Gegend von Spoleto schon gesehen haben, wovon die alten Römer, wie bekannt, die Opfer-Tiere hergeholt wegen der weissen Farbe?" – "Ich war nie da und reise bloss nördlich (sagt' er), mein Name klingt zwar italienisch, aber nur meine Grosseltern warens." – "Er heisst Mr. Paradisi", sagte Flitte.
Endlich kam Neupeters Antwort. Flitte sah keck mit Raphaela ins aufgehende Blatt: "Ich glaube, Du bist betrunken. Dein Vater P.N."
Mit grossem Schmerzen blickte sie sinnend auf die Erde. Der Elsasser war von oben und von unten gerädert zu einem organischen Knäul und sann, wiewohl ins Blaue hinein. Paradisi trat höflich vor Raphaela und bat um Vergebung, dass er sie und die Gesellschaft in der schönen Stunde des Malens unterbrochen habe; "aber", beschloss er, "Hr. Flitte ist in der Tat ein wenig mit schuld." – "O sacre!" sagte er, "was bin ich?" – "Sie kommen", fragte Raphaela, "aus Norden wieder hiedurch? und wann?" "In sechs Monaten, aus Petersburg", sagte der Reisediener. Darauf blickte sie ihn, dann den Notar mit feucht-bittenden Augen an. "O, Hr. Paradisi!" fuhr dieser heraus, "ich will ein Wort mit wagen – ein Kriegszahlmeister, den Hr. Flitte im Reichs-Anzeiger auffodert, muss ihn dann gewiss bezahlt haben –" – "Lassen Sie denn keine Bürgschaft bis zu Ihrer Rückkehr zu, edler Signore?" fragte Raphaela. "Herr Harnisch!" sprach sie und zog ihn in ihr Schlafzimmer. "Nur auf ein Wort, Hr. Notar!" sagte Vult. "Gleich!" versetzte Walt und folgte Raphaelen.
"Ach guter Harnisch", fing sie leise an, "ich bitte Sie mit Tränen – ich weiss, Sie sind ein edler Mensch und lieben den armen Flitte so aufrichtig – denn ich weiss es von ihm selber – Und er verdients, er geht Freunden durchs Feuer. – Mit diesen meinen Tränen...." Aber ein nahe laute Trommelschule von krieges-Anfängern, ein taubstumm-machendes Institut, zwang sie unwillig innezuhalten. Er blickte ihr unter der Lärmtrommel in die grossen runden Regen-Augen und nahm ihre weisse Wachs-Hand, um etwa durch beides ihre Bitte zu erraten. "Mit Wonne tu' ich alles", rief er im wohlduftenden Kabinette voll Abendsonnen und roter Fenstervorhänge, voll Amor und Psychen und vergoldeter Standuhren mit herübergelegten Genien, "weiss ich nur was."
"Ihre Bürgschaft für Hrn. Flitten", fing sie an, "sonst muss er heute noch ins Gefängnis; – hier in Hasslau, ich beteure Ihnen, borgt und bürgt für ihn kein Mensch, selber mein lieber Vater nicht. – O wäre meine Wina da; – oder hätt' ich mein Nadelgeld noch...."
Sie schlug ihren weissen Bettvorhang auf die Seite und wies ihn oben auf die kurze Furche des blendenden Deckbettes mit den Worten: "Da liegt er stets am Morgen, der holdselige Wurm, den ich ernähre, ein Soldatenkind – aber ich bürg' Ihnen für alles." – "Hr. Notarius Harnisch", rief Vult aus dem Malerzimmer, "Sie sind hier nötig!"
"Ich bin in der Tat selig", sagte Walt und faltete die gehobnen hände. "Auch jene teuren Spielwaren dort auf dem Tisch schafften Sie für Kinder an?" – "Ach ich wollte lieber, ich hätte das Geld noch", sagte Raphaela. – "Mit welcher Gesinnung ich Hrn. Paradisin Bürgschaft leiste – denn ich leiste sie – brauch' ich wahrlich Ihnen in solchem Zimmer nicht auszusprechen; glauben Sie mir!" sagt' er. Sie stürzte aus einer von ihr halb angesetzten Umarmung zurück, drückte die Hand und führte ihn daran heiter in die Gesellschaft zurück, der sie alles meldete. Der Reisediener dankte dem Mädchen lange und verbindlich, kam aber mit einer feingekleideten Frage über des Bürgen Rückbürgschaft zum Vorschein. Sie schrieb hastig eine Bitte an ihren Vater, den der Diener längst für solid gekannt, damit er diesen über Walts künftige Reichtümer belehre und bewähre. Paradisi ging handküssend damit ab und versprach, wiederzukommen.
Vult bat freundlich den Notar um einen Augenblick auf seinem Zimmer. Auf der Treppe dahin sagte er: "Himmel, Hölle! Rasest du? – Öffne nur hurtig! – Eile, fleh' ich! – O Walt, was hast du heute gemacht im Schlafzimmer! – Dreh nicht – es ist Brot im Schlüssel – Klopf ihn aus – Ist denn der Mensch ewig ein Hund, der zu passen hat? – Was hast du darin gemacht! – Wieder ein Ebenbild von dir; – wenn nun Feuer wäre! – Aber so bist du überall... Ein Ebenbild wäre mir daraus wahrlich lieber entgegengehüpft als du selber – Gottlob!" Die stube war offen. Walt begann: "Ich erstaune ganz." – "Du merkst also nicht", sagte Vult, "dass alles ein vom Satan gedrehter Fallstrick ist, womit sie dich Hrn. Bürgen würgen und in den Fussblock schnüren, damit du dich ihnen nach der dummen Testamentsklausel43so lange verzinsest, als du sitzest?" – "Ich fürchte nichts", sagte Walt. – "Du hoffest wohl"