfschaufel auf den Steiss. So war es ein Zunftartikel, dass man für jeden Zank in der Scheune einen neuen Flegel abgeben musste; eine Strafe, welche bei literarischen Zwistigkeiten schon im Fehler selber abgeführt wird."
Beide hoben wieder das Schreiben an. "Ich dachte jetzt daran", rief ihm Vult aus dem Palastfensterlein, "als ich dich laut das Papier umwenden hörte und innenhielt, wie von solchen Kleinigkeiten ganze europäische Städte, für die wir etwa arbeiten, mit ihren feinsten Empfindungen geradezu abhängen. Eine von Staub verdickte Dinte – oder eine elende weisse, die sich später schwärzt – ein ähnlicher bestohlner Kaffee – ein rauchender Ofen – eine knuspernde Maus – eine verdammte rissige Feder – ein Bartscherer, der dich gerade mitten in deinem höchsten Schuss durch den Äter einseift und dir mit dem Bart die Flügel beschneidet – – sind das nicht lauter elende Wolkenflocken, welche einer ganzen Erde eine Sonne voll Strahlen, um einen Autor so zu nennen, verdecken können? Es ist ja ordentliche Fopperei der Welt. Auf der andern Seite ist es allerdings – schreibe aber dann fort – ebenso ermunternd und erhaben, dass der Tropfen Dinte, den du oder ich nachher aus der Feder aufs Papier im stillen hinflössen, wasser für die Mühlräder der Welt sein kann – aushöhlendes Ätzwasser und Tropfbad für das Riesengebirge der Zeit – ein Riechspiritus und Hirschhorngeist für manches Volk der Aufentalt des Meergottes als Zeitgeistes – oder sonst etwas Ähnliches dem Tropfen, womit ein Bankier oder ein Fürst Städte und Länder überschwemmt. Gott! womit verdient man es, dass man so erhaben ist? – Jetzt schreibe aber."
Abends gegen vier Uhr hörte Walt deutlich, dass Vult zu Floren sagte: "Eh' du uns bettest, schönes Kind, so laufe zum Hrn. Notarius Harnisch, in meiner Nachbarschaft, und ich liess' ihn bitten, diesen Abend zum Tee, auf einen Té marchant – und bringe nur mir Licht, weil er dann keines braucht." – Walt erschien, um das erstemal in seinem Leben einen Tee anders als nach Laxiermitteln zu trinken. Vult gab ihn mit Wein, den er nie vergass zu borgen. "Wenn die Alten schon den Ahorn mit Wein begossen, wieviel mehr wir den Lorbeer! – Wer einen Hoppelpoppel schreibt, sollte ohnehin einen Hoppelpoppel trinken, ja er sollte beides vereinen und ein Punsch-Royalist werden, wenn du weisst, was Punch royal ist. Ich geniesse das Leben sub utraque." Beide führten darauf ihre guten Diskurse, wie Menschen pflegen und sollen. Vult: "Ich sprech' unendlich gern – vorher eh' ich das Gesprochne aufschreibe. Tausend Sachen lassen sich erfinden, wenn man keift und kriegt. Daher kommts vielleicht, dass man auf Akademien sich in alle Würden und Erlaubnisse, zu lehren, nicht wie an Höfen hineinschmeichelt, sondern hineinzankt, d.h. disputiert, wozu Sprechen so nötig; z.B. so bring' ich selber diesen Einfall oder den vormittägigen vom Flegel zu Papier." – Walt: "Darum werden Briefe als Nachhalle der gespräche so geschätzt." – Vult: "Denn sogar zum Philosophieren ist ein zweites Menschengesicht behülflicher als eine weisse Wand- oder Papier-Seite." – Walt: "O Lieber, wie hast du recht! Doch