ich hielte Wort!" sagt' er. – "Verschimmle da", sagte Vult; "ich wehr' es nicht; nur aber die klärste Vernunft und Billigkeit behalt' ihr Recht – nur das Gesindel triumphiere nicht – Am Ende wird noch dazu erfahren, dass ich mit dir verwandt bin, und ich werde so verflucht ausgelacht als einer von uns – Freund, Bruder, höre, Teufel!"
Er ging aber. "O du wahrer Linker45!" sagte glühend der Flötenist. "Doch zusehen will ich dir unten, wie du vor meinen Augen die Wintersaat zur herrlichsten Sommer-Ernte von Distelköpfen für Finken aussäest!"
Als sie eintraten, fanden sie das Liebespaar allein, der Reisediener war noch nicht zurückgekommen zu Vults Verdruss, der oben manche Reden lange gesponnen hatte, um versäumen zu lassen. Walts Gesicht glühte bewegt, auch die stimme; dabei warf er Blicke auf Vult in Angst, dieser werde grob. Aber gegen alles Erwarten war der Flötenspieler eine Flöte; er schaute so unbefangen an und sprach so sanft. "Malen Sie ganz lustig weiter", sagte Vult zu Flitten. "Darüber kann wohl jeder sein Lied singen, über dergleichen Busstexte; manche besitzen ganze Liederbücher. Ich habe selber einmal in diesem Gesange der drei Männer im Feuer auf eine Weise eine stimme gehabt, dass ichs beinah hier zum besten geben möchte, wenn ich wüsste, dass es uns zerstreuete. Ich entsinne mich nämlich noch sehr wohl, dass ich vorher in London eine Zeitlang in einer Sakristei wohnte und nachts den Kniepolster des Altars als Kopfkissen unterhatte, weil mir die Gelder ausblieben, die ich aus Deutschland bezog. Nicht ganz reich, noch weniger bequem kam ich mit noch sechs Emigranten auf der Post nach Berlin, aber nicht blind, sondern samt unserer ganzen geldersparenden Gesellschaft für ein einmänniges Postgeld. Einer nämlich liess sich stets einschreiben, welcher zahlte und öffentlich vor der Welt einsass. Draussen stieg einer um den andern von uns auf, nach der ancienneté der Müdigkeit, indes die übrigen Deutschlandsfahrer neben dem Wagen auf beiden Seiten mitgingen; so dass vor dem zweiten Postaus immer ein anderer Passagier absprang, als vor dem ersten aufgesprungen war. Die deutschen Posten fahren immer so gut, dass man schon mit fortkommt zu fuss. In Berlin selber fuhr ich, weil mir die Gelder ausblieben, die ich aus England bezog, noch viel härter. Vom einzigen Berge da, monte di pietà, hatte' ich Aussicht; in grossen Städten mietet man sich alles, Häuser, Pferde, Kutschen, böse Frauen, besonders aber zuerst Geld. In letzterem ging ich weit. Schulden führen wie andere Silber-Pillen erst den Morgen darauf, wenn man ausgeschlafen, das ab, was man noch hat. Eine Figurantin bei dem Ballett, welche ich heiraten wollte, weil sie die Unschuld selber war und folglich solche nie verlieren konnte, steigerte das Leid ohne Beileid, die Schulden, noch höher, weil wir die Flitterund Honig-Wochen vor der Ehe abtaten, damit diese nachher ungestört aus einem Stück gemacht wäre; Flittern und Honig wollen aber gekauft sein. Wie wir freilich liebten, sie im bessern Sinne Figurantin, ich Figurist, mit welchen Konfigurationen – davon ist kein anderer Zeuge mehr da – denn sie wollte kein blosses Bruststück – als ihr Herzgrubenstück, das ich in einer Ferne von 6 Schuhen malte, indem ich nämlich, selber ein lebendiges Kniestück, die niedrigen Beine aus Ehrfurcht hinter mich oder meine Schenkel zurückwerfend, vor ihr stand auf den bekannten Scheiben der Kniee. Ärzte haben oft bemerkt, dass plötzliches Erschrecken den Körper und dessen Finger so frostig-knapp einziehe und einklemme, dass Ringe, die letzteren sonst nicht abzuschrauben waren, von selber abglitten. Es sollte mir so gut werden, etwas Ähnliches zu beobachten. Das gute TanzWesen erschrak so fürchterlich, als ich nachher beschreiben werde, den 7. Februar im Karneval. Ich stiess bei ihr vorher meine gewöhnliche Anzahl Seufzer in einer Minute aus – nämlich vierundzwanzig, wovon, weil man in einer nur zwölfmal atmet, die Hälfte aus-, die Hälfte eingezogen wird – tat die alten Wünsche, ich möchte meinen Seufzern Luft machen können, als ob ein Seufzer aus etwas anderm bestände, und rief endlich im Feuer aus: 'Wieviel, du Kostbare, bin ich Berlin schuldig, dass ich dich kennen lernte, Unbezahlbare': – als plötzlich bei diesen Worten, wie bei Stichworten, meine ganze Dienerschaft von Lakaien und meine ganze herrschaft von Hausherren an der Spitze eines Jockeis hereindrangen auf mein Teater – leider keines, worauf meine Kebsbraut sprang – und Dinge von mir verlangten, die ich natürlich nicht bewilligen konnte. Meiner Geliebten – die weniger darauf vorbereitet war als ich – entglitschte vom erschrocknen erkälteten Ringfinger unser grosser Ring der Ewigkeit, und sie sagte im Schrecken ohne Bewusstsein verflucht grob: 'Herr von Lumpenhund!'
Wer in Berlin war, wundert sich gar nicht, sondern weiss, wie man da zuweilen angeredet wird, wenn man zwar von Stand und folglich nicht zu bezahlen ist, aber auch nicht zu bezahlen hat. Ich mutmasse, ich wäre damals gestorben in der Friedrichs-Strasse, wär' ich nicht zu meinem Glücke erkrankt an einem hitzigen Fieber. Die Krankheit – weniger der Arzt – rettete mich. Sie, Hr. Flitte wurden, hör' ich, von der Ihrigen auf dem Turm durch die Kunst gerettet; wahrscheinlich also eine ganz andere als die meinige. Mein