die seinige. Er ging in seine stille stube zurück, und beim Eintritte war ihm, als wenn er in Tränen ausbrechen sollte, ob vor Freude oder Einsamkeit oder Trunk oder überhaupt, das wusst' er nicht; am Ende vergoss er sie vor Zorn.
Nr. 55. Pfefferfrass
Leiden des jungen Walts – Einquartierung
Der Notarius konnte eine ganze Nacht lang weder schlafen noch seinen Bruder lieben; sondern der Zorn war sein Traum, und das nächtliche Auftürmen zankender Gründe erhitzte ihn zuletzt dermassen, dass er, wenn Vult sich an dessen Bett gewagt hätte, vielleicht fähig gewesen wäre, ihm zu sagen: "Ich rede nun anders mit dir, Bruder; setze dich aber nicht aufs scharfe Bettbrett, sondern mehr auf die Kissen herein!" – Unbegreiflich und unverzeihlich fand er dessen Kraft, Menschen ins Gesicht hinein zu martern, den armen Flitte und ihn selber. Schon öfters hatte' er bei der Weltgeschichte versucht, in jene mächtigen Schneeund Gletscher-Männer, welche mitten unter dem Hasse eines ganzen Hofs und volkes heiter glänzen und gedeihen, sich so gut poetisch zu versetzen als in andere Charaktere; aber es hatte nie besonderen Erfolg – er wäre ebensogut einer Statue durch den Mund ins Herz gekrochen. Ihm griff schon ein MenschenAntlitz in die Seele, und wär' es punktiert an der Puppe eines Nachtschmetterlings erschienen oder wächsern an der Puppe eines Kindes; er hätte beide nicht kalt eindrücken können mit dem Daumen.
Er stieg aus dem Bette in einen platt-gemähten Herbsttag: denn er wollte, wie er pflegte, lieben und der süssesten Empfindung kaum mächtig sein; fand aber nichts Brauchbares dazu, sondern nur die Zukkersäure der vorigen Zuckerinsel. Jetzt stellte er sich, da es sein erstes Zürnen war, recht dazu an. Ein Herz voll Liebe kann alles vergeben, sogar Härte gegen sich, aber nicht Härte gegen andere; denn jene zu verzeihen ist Verdienst, diese aber Mitschuld.
Darauf machte er sich auf den matten Weg aufs Rataus, um da, wie bisher, sich für seine ErbamtsSünden wacker abstrafen zu lassen. Der Spassvogel Flitte, jetzt sein gestriger Unglücksvogel, war schon da – denn er hatte fast nichts auf der Erde als Zeit –; samt Passvogeln, dem Buchhändler. Walt sah so liebegiessend dem Elsasser ins Auge, als hätte dieser sich für ihn verbürgt; nie warf irgendein Fegfeuer auf den Gegenstand, der es für ihn schuldlos angezündet, vor seiner Seele irgendeinen gelben hässlichen Widerschein; vielmehr freuete er sich recht, allein im Fegfeuer zu stehen und den Fremdling rein aus den Flammen anzuschauen.
Der Testaments-Ober-Vollstrecker, Hr. Kuhnold, eröffnete nach der siebenten Klausel – möchte doch jeder Leser das Testament aus dem buch herausgeschnitten, broschiert, immer neben sich haben – den geheimen Artikel des Reguliertarifs, der rechtmässig zu öffnen war. In der Tat war darin auf jeden französischen Germanismus, den Flitte von ihm an Eidesstatt berichten würde, ein Tag verspäteter Erbschaft zur Schulstrafe gesetzt. Flitte erwiderte darauf, er wisse niemand, der soviel Organ für französische Sprache besitze, sowie Kalligraphie dafür, als Herrn Walt, und er entsinne sich keines erheblichen Fehlers. Walt griff nach dessen Hand und sagte: "O wie schön, dass ich mir Sie so immer dachte! Aber meine Freude ist nicht so uneigennützig, als sie scheint, sondern noch uneigennütziger." Der Ober-Vollstrecker wünschte ihm erfreuet Glück – desgleichen der Buchhändler – und jener bat ihn um die Wahl des neuen Erbamtes.
Es ist sehr schlimm für diese geschichte, dass die Welt nicht die sechste Klausel "Spasshaft und leicht mags" auswendig kann, auf welcher doch gerade die Pfeiler des Gebäudes stehen. Der Notar wusste sie ganz gut, und der Buchhändler am besten. Als Walt in dem Seelen-Rausche über die schönste Rechtaberei, die es gibt – sich nämlich nicht in guten Voraussetzungen von Flitte geirrt zu haben –, nicht sogleich das Erbamt erlesen konnte, das er bekleiden wolle: trat Passvogel zu ihm und erinnerte ihn an den Buchstaben e der Klausel, welcher sagt: "Er soll als Korrektor 12 Bogen gut durchsehen." – "Trefflich genug!" sagte Walt, verstand und erklärte sich dazu; – in das vom Nacht-Zorne zerfressene Herz flossen die kleinsten Ergüsse menschlicher Milde balsamisch-heilend ein.
Ausserhalb der Ratsstube fand er auf einmal sein Herz um- und dem Bruder wieder zugewandt; Flitte war gerechtfertigt, er selber entschuldigt, und er verzieh in massen, bloss weil er so viel – recht gehabt. Nachdem er eilig seinem geängstigten Vater den schönen Ablauf seines Wochenamtes geschrieben hatte: so machte er sich ernstafter an seine alte Versetzung ins fremde Ich und fragte: "Kann denn Vult seine Handlungen nach andern grundsätzen zuschneiden als nach seinen eigenen? Und wollt' er denn anders als ich selber eben für mich handeln? – Jeder begehrt von andern Gerechtigkeit und dann noch ein wenig Nachsicht dazu; ei gut, so geb' er andern auch beides, und das will ich tun." Er fand zuletzt in Vults Stosskraft eine Ergänzung seiner eigenen weichwolligen Aussenseite; die Freundschaft und Ehe wird, so wie ein Fernrohr, durch Zusammensetzung erhobner und hohler Gläser gemacht.
Was half aber sein aufgetanes Herz? Niemand ging hinein. liebes-schamhaft harrte er, dass Vult nur eine Viertels-Elle von einer weissen Friedensfahne flattern liesse, um sogleich mit Liebesaugen in die fremde Seele einzuziehen; aber nicht einen Fingerbreit davon streckte dieser aus