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Fieber organisierte mich so sonderbar, dass mir nicht nur die alten Haare ausfielenbloss zu einem Titus behielt ich schwachen kurzen Pelz –, sondern auch die alten Ideen, vorzüglich verdrüssliche.

Platner bemerkt recht gutsowie den teleologischen Vorteil davon –, dass das Gedächtnis des Menschen das Süsse weniger fahren lasse als das Bittere.

Mit mirobwohl nicht vom Krankenlagerstanden meine Gläubiger auf. 'Trefflicher Hr. Musikhändler Rellstab! – mein Bedienter versichert, Sie hiessen so –', sagt' ich zu dem bekannten mann, meinem starken Gläubiger, 'eben mach' ich mich vom hitzigsten Fieber von der Welt auf und habe alles, 1000000 Dinge, ja den Namen vergessen, den ich gewöhnlich unterschreibe. erklären lässt sichs gut genug aus Physiologie, aus Schweissen, Fieberbildern und Ermattungen; aber verdrüsslich ist es für einen Mann wie ich, der gern seine Nota von Musikalien abführt, und dem doch alles entfallen. In dieser Not bitte' ich Sie, so lange zu warten, bis ich mich der Sache entsinne, guter Rellstab; dann, wahrlich, haben Sie Ihr Geld auf der Stelle im haus, was sich im anderen Sinne ohnehin versteht.'

Darauf erschien der erste Teaterschneidermeister und Garderobier und ersuchte mich um das Seinige. Ich antwortete: 'Lieber Hr. Freitagdenn Sie sind, höre ich, ein Namensvetter des heutigen Karfreitagsentfährt jedem Schuldner soviel auf dem Krankenbette als mir (z.B. etwa den Blutschuldnern, Ehrenschuldnern), so ist es schlimm für Gläubiger. Denn mir für meine person ist rein alles entfallen, was ich schuldig bin; – Sie werden mir kaum glauben, wenn ich Sie an meine Krankenmatratze führe, wo ich so geschwitzt und gefiebert, dass ich nichts behalten habe. Münzen helfen hier wenig ohne Gedächtnis-Münzen; es ist aber betrübt, Rellstab.'

Er heisse Freitag, sagt' er. 'Das hole der Teufel', sagt' ich, 'brauch' ich auch gar einen Kor-Repetitor? Nun, ich will nicht vergessen, mich zu erinnern. –'

Der Kammerherr Julius trat ein und wünschte zu meiner Genesung sich sowohl Glück als die zwanzig Friedrichsd'or Spielgeld von mir. 'Ich soll Sie kennen', sagt' ich. – 'Quoddeusvult? – Ich hoffe, du verstehst mich', sagt' er. – 'Entschieden!' sagt' ich. 'Aber du erschrickst; denn wenn ich weiss, ob ich mehr dir oder dem Mann im Mond oder dem Grosswesir Spielgeldschuldig bin: so will ich nicht krank gewesen sein. Recht hast du gewiss; aber sollte man sich denn nicht jedesmal, eh' man in ein hitziges Fieber verfällt, tausend Knoten ins Schnupftuch machen, um genesen manche besser zu lösen als durch das Zuwerfen des Schnupftuchs? Sprich, Kammerherr! – Pass also, bis mir die Memorie wieder aufhilft! – aber verflucht fatal, dass ihr Leute vom hof ganz gegen Platners Bemerkung gerade nur das Fatale (weniger fast Fatalien) behaltet. Aber wie gehts übrigens? Revue schon an?' – 'Wie, im Winter, Vult?' sagte Julius. 'Nun, du siehst es selber', sagt' ich. 'Was macht denn die liebenswürdige Königin? – Manches, glaube' ich, vergisst man weniger.' – Darauf bat ich ihn, nächstens mich zu erinnern, und wir schieden ganz gütlich.

Anders gings, als ich von der Langen brücke in die Königsstrasse wollte und mich ein gebildeter Jude aufhielt: 'Lieber Moses!' sagt' ich, 'böse Nachrichten! das Fieber hat mich zu einem Titus geschoren.' – 'Böse!' unterbrach der Jude; 'wenn wir Juden einen schlimmen Fürsten malen wollen, so sagen wir: das ist ein wahrer Titus! – Die Titusköpfe bauen uns kein Jerusalem.' – 'Sonst', fuhr ich fort, 'war Hebräisch, Judenteutsch, Neuhebräisch mein Fach, samt den Hülfssprachen, dem Chaldäischen, Arabischenalles ist vergessen durchs starke Fieber, MosesSonst kannt' ich meine Schuldner auf hundert Schritte, die Gläubiger auf tausend weit.' – 'Wechsel', versetzt' er, 'sind da gut' und präsentierte mir einen fälligen noch über der Spree".....

Hier machte aufgeheitert Hr. Paradisi die tür auf und dankte Raphaelen sehr für ihr Blatt und warf ein höfliches Auge auf Walt. Er nahm dessen Bürgschaft an. Selten war der Notarius seligerund unseliger gewesen. Vults parodischer, zynischer Spass hatte ihm allein rein-bitter geschmecktandern nur abgeschmackt –; indes ihn das neue Glück erquickte, Flittes Entsatz und Schutzgeist zu werden. Vor Vults Ohren und Augen wurde kühn und kalt die Wechselsache vollführt und geründet, und der Flötenspieler wurde über die so frei auseinanderblühende Gegenwart bestürzt und erzürnt, obwohl heimlich; so wenig verträgt sogar der Kraftmensch fremde Stärke und Konsequenz, sobald sie mehr wider ihn auftritt als für ihn, weil jeder überhaupt vielleicht von fremder mehr zu fürchten als zu hoffen hat.

Als der Wechsel erneuert war, schied der Flötenspieler sanft von der Gesellschaft, besonders von Walt. Dieser begleitete ihn nicht. Er fragte Flitten, ob er die wenigen Stunden, die etwa seiner probe-Woche noch abgingen, nicht in seinem eignen Zimmer verbringen dürfe. Flitte sagte freudig ja. Raphaela drückte dankend Walten noch ihre zarte Hand in