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, sondern er schickte ihm Ausschweifungen für den Hoppelpoppel ohne ein Wort dazu. Walt sandte ihm mehrere Kapitel, die er in seinem Herzenskloster um so leichter aufgesetzt, da ihn Passvogel noch immer auf den ersten Korrekturbogen warten liess, so wie die Stadt ihn auf irgendein Notariats-Instrument, das ihn hätte stören und bereichern können. Ihnen fügt' er bloss zwei Streckverse bei:

I

Meine ganze Seele weint' denn ich bin allein; meine ganze Seele weint, mein Bruder!

II

Ich sah dich und liebte dich. Ich sah dich nicht mehr und liebte dich. So muss ich dich immer lieben, ich mag nun frohlocken oder weinen tief im Herz. Einen Tag darauf schickte ihm Vult die ausgearbeitetsten Ausschweifungen zu und gedachte des Genusses kurz, den ihm jetzt Walts Hoppelpoppel oder das Herz zuführe, da jedes Kapitel mit wahrer Kunstwärme erschaffen sei und überfeiltund schrieb noch, er selber schreibe zwar eifriger als je, dürfe aber nicht entscheiden, wie glücklichund schrieb weiter nichts. "Nun denke' ich", sagte Walt zu sich, "weiss ich recht gut, woran ich bin, ich bin fast sehr unglückliches ist vorbei mit dem Himmel, der sich hier auftat für mein Armen-AugeAuf ewig ist mir der Bruder begraben und eingesenktTritt er etwa einmal vor mich, so, weiss ich wohl, ist es ein Antlitz grimmig verzogen, und mich wird schaudern durch mein Herz. O mein Bruder, wie schön war es einst, als ich dich noch umarmte und zwar weinen musste, aber ganz anders!"

Darauf schrieb er wieder ein gutes Kapitel am Romane, schickt' es ihm mit folgendem, hier ganz mitzuteilendem Briefe:

Bruder!

Hier! – – – – – –

Dein Bruder

G.

Vult versetzte nichts darauf. Gottwalt erzürnte sich nach der Tertien-Uhr; dann hatte' er wieder lieb nach der Turm-Uhr. Nur die Träume drangen mit ihren greulichen aufgerissenen Larven in seinen Schlaf, jede musste wie ein Bruder aussehen, der ihn marterte auf einer unabsehlichen Folterleiter, auf der er ausgespannt lag von Stern zu Stern.

An einem November-Nachmittage ging er in das Wirtshaus zum Wirtshaus, wo er ihn, wie bekannt, nach einem langen Lebens-Winter gefunden hatte, wie einen Mai. Der herrnhutische Wirt prügelte eben, da er eintrat, die Wirtin aus dem Gastofe hinaus, warf ihr seinen Jungen nach und schrie: wär' er kein Christ, so würde' er sie anders behandeln; so eben zähm' er sich, und kein böses Wort komme aus seinem Maule. Walten kannt' er gar nicht mehr, als dieser um das vorige, jetzt zugemauerte Oberzimmer anhielt, wo er im Juli geschlafen hatte. Teils Würste, teils Flachs auf Stroh waren darin auseinandergebreitet.

Er entfloh auf den herrnhutischen Gottesacker, wo er einst, als die Sonne unterund der Bruder aufging, so froh und so neu geworden. – Aber die Bäume waren, anstatt begrabne Gerippe laubig zu bedecken, selber steilrechte gewordendabei schneiete es regnerischmehr das Gewölke als die Sonne ging unterund Abend und Nacht waren schwer zu sondern. Der Notarius sah aus wie der eben regierende November, der, noch weit mehr dem Teufel als dem April ähnlich, nie ohne die verdrüsslichsten Folgen abtritt.

Von da trug er sich verarmetfern von jenem reichen Morgen, wo er neben dem reitenden Vater zu fuss hergelaufenzurück in die Stadt. Als er über die kalt wehende brücke ging und nichts um ihn war als die öde dunkle Nacht: so flogen zwei dicke Wolken auseinanderder helle Mond lag wie eine Silberkugel einem weissen Wolkengebürge im Schoss, und der lange Strom wand sich erleuchtet hinab. Auf dem wasser kam etwas herabgeschwommen wie ein Hut und ein Ärmel. "Geht es durch die brücke unter mir durch", sagte Walt, "so nehm' ichs für ein Zeichen, dass auch mein Bruder so von mir dahin geht; stösst es sich an die Pfeiler, so bedeutet es etwas Gutes." Er fuhr zusammen, da es unten wieder hervorkam; endlich fiel ihm ein, dass wohl gar ein ertrunkener Mensch unter ihm ziehen könne, ja Vult selber. Er sprang herunter ans Ufer herum, wo sich das schwimmende Wesen in eine Bucht voll Buschwurzeln verfangen hatte. Mühsam und zitternd hob er mit seinem Stabe einen leeren Ärmel, dann noch einen und darauf gar noch einige auf, bis er sehr sah, dass das Ganze nichts sei als eine ins wasser geworfene, von der Jahrszeit abgedankteVogelscheuche.

Aber ein Schauder dauert länger als sein Anlass oder Irrtum; er ging, noch sorgend für den Bruder, in dessen Wohngasse, als seine Flöte schon von ferne herauftönte und wie die Flut alle die offnen rauhen Klippen der Welt mit einem weichen Meer zudeckte. Der elende November, der herrnhutische Wirt, die Vogelscheuche und die leere Ebbe des Lebens gingen nun unter in schönen Wogen. Walt trat, weils finster wardenn am Tage schaute er nur die lange Gasse hinab –, dicht vor Vults Haus, obwohl in die MondsSchatten-Seite. Er drückte den Türdrücker wie eine Hand, weil er wusste, wie oft ihn die brüderliche musste angefasst haben. Vult, dies merkte er aus dem Schatten und dem Lichtschimmer gegenüber, musste mit dem Notenpulte nah' am Fenster stehen. Als wieder ein langer Wolkenschatten die Gasse heraufflog