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hielt er sich überall auf. Seine Sanduhr der Julius-Tagszeiten waren die gemähten Wiesen, eine Linnäische Blumenuhr aus Gras: stehendes zeigte auf 4 Uhr morgensliegendes auf 5 bis 7 – zusammengeharkte Ameishaufen daraus auf 10 UhrHügel aus Heu auf 3 – Berge auf den Abend. Aber er sah auf dieses Zifferblatt der Arbeitsidylle an diesem Tag zum erstenmal, so sehr hatten bisher die langen Fussreisen das übersättigte Auge blind gemacht.

Eben da der Hügel in dieser Sanduhr am höchsten anlief: so zogen sich die Kirsch- und Apfelbäume wie die Abend-Schatten lang dahinrunde grüne Obstfolgen wurden häufigerin einem Tale lief schon als dunkle Linie das Bächlein, das durch Elterlein hüpftvor ihm grünte auf einem Hügel, von der Abendsonne golden durchschlagen, das runde dünne Fichtengehölz, woraus die Bretter seiner Wiege geschnitten waren, und worin man oben gerade in das Dorf hinuntersah.

Er lief ins Gehölz und dessen schwimmendes Sonnen-Gold hinein, für ihn eine Kinder-Aurora. Jetzt schlug die wohlbekannte kleinliche Dorfglocke aus, und der Stundenton fuhr so tief in die Zeit und in seine Seele hinunter, dass ihm war, als sei er ein Knabe, und jetzt sei Feierabend; und noch schöner läuteten ihn die Viehglocken in ein Rosenfest.

Die einzelnen rotweissen Häuser schwankten durch die besonnten Baumstämme. Endlich sah er draussen das traute Elterlein dem Hügel zu Füssen liegenihm gegenüber standen die Glocken des weissen Schieferturms und die Fahne des Maienbaums und das hohe Schloss auf dem runden Wall voll Bäumeunten liefen die Poststrassen und der Bach breit durchs offne Dorfauf beiden Seiten standen die Häuser einzeln, jedes mit seiner Ehrenwache von Fruchtstämmenum das Dörfchen schlang sich ein Lustlager von HeuHügeln wie von Zelten und von Wagen und Leuten herum, und über dasselbe hinaus brannten fettgelbe Rübsenflächen für Bienen und Öl heiter dem Auge entgegen.

Als er von diesem Grenzhügel des Gelobten Kinderlandes hinunterstieg, hört' er hinter den Stauden in einer Wiese eine bekannte stimme sagen: "Leute, Leute, sponselt doch euer Vieh; hab ichs nicht schon so millionenmal anbefohlen? – Bube, sage zu haus, der Gerichtsmann hat gesagt, morgen wird ungesäumt mit zwei Mann gefront, auf der Klosterwiese." Es war sein Vater; der mattäugige, schmächtige, bleichfarbige Mann (in dessen Gesicht der warme Heu-Tag noch einige weisse Farbenkörner mehr gesäet) schritt mit einer leuchtenden Sense auf der Achsel aus den Rainen in die Strasse herein. Vult musste umblicken, um nicht erblickt zu werden, und liess den Vater voraus. Dann fiel er ihm mit einigen klingenden Paradiesen der Flöte, und zwarweil er wusste, wie ihm Chorale schmecktenmit diesen in den rücken.

Lukas schritt noch träger fort, um länger zurückzuhörenund die ganze Welt war hübsch. Braune Dirnen mit schwarzen Augen und weissen Zähnen setzten die Grassicheln an die Augenbraunen, um den vorbeipfeifenden Studenten ungeblendet zu sehendie Viehhirtinnen zogen mit ihren Wandel-Glöckchen auf beiden Seiten mitLukas schneuzte sich, weil ihn der Choral bewegte, und sah ein ungesponseltes Weide-Pferd nur ernstaft anaus den Schornsteinen des Schlosses und Pfarrhauses und des väterlichen hoben sich vergoldete Rauchsäulen ins windstille kühle Blau

Und so kam Vult ins überschattete Elterlein hinab, wo er das närrische verhüllte träumende Ding, das bekannte Leben, den langen Traum, angehoben, und wo er im Bette zu diesem Traum, weil er erst ein kurzer Knabe war, sich noch nicht hatte zu krümmen gebraucht.

Im dorf war das Alte das Alte. Das grosse Haus der Eltern stand jenseits des Bachs unverändert mit der weissen Jahreszahl 1784 auf dem Dach-Schiefer da. – Er lehnte sich mit dem Flötenliede: "Wer nur den lieben Gott lässt walten" an den glatten Maienbaum und blies ins Gebetläuten hinein. Der Vater ging, sehr langsam unter dem Scheine des Umsehens, über den Bachsteg in sein Haus und henkte die Sense an den hölzernen Pflock an der Treppe. Die rüstige Mutter trat aus der tür in einem Manus-Wamse und schüttete, ohne aufs Flöten zu hören, das abgeblattete Unkraut des Salats aus einem Scheffel, und beide sagten zueinanderwie Land-Gatten pflegennichts.

Vult ging ins nachbarliche Wirtshaus. Von dem Wirte erfuhr er, dass der Pfalzgraf Knoll mit dem jungen Harnisch Felder beschaue, weil die Notariusmacherei erst abends angehe. "Trefflich", dachte Vult, "so wirds immer dunkler, und ich stelle mich ans Backofenfenster und sehe ihrem Kreieren drinnen zu." Der alte Lukas trat jetzt schon gepudert in einer grossblumigen Damastweste an die tür heraus und wetzte in Hemdärmeln an der Schwelle das Messer für das Souper des Notarius-Schöpfers ab. "Aber das Pürschlein solls auch nicht herausreissen", setzte der Wirt hinzu, der ein Linker war; "der Alte hat mir seine schöne Branntweinsgerechtigkeit verkauft, und der Sohn hat von der Blase studiert. Aber lieber das Haus sollt' er weggeben, und zwar an einen gescheuten Schenkwirt; sapperment! dem würden Biergäste zufliegen, der Bierhahn wäre Hahn im Korbe, aber ganz natürlich. Denn die stube hat zweierlei Grenzen, und man könnte darin zuprügeln und kontrebandieren und bliebe doch ein gedeckter Mann."

Vult nahm keinen so spasshaften Anteil am Wirte, als er sonst getan hätte; er erstaunte ganz, dass er unter der Hand ordentlich in eine heftige sehnsucht nach Eltern und Bruder, besonders nach der Mutter hineingeraten war,