geliefertes Tagebuch allein, sobald man dessen Stil mit dem Stil des Hoppelpoppels (auch dieser Titel gehört unter die Gesamt-Rüge), den die Welt gedruckt in Händen hat und dessen Verfasser seit dem neulichen Artikel im Literarischen Anzeiger jeder kennt, zusammenzuhalten anfängt? O ich fürchte zu sehr. –
Aber alle diese Noten stören die Verehrung nicht, womit ich ewig etc.
Kuhnold"
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Ich antwortete folgendes: "Ich fluche, aber ich folge. Denn was hälf' es, den Deutschen zuzumuten und das Beispiel zu geben, nur wenigstens auf dem Druckpapier – nicht einmal auf dem Reichsboden – so keck zu sein, als ihre Vorfahren im 16ten, 17ten Säkul auf beiden waren? Gedachte sagen, sie hofften seitdem von den Franzosen weiter gebracht zu sein. Unser Diamant der Freiheit ist aus unserem Ringe in einen Drachenkopf gekommen, wo er nicht eher glänzen kann, als bis wir im Drachenschwanze stehen.
Ich weiss nicht, ob ich mich dunkel erkläre, hoff' es aber.
Trefflichster! der Humorist hat zwar einen närrischen, widerlichen Berghabit zum Einfahren in seine Stollen; – er verleibt sich zwar nach Vermögen alle Aus- und Miss-Wüchse der Menschheit ein, um das Beispiel der Missgeburten zu befolgen und zu geben, die in vorigen Jahrhunderten bloss darum mit fleischernen Fontangen, Manschetten und Pluderhosen geboren wurden, um damit der Welt, wie die Strafprediger errieten, ihre angezogenen vorzuwerfen – und hiemit wäre Vult entschuldigt-; aber wie gedacht, ich folge und schlage nichts ein als den alten aristotelischen Mittelsteig, der hier darin besteht, dass ich weder erzähle noch erdichte, sondern dichte; und wenn Scaliger in einem Werkchen von 8 Bogen über seine Familie imstande war, vierhundertundneunundneunzig Verfälschungen anzubringen, wie Scioppius gut erwiesen50: so dürfte in einem Werkchen von ebenso vielen Bänden die Doppelzahl davon ebenso leicht als nützlich ausfallen.
Vor dem Erraten der wahren Namen unserer geschichte dürfen wir, Hr. Bürgermeister, uns nicht ängstigen, da bisher für keine von allen Städten, die ich in meinen vielen Romanen abkonterfeiet habe, der Büschingische Name ausgespähet wurde, ungeachtet ich in einigen davon selber wohnte, sogar z.B. in Haelwebeemcebe und Efgeerenengeha.
Indes ersuch' ich die Testaments-Exekution, dass mir doch Vults Einleitung zu seinem Tagebuch samt unserem Briefwechsel darüber in den fliegenden Hering (Nr. 56) einzunehmen zugelassen werde, weil Sachen dadurch vorbereitet werden, die ohne das Tagebuch kein Mensch motivieren kann, nämlich Vults schnelles Einziehen und Verlieben. Wahrlich Sie, verehrlicher Stadtrat, sind glücklich und erfahren nichts von den Vater- und Mutterbeschwerungen erträglicher Autoren. Sie als Menschen stehen sämtlich unter dem herrlichen Satze des Grundes, und der Freiheit dazu, und alles, was Sie nur machen oder sehen, bekommen Sie sogleich schon motiviert – – Aber Dichter haben oft die grössten Wirkungen recht gut fertig vor sich liegen, können aber mit allem Herumlaufen keine Ursachen dazu auftreiben, keine Väter zu den Jungfernkindern. Wie ihnen dann Kritiker mitspielen, die weniger mit als von kritischem Schweisse – der hier die Krankheit, nicht die Krisis ist – ihr Brot verdienen, wissen der Himmel und ich am besten. Der ich verharre etc. etc.
J. P. F. R."
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Meiner Bitte wurde, wie man sieht, willfahren.
Nr. 57. Regenpfeifer
Doppel-Leben
"Der Himmel besteht wahrscheinlich aus ersten Tagen – wiewohl die Hölle auch –, so sehr jauchzet mich heute dein elendes Nest an", sagte Vult beim Frühstück. Beide gingen in ihre Wohnungen an ihre arbeiten nach haus. Vult schrieb am Tagebuch ein wenig und schnitt zwei brauchbare Ausschweifungen sogleich heraus für den Hoppelpoppel. Dann sah er aus dem Fenster und sprach zur freundlichen Raphaela herab, welche auf Vaters Befehl im Garten wachstehen musste, weil man die Bildsäulen wie die Orangerie-Kästen in die Winterquartiere trug. Da er voraussah, dass Walt ihn hören müsste, so schneiete er zierlich-gefrorne Eisblümchen von Anspielungen auf Liebe, Kälte, Halbgötterchen und ganze Göttinnen hinab, welche, hofft' er, Walts und Raphaelens Wärme schon zu schönen bunten Tropfen auftauen würden. Raphaela liess ähnliche Eisblumen an seinen Scheiben anschiessen, und wurde im kalten Wetter des Gartens schön geheizt, bloss weil Vult ein Mann und ein Edelmann war. Für manches Mädchen sitze ein Ahnen-Mann auf seinem Stammbaum so entgliedert und zerschossen wie ein Schützenvogel am dritten Tage auf der Stange, sie wird doch an ihm gern zur Königin und will ihn erzielen. Mit einer Freude ohne Eifersucht gab sie ihm auf die Frage, wann der General mit seiner Tochter komme, die Hoffnung ihrer Nähe.
Kaum hatten die Gebrüder mit grösserer Mühe wieder zu fliegen und zu scherzen angefangen im Roman: so stand Vult auf und murmelte so zu sich – Walt musst' es hören –: "Ich wüsste nicht, warum ich nicht zu meinem einsamen Bruder einmal einen Spaziergang machte, da die Wege von hier zu ihm noch ebener und fester sind als selber in Kursachsen." Darauf öffnete er das Kappfensterchen am gemalten Palaste der Bühnenwand und rief hindurch: "Kannst du mich hören? Ich hätte Lust, zu dir zu marschieren, wenn du eben allein wärest." – "Du Schelm, du guter", sagte Walt. Jener reisete denn um die Wand mit andertalb Schritten und dem Wandnachbar entgegen mit vorgestrecktem Handschlag sagend: "Mich schröckt das Schneegestöber draussen wenig ab, dich in deiner Einsiedelei aufzusuchen und sie vielleicht zu verwandeln