Seelenklassiker oder so? Und seine Lustigkeit poetisches Segel- und Flugwerk?" fragte Vult. "Ich habe in der Tat", versetzte Walt, "recht gut seinen schönen Temperaments-Leichtsinn, der nur Gegenwart abweidet, von dem dichterischen leichten Schweben über jeder unterschieden; er freuete sich nie lange nach." –
– "Hat er dich in deiner probe-Woche, die du dir selber sehr gut ohne allen fremden Rat gewählt, keine bedenklichen Sprünge machen lassen, die etwa Bäume kosten?" sagte Vult. "Nein", versetzte Walt, "aber französische Fehltritte hat er mir abgewöhnt." Hier fuhr der Notarius fort und bediente sich der fragenden Figur, ob Flitte ihm nicht das Feinste entdekket habe, z.B. dass man nie oder selten comment fragen müsse, sondern höflicher Monsieur oder auch Madame? Hab' er es nicht gerügt, fragte Walt, als er so ganz unfranzösisch bon appetit wünschte, oder eine Kammerfrau, femme de chambre, zur Kammerjungfer machte, oder einen friseur nicht coiffeur hiess? Hab' er ihm nicht gut erklärt, warum porte-chaise dumm sei, weil man die Wahl habe zwischen einer chaise à porteur und porteurs de chaise?
"Ich glaube nicht", sagte Vult, "dass dich diese Sprachstunden mehr kosten als den Rest des KabelWalds." – "Ein Hund woll' er heissen", sagte Walt, "schwur mir Flitte, benütz' er es. In der Rechtschreibung aber dient' ich ihm, z.B. jabot schrieb er chapeau. Ach, bekäme der arme nur weniger Gläubiger und mehr Geld!" – "Das wird eben deine Klippe auf ihm", sagte Vult. "Wer arm wird – nicht wers ist – verdirbt und verderbt, und wär's nur, weil er jeden Tag einen andern Gläubiger oder denselben anders zu belügen hat, um nur zu bestehen. So feiert er jeden Tag ein fest der Beschneidung fremder Narren. So muss auch jeder Schuldner ungemessen prahlen; er muss mit Leibnizens Dyadik die 8 (z.B. Gulden) mit 1000 schreiben. Welche Reden – jeden Tag eine andere – hab' ich oft denselben Schuldmann an seinen Faust- und Pfand-Gläubiger halten hören und seine herrliche Unerschöpflichkeit Dichtern und Musikanten gewünscht, womit er dasselbe Tema – dass er nämlich eben nichts habe – so köstlich und süss immer mit Variationen vorzuspielen verstanden!" – "Ich lasse dich erst ausreden", sagte Walt.
"So beschoss z.B., um es kurz zu machen", fuhr Vult fort, "der polnische Fürst *** in W. jeden Gläubiger anders; denn ich stand dabei; gemeines tiefes Volk beschoss er teils mit dem dragon, der 40 Pfund schiesst, teils mit dem dragon volant, der 32 – nämlich er war grob gegen das Grobe – Honoratioren, besonders Advokaten, denen er schuldete, griff er teils mit der coulevrine, die 20 Pfund schiesst, teils mit der demi-coulevrine an, die 10 – höher hinauf gebraucht' er den pelican, der sechs – den sacre von 5 – den sacret von 4 – und gegen seinesgleichen, einen Fürsten, den ribadequin, der 1 Pfund schiesst."
"Nun", begann Walt, "darf ich dir doch mit einiger Zufriedenheit berichten, dass der gute Mensch, weit entfernt, harterzig zu sein, eben durch arme selber ein Armer wird. Aus lauter guter Freude Über ihn bezahlt' ich hinter seinem rücken zwei Damenschneiderinnen; denn er selber braucht doch nur einen Herrenschneider, und zwar einen; so aber überall; z.B. die Bitterlich."
Da entbrannte der Bruder – sagte, dies sei vollends der Satan, im Dezember Häuser anzuzünden, um einige Brände an Hausarme auszuteilen – niemand verschenke mehr als Personen, die man später henke – nichts sei weicher als Schlamm, der versenke -Tyrannen, solche Tränen-Räuber, sängen und klängen wie Seraphim, aber mit Recht, da Seraphim feurige Schlangen bedeuteten – und hass' er etwas, so sei es diese Mischung von Stehlen und Schenken, von Mausen und Mausern – –
"O Gott, Vult!" sagte Walt, "kann der Sterbliche so hart richten? – Soll denn ein Mensch sich gar nicht ein wenig liebhaben und etwas für sich tun, da er doch den ganzen Tag bei sich selber wohnt und sich immer hört und denkt, was ihn ja schon mit den niedrigsten Menschen und Tieren zuletzt versöhnt, nämlich das Beisammensein? Wer nimmt sich denn eines armen Ichs von Ewigkeit zu Ewigkeit so sehr an als dieses Ich selber? – Ich weiss recht gut, was ich sage; und jeden Einwurf. Doch basta! – Nur möchte' ich wissen, wenn man wie du schon kalt und ohne leidenschaft die armen Menschen so rauh richtet und nimmt: was dann werden soll in heftiger Hitze, wo man von selber übertreibt. Vielleicht wie mit deiner Uhr, wovon du mir sagtest, dass der Stift, bloss weil er eben und recht passe, in kalter Zeit gut tue, aber in der Hitze, weil er sich ausdehne, das Werk aufhalte."
"Solltest du nicht getrunken haben?" sagte Vult, "du sprichst heute so viel; aber in der Tat sehr gut."
Nun bat ihn Walt, selber mitzutrinken und mit ihm hinabzugehen, um sich drunten mit eignen Ohren von seinem schönen Leben mit