"was doch", sagt' er, "auf der ganzen Reise gar nicht mein Fall gewesen". Es war ihm erwünscht, dass ihn der Wirt beim Ärmel ergriff, um ihm den Pfalzgrafen zu zeigen, der eben in des Schulzen Haus, aber ohne Gottwalt ging; Vult eilte aus seinem, um drüben alles zu sehen.
Draussen fand er das Dorf so voll Dämmerung, dass ihm war, als steck' er selber wieder in der helldunkeln Kinderzeit, und die ältesten Gefühle flatterten unter den Nachtschmetterlingen. Hart am Stege watete er durch den alten lieben Bach, worin er sonst breite Steine aufgezogen, um eine Grundel zu greifen. Er machte einen Bogen-Umweg durch ferne Bauernhöfe, um hinter den Gärten dem haus in den rücken zu kommen. Endlich kam er ans Backofenfenster und blickte in die breite zweiherrige Grenzstube – keine Seele war darin, die einer schreienden Grille ausgenommen, Türen und Fenster standen offen; aber alles war in den Stein der Ewigkeit gehauen: der rote Tisch, die roten Wandbänke, die runden Löffel in der hölzernen Wand-Leiste, um den Ofen das TrockenGerüste, der tiefe Stubenbalken mit herunterhängenden Kalendern und Herings-Köpfen, alles war über das Meer der langen Zeit, gut eingepackt, ganz und wie neu herübergeführt, auch die alte Dürftigkeit.
Er wollte am Fenster länger empfinden, als er über sich Leute hörte und am Apfelbaum den Lichtschimmer der obern stube erblickte. Er lief auf den Baum, woran der Vater Treppe und Altan gebaut; und sah nun gerade in die stube hinein und hatte das ganze Nest.
Darin sah er seine Mutter Veronika mit einer weissen Küchenschürze stehend, eine starke, etwas breite, gesund nachblühende Frau, das stille, scharfe, aber höfliche Weiberauge auf den Hoffiskal gelegt – dieser ruhig sitzend und an seinem breiten kopf das NabelGehenke eines Pfeifenkopfes befestigend – der Vater gepudert und im heiligen Abendmahls-Rock unruhig laufend, halb aus achtender Angst vor dem grossen eingefleischten corpus juris neben ihm, das gegen Fürsten und alle Welt geradeso keck war als er selber scheu, halb aus sorgender, das corpus nehm' es übel, dass Walt noch fehlte. Am Fenster, das dem Baum und Vulten am nächsten war, sass Goldine, eine bildschöne, aber bucklige Jüdin, auf ihr rotes Knäul niedersehend, woraus sie einen schafwollenen Rotstrumpf strickte; Veronika ernährte die blutarme, aber fein-geschickte Waise, weil Gottwalt sie ungemein liebte und lobte und sie einen kleinen Edelstein hiess, der Fassung brauchte, um nicht verloren zu gehen.
"Der Knecht ist nach dem Spitzbuben ausgeschickt", versetzte Lukas, als der Fiskal unwillig erzählte, Walt habe nicht einmal seine eignen Felder, geschweige des sel. van der Kabels seine ihm zu zeigen gewusst, sondern ihm einen Fronbauern Kabels dazu hergeholt und sei wie ein Grobian weggeblieben. Vom erfreulichen Testamente, sah Vult, hatte der Fiskal noch kein Wort gesagt.
Auf einmal fuhr Gottwalt in einem Schanzlooper herein, verbeugte sich eckig und eilig vor dem Fiskal und stand stumm da, und helle Freuden-Tränen liefen aus den blauen Augen über sein glühendes Gesicht.
"Was ist dir?" fragte die Mutter. "O meine liebe Mutter (sagt' er sanft), gar nichts. Ich kann mich gleich examinieren lassen."
– "Und dazu heulst du?" fragte Lukas. Jetzt stieg sein Auge und sein Ton: "Vater, ich habe", sagte er, "heute einen grossen Mann gesehen." – "So?" versetzte Lukas kühl – "Und hast dich vom grossen Kerl wamsen lassen und zudecken? Gut!"
"Ach Gott", rief er; und wandte sich an die aufmerksame Goldine, um es so dem Examinator mit zu erzählen. Er hatte nämlich oben im Fichtenwäldchen eine haltende Kutsche gefunden und unweit davon am Waldbügel einen bejahrten Mann mit kranken Augen, der die schöne Gegend im Sonnenuntergange ansah. Gottwalt erkannte leicht zwischen dem mann und dem Kupferstiche eines grossen deutschen Schriftstellers – dessen deutscher Name hier bloss griechisch übersetzt werde, in den des Plato – die Ähnlichkeit. "Ich tat", fuhr er feurig fort, "meinen Hut ab, sah ihn still immerfort an, bis ich vor Entzückung und Liebe weinen musste. Hätt' er mich angefahren, so hätte ich doch mit seinem Bedienten über ihn viel gesprochen und gefragt. Aber er war ganz sanft und redete mit der süssesten stimme mich an, ja er fragte nach mir und meinem Leben, ihr Eltern; ich wollt', ich hätt' ein längeres gehabt' um es ihm aufzutun. Aber ich macht' es ganz kurz, um ihn mehr zu vernehmen. Worte, wie süsse Bienen, flogen dann von seinen Blumen-Lippen, sie stachen mein Herz mit Amors-Pfeilen wund, sie füllten wieder die Wunden mit Honig aus: O der Liebliche! Ich fühlt' es ordentlich, wie er Gott liebt und jedes Kind. Ach ich möchte' ihn wohl heimlich sehen, wenn er betete, und auch, wenn er selber weinen müsste in einem grossen Glück. – Ich fahre sogleich fort", unterbrach sich Walt, weil er vor Rührung nicht fortfahren konnte; bezwang sie aber etwas leichter, als er umhersah und gar keine sonderliche Fremde fand.
"Er sagte", fuhr er fort, "die besten Sachen. Gott, sagt' er, gibt in der natur wie die Orakel die Antwort,