Türen-Zuwerfen seines Polter- oder Schmollgeistes voraussagt, um nachher entschuldigt zu sein, und den wir früher gelesen als Walt, oder vielmehr später46. Walt glaubte eilig, er meine eine von heute an zukünftige Zukunft, und sagte, dahin komm' es nicht; aber als Vult ihm am Datum zeigte, dass eine vergangne geschildert sei: so fasste der Notar seine hände mit beiden fest, sah ihm in die Augen und fing mit langem Ton der Rührung an: "Vult! – Vult!" – Den Flötenspieler drückte es, dass er einige Tropfen in die eignen Augen, über die er mit den gefangnen Händen nicht hinfahren konnte, musste treten lassen: "Nun", fuhr er auf, "auch ich bin kein Kiesel; lasse mich aber auf mein Zimmer gehen und auspacken!" und fuhr hinter die Bühnenwand.
Er packte aus und stellte auf. Walt ging im seinigen auf und ab und erzählte ihm über die Stadt herüber seine bisherigen Versuche, ihren Seelen-TaufBund zu erneuern. Alsdann kam er wieder in den Verschlag und half ihm, sein Haus- oder Stubengeräte ordnen. Er war so hülf-fertig, so freundlich-tätig, er wollte dem Bruder so viel Platz aufdringen samt Fenster Licht und Möbeln, dass Vult heimlich sich einen Narren schalt, dass er ihm den eigensinnigen Widerstand in der Flitteschen Wechselsache zu hart nachgetragen. Walt hingegen stellte seinerseits wieder heimlich den Flötenspieler ins grösste Glanzlicht, dafür dass er ihm zuliebe den Widerwillen gegen Raphaela ersticke; und nahm sich vor, alle schönen Züge desselben unbemerkt aufzuschreiben, um sie als Rezepte nachzulesen, wenn er wieder knurren wolle. Die Gütergemeinschaft und Stuben-Verbrüderung wurde auf die hellsten Grenzverträge zurückgebracht, damit man am Morgen gleich anfangen könnte, beisammen zu sein. Schön bemerkte Vult, man müsse innerlich dem Zorne recht viel Platz machen, damit er sich abtobe und totrenne an den Gehirnwänden; dann werde ja dem Menschen nichts leichter, als mit dem gestorbenen Wolf im Herzen ein weiches Lamm zu sein aussen mit der Brust. Man könnte aber hier noch andere Bemerkungen machen, z.B.
– Die starke Liebe will für Fehler nur bestrafen und dann doch vergeben – – Wenn mancher von kleinen Beleidigungen der Freundschaft zu tief getroffen wird: so ist daran bloss eine hassende denkart über alle Menschen schuld, die ihn dann in jedem einzelnen Falle ergreift und diesen zum Spiegel des Ganzen macht. – – Die höchste Liebe kennt nur Ja und Nein, keinen Mittelstand; kein Fegefeuer, nur Himmel und Hölle; – und doch hat sie das Unglück, dass sie Geburten der Stimmung und des Zufalls, die nur zu Vorhimmel und Vorhölle führen sollten, zu Pförtnerinnen von himmels- und Höllentoren macht –
Beide kleideten voreinander die eigentümlichsten Gefühle in allgemeine Sätze ein. Aber als Vult hinter dem Schirme ins Bett einstieg, sagt er: "Versetze mir nichts darauf – denn ich stopfe mir eben die Ohren mit dem Kopfkissen zu –, aber ich glaube selber, ich hätte dich bisher noch besser lieben können." – "Nein, ich dich", schrie Walt.
Nr. 56. Fliegender Hering
Brief des Biographen – Tagebuch
Gegenwärtiger Biograph der jungen Harnische bekam nach dem Abschlusse der vorigen Nummer (des sogenannten Pfefferfrasses) von dem Hasslauer Stadtrate vier neue – nämlich den fliegenden Hering 56, den Regenpfeifer 57, die Giftkuttel 58 und die Notenschnecke 59 – samt einem äusserst wichtigen Tagebuche Vults über Walt. Darauf antwortete er den trefflichen Testaments-Exekutoren folgendes, was durchaus als ein Zeitstück der Flegeljahre hereingehört.
"P. P.
Indem ich Ihnen, verehrlicher Stadtrat und Vollstrekker, die Ausarbeitung der 55sten Nummer Pfefferfrass zusende und den Empfang der vier neuesten Naturalien, der Nummern 56, 57, 58, 59, desgleichen des Vultischen Tagebuchs bescheinige: leg' ich zugleich die vier Kapitel für das Nummern-Viereck bei, welche ich dadurch geliefert zu haben hoffe, dass ich das Vultische Tagebuch unzerzauset einwob und es durch Überschriften in Kapitel schnitt und andere DruckerSachen anflocht, z.B. Gänsefüsse, um Vults jetzige Worte von meinen künftigen zu scheiden. Man griffe ohne weiteres meinen Charakter an, wenn Sie mich deshalb etwa einen Schelm, einen Naturalien-Räuber schölten und einen Arbeits-Knauser. Säh' es ein verehrlicher Hasslauer Stadtrat etwa lieber – was so unmöglich zu glauben –, wenn ich den herrlichen Vult, einen zwar aussen ungemalten, aber innen schön glasierten Sauertopf, mit meinen Töpferfarben umzöge? Oder kann irgendein Testament ansinnen, dass ich einem fremden Charakter etwas aus meinem eignen vorstrecke? Mich dünkt, ich und sämtliche poetische Weberschaft haben oft genug bewiesen, wie gern und reich wir jedem Charakter – und wär' er ein Satan oder Gott – von unserem leihen und zustecken. Wir gleichen am wenigsten – dies dürfen wir sagen – jenem englischen Geizhalse, Daniel Dancer, welcher auf einen fremden Acker nichts von dem, was die natur bei ihm übrig hatte, wollte fallen lassen, sondern wie toll vorher auf seinen eignen rannte mit der Sache. Sondern recht freudig leihet der Romancier alles, was er hat und was er ist, seinen geschriebenen Leuten ohne das geringste Ansehen der person und des Charakters! Folglich hätte wohl niemand Vults Tagebuch so gern umgeackert und besäet als ich, wär' es nötig gewesen.
Andere Gründe, z.B. Zeitmangel und Haus-Tumult, schütz' ich nicht einmal vor, weil diese sich auf persönliche Vertrauungen gründen, womit