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der andern den Hammer, nichts dazu ablassen als Gesicht und Hals und antwortete: "Die Hauptsache ist wohl, dass du jetzt ein vernünftiges Wort darüber hören lässest, wie die Sachen zu traktieren sind für beiderseitige Lust. Denn ist einmal alles festgenagelt: so änderts der Mensch ungern. Mich deucht aber, so besitzest und beherrschest du gerade das eine Fenster und fast drüber, und ich das andere; ein drittes fehlt."

"Ich weiss wahrlich nicht, was du vorhast, aber mache nur alles und sage dann, was es ist", sagte Walt. "So muss ich dich gar nicht verstehen", versetzte Vult, "oder du mich nicht. Solltest du kein Briefchen von mir erhalten haben?" sagte Vult. – "Nein", sagte er.

"Ich meine das heutige", fragte jener fort, "worin ich schrieb, ich würde dein Schweigen für ein Ja auf meine Bitte nehmen, dass wir doch möchten zusammen wie ein Vögelpaar ein Nest oder Quartier bewohnen, dieses nämlich? Wie?" – "Nichts (sagte Walt). Aber du willst dies? O warum traut' ich denn deinem Gemüte weniger? Gott züchtige mich dafür! O wie bist du!"

"In diesem Falle muss ich das Blatt noch in der tasche tragen", versetzte Vult und zog es hervor; "zuvörderst müssen wir aber unsern Stuben-Etat für den Winter ins reine und aufs trockne bringen; denn, Freund, leichter verträgt sich ein Simultaneum von Religionsparteien in einer Kirche als eines von Zwillingen in einer stube, wie sie denn schon als kleine Kraken nicht einmal im Mutterleibe es ein Jahr lang ausdauern, sondern sich sondern. Mein Wunsch ist allerdings, dass die Feuermauer, die ich zwischen uns Flammen gezogenund die Bühnenwand langt zum Glück so nett –, uns körperlich genug abtrenne, um uns nicht geistig zu trennen. Die Scheidewand ist auf deiner Seite mit einer schönen Reihe Paläste übermalt, auf der meinigen ist ein arkadisches Dorf hingeschmiert, und ich stosse nur dieses Palast-Fenster auf, so sehe' ich dich von meinem Schreibtische an deinem. Reden können wir ohnehin durch die Mauer und Stadt hindurch."

"Das ist ja köstlich", sagte Walt.

"Wir arbeiten dann in unserm Doppel-Käfig am Hoppelpoppel Tag und Nacht, weil der Winter für Autoren und Kreuzschnäbel die beste Zeit zum Brüten ist, und wir darin und die schwarze Nieswurz (was sind wir anders als Nieswurz der Welt?) im Froste blühen."

"O herrlich", sagte Walt.

"Denn ich muss leider bekennen, dass ich bisher aus einer Ausschweifung in die andere, nämlich aus spasshaften in reelle geraten und in der Tat wenig gegeben. So aber werden wir beide schreiben und dichten, dass wir rauchen; – nur für Bücher und Manuskripte wird gelebt, nämlich von Honorarien. – In 14 Tagen, mein guter Freund, kann schon ein sehr hübscher Aktenstoss an einen Verleger ablaufen vom Stapel."

"O göttlich", sagte Walt.

"Falls ein solches gemeinschaftliches Zusammenbrüten in einem Nesteich als Tauber, du als Täubinnicht am Ende einen Phönix oder sonst ein Flügel-Werk aussitzen kann, das sich vor der Nachwelt so gut sehen lässt, dass sie ihre Vorwelt fragt, wer beide Brüder waren, wie lang, wie breit, wie sie gegessen, genieset, und was die Gebrüder sonst für Sitten und Möbeln und Narrheiten gehabt; wenn das, sag' ich, nicht der Fall bei uns sein soll: so will ich nicht im Ernste gesprochen haben."

"Ach du schöner Gott", rief Walt mit Freudenblikken.

"Fressen will ich meine Zunge vor Hunger und, wie man von Bomben sagt, krepieren, crêper, wenn wir uns hier nicht lange vorher lieben, eh' wir uns zanken, kurz überhaupt nicht Sachen vorfallen, wovon in Zukunft ein Mehreres mündlich." – "Bei Gott, du gibst mir neues Leben", sagte Walt. "Hältst du es aber genehm", sagte Vult und führte ihn in die Schlafkammer, "dass ich unsere Bettstellen durch die spanische Wandfür die spanischen Schlösser der Träumequer geschieden halte? Ich sehe sie aber mehr für einen alten Bettschirm an."

"Du kennst darüber meine Grundsätze", sagte Walt; "ich hielt es schon in frühern Jahren für unschicklich, nur mit einem Freunde gymnastisch zu ringen oder ihn zu tragen, es müsste denn aus Lebensgefahren sein."

Darauf zeichnete ihm Vult den ganzen Weg und engen Pass vor, worauf er hereinkommen, ferner seine Zukunfts-Karten. Schon längst hab' er, sagt' er, zu ihm ziehen wollen, teils aus Liebe für ihn und den Hoppelpoppel, teils des halbierten Mietzinses halber, teils sonst. Neulich auf einem Spaziergange hab' er sich in die Gunst der guten Raphaela zurückgeschwungen, mit welcher er als mit einem HebelsLangarm dann den Vater habe bewegt. Vor einer Stunde sei er mit der Teaterwand von Purzel und mit dem Koffer eingetroffen und habe den Stubenschlüssel im bekannten Mausloch gefunden. "Nun erbrich aber doch mein Schreiben", beschloss er. Auf dem Umschlag stand: "An Hrn. Walt, abzugeben bei mir."

Walt bemerkte nicht, dass auf dem Briefe neben Vults Siegel auch seines stand und dass es jener alte war, worin Vult ihm in der Zukunft das nächtliche Poltern,