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man wohl schicklicher das Publikum als einen verehrlichen Stadtrat behelligt; worunter aber in jedem Falle die Nachricht gehören würde, dass ich gestern nach meinem Wechselfieber des Wechselsdoch nur mit Städtenwieder aus Koburg abgezogen bin nach Bayreut. Niemand muss überhaupt die Zeit mehr sparen als einer, der für die Ewigkeit nicht sowohl lebtdas tut jeder Christ- als schreibt. Wieviel Blattseiten lässt denn die Biographia britannica unseres Ichs der Historiole des Universums übrig? – Wie ohnehin alles uns Dichter drückt, scheinen nur die alten Holzschnittschneider zu ahnen, wenn sie Bienen und Vögeldiese bildlichen Verwandten unsers Honigs und unsers Flugsbloss als fliegende Kreuze zeichnen. Wer hängt an diesen Kreuzen als wir Kreuzträger, z.B.

Ihr

testierter

Biograph,

J. P. F. Richter?"

Bayreut, den 13. August 1804. *

Jetzt geht Walts geschichte so fort, nämlich Vults Wochenbuch fängt so an: "Ich schwöre hiemit mir, dass ich ein Tagebuch wenigstens auf ein Vierteljahr schreiben will; hör' ich früher auf, so strafe mich Gott oder der Teufel. Von heutedem Tage nach dem gestrigen Einzugegeh' es an. Ja wenn mich der Gegenstandnicht ich, sondern Walthinge, pfählte, knebelte, zerfetzte, nach Siberien schickte, in die Bergwerke, in die zweite Welt, in die dritte, ja in die letzte: so führ' ich das Wochenbuch fort; und damit ich nicht wanke, so will ich mit den Fingern, die man sonst dazu aufhebt, es herschreiben:

Ich schwöre.

Die Weltwelche aber nie dieses Blatt bekommen sollkann sich leicht denken, über wen das Wochenbuch geführt werde; nicht über mich. Ein Tagebuch über sich macht jeder Dinten-Mann schon an und für sich, wenn er seine opera omnia schreibt; bei einem Schauspieler sinds die Komödienzettel; bei einem Zeitungsschreiber die Jahrgänge voll Weltändel; bei einem Kaufmann das Korrespondenzbuch; bei einem Historienmaler seine historischen Stücke; Angelus de Constantio, der an seiner storia del regno di Napoli 53 Jahre verschrieb, konnte bei jeder Reichsbegebenheit sich die seinigen, obwohl nur auf 53 Jahre, denken; und so schreibt jeder Verfasser einer Weltgeschichte damit seine eigne mit unsichtbarer Dinte dazwischen, weil er an die Eroberungen, inneren Unruhen und Wanderungen der Völker seine eignen herrlich knüpfen kann. Wer aber nichts hat und tut, woran er seine Empfindungen bindet, als wieder Empfindungen: der nehme Lang- und Querfolio-Papier und bringe sie dazu, nämlich zu Papier. Nur wird er Danaiden- und Teufelsarbeit haben: während er schreibt, fällt wieder etwas in ihm vor, es sei eine Empfindung oder eine Reflexion über das Geschriebenedies will wieder niedergeschrieben seinkurz der beste Läufer holet nicht seinen Schatten ein.

Und welch ein lumpiges knechtisches katoptrisches Nach-Leben, dieses grabes-luftige Zurückatmen aus lauer Vergangenheit statt eines frischen Zugs aus frischer Luft! Das flüchtige Getümmel wird ein Wachsfigurenkabinett, der blühende flatternde Lebensgarten ein festes pomologisches Kabinett. ist es nicht tausendmal klüger, der Mensch ist von Gegenwart zu Gegenwart wie Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, und der fröhliche Trieb tut seinen Windstoss in die Blumen und Wellen hinein, wirft Blumenstäubchen und Schiffe an ihren Ort und gähnt und stöhnt nicht wieder erbärmlich zurück?

Hingegen ein Tage- und Wochenbuch über andere! – Ich gesteh' es meinem geneigten Leser, dem guten Vult, dies ist etwas anderes; aber ich muss freilich sehen undanfangen.

Doch so viel lässt sich auch, ohne anzufangen, annehmen, dass mein Hausherrlein und Brüderlein Walt vielleicht zu einem historischen Roman (den Titel 'Tölpeljahre eines Dichters' verschwör' ich nicht) zu verbrauchen ist, nämlich als Held, besonders da er eben in liebes-Blüte und vollends gegen eine Hässlichkeit47steht; wenn mich nicht der ganze neuliche Wechsel-Prozess und sein heisses Verteidigen und Beschauen ihres Gesichts und Herzens zu sehr betrügt. Nur ist durchaus erforderlich, dass ich als der Beschreiber des Lebens ihn geschickt, wie eine herkulanische Bücherrolle, auseinanderwinde und dann kopiere. Ich sehe' auch nicht ein, warum ich nicht überhaupt so gut einen göttlichen Roman schreiben sollte wie Billionen andere Leute. Mir selber ist Schriftstellerei so gleichgültig, Vult! Wie ich lebe, nicht um zu leben, sondern weil ich lebe, so schreibe' ich bloss, Freund, weil ich schreibe. Worin soll denn das Ebenbild Gottes sonst bestehen, als dass man, so gut man kann, ein kleines Aseitätchen48ist undda schon Welten mehr als genug da sindwenigstens sich Schöpfer täglich erschafft und geniesst, wie ein Messpriester den Hostiengott? – Was ist überhaupt Ruhm hienieden in Deutschland? Sobald ich mir nicht einen Namen machen kann, dass ich vom Niedrigsten bis zum Höchsten täglich genannt, gelobt und vor Begierde verschlungen werdediesen Namen aber hat in Deutschland weiter niemand als Broihann, nämlich der erste Brauer des Broihanns –, so erhebe mich doch nie ein Journal, fleh' ich. Ebensogern als einer Vergrösserung durch dasselbe will ich einem Erzengel zu Gebote stehen, welcher mit einem mittelmässigen Sonnen- und Weltenmikroskop auf dem Marktplatz der Stadt Gottes etwas verdienen will und daher, um andern neugierigen Markt-Engeln die Wunder Gottes und des Mikroskops zu zeigen, mich als die nächste Laus einfängt und auf den Schieber setzt mit vergrösserten Gliedmassen zum allgemeinen Bewundern und Ekeln.

Dies beiseite, so merk' ich noch für dich besonders an,