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keinen Geld-Werber und Geld-Jäger, der das durch Kontrakte eingezäunte wild pürscht, keinen aus den fünf (Mosis-Bücher-)Klassen der Gläubiger, die uns ewig an die Lebens-Darre und Dörrsucht erinnernhier hört' er nur Liederchen und Sprünge; hier waren ganze Sackgässchen aus dem neuen Jerusalem. Denn was aus dem alten teils von Juden, teils von Christen einwanderte, konnte' er nicht hören, weil Flitte sich von seinen Arsenikkönigen der Metalle, den Gläubigern, bloss in einem fernen Schmollwinkel vergiften liess. Im ersten Stockwerke wohnte die streitende Kirche, Flitte und die Könige; im dritten die triumphierende, Flitte und Walt.

Indes brachte der Notar es doch nicht so weit, dass er gar nichts gemerkt hätte. "Ich wollt', ich wäre kurzsichtiger (sagt' er sich); bedenkt man, wie froh und freigebig der gute Mensch schon ist in Drangsalen, und wie er es vollends wäre ohne die geringsten Qualendenn wahrlich gewisse Menschen hätten Tugend, wenn sie Geld hätten –, und mit welcher Süssigkeit er vom Reichsein spricht: wahrhaftig, so wüsst' ich keinen schönern Tag als den, wo der arme Narr die höchsten Geldkästen und Geldsäcke plötzlich in seiner stube stehen sähe. Wie könnten einem solchen Menschen schon die Zinsen von den Zinsen der englischen Nationalschuld aufhelfen!" Er fragte, warum, da alle Leiden Ferien finden, denn die eines deutschen Schuldners nie absetzen, indes in England doch der Sonntag ein Ruhetag des verschuldeten Ohrs ist, wie sogar um die Verdammten (nach der jüdischen Religion) am Sabbat, am Feste des Neumonds und unter dem wöchentlichen Gebete der Juden die Hölle erstirbt und ein sanfter kühler Nachsommer des begrabnen Lebens über die heissen Abgründe weht.

Lieblich überwallete ihm das Herz, wenn er sich das Seelenfest ausfärbte, womit er den Flötenspieler durch den Elsasser und diesen durch jenen zu beschenken hoffte, wenn er Vulten die unschuldige liberale poetische Lebensfreiheit Flittens beschwüre und diesem einen Spiel- und Edelmann zugleich zuführte: "O ich will dabei dem wackern Bruder das Bewusstsein und Geständnis, geirrt zu haben, so sanft ersparen!" sagt' er entzückt.

Immer wärmer lebten beide sich in die Woche und ineinander hinein, sie hätten die Probewoche lieber wiederholt als geendigt. Flitten war das liebende warme Wesen, womit Walt wie mit einer elektrischen Atmosphäre umgeben war, etwas Neues und Anziehendes; er konnte zuletzt schwer mehr ohne ihn aus dem haus.

Walt machte daraus desto mehr, je weniger beide eigentlich, wie er fühlte, einander unterhalten konnten; ihre Nervengewebe hatten sich verstrickt, sie waren wie Polypen ineinander gesteckt; doch frass jeder so auf eigne Rechnung, dass keiner weder der Magen noch die Nahrung des andern war.

Es kam der letzte probe- und Flitterwochentag. Walt scheuete alles Letzte, jedes scharfe Ende, sogar einer Klage. Ein Ripienist von Vults Spiele im Rosenhof hatte dessen Eintreffen verkündigt. Auch der Dr. Hut wollte nachts anlangen. Einige schöne Mitternachtsröte stand ihm bevor. Flitte bat ihn, diesen letzten Nachmittag, wo sie beisammen wären, ihn zu Raphaelen zu begleiten, welche ihm heute flüchtig sitze zu einem schlechten Miniatur- Porträt für den Geburtstag ihrer Mutter: "Wir drei sind süperbe allein", fügt' er hinzu. "Wenn ich nun male, parlier' ich wenig; und doch animiert Reden ein Gesicht unglaublich." Ob Walt gleich wenig delikate Welt darin fand, dass man ihn als Sprach- und Reiz-Maschine vor ein Sitzgesicht aufzustellen trachtete: so folgte er doch. Er war es schon gewohnt seit einer Woche, einige Male des tages zu erstaunen über Mangel an zärtester Denkart, sowohl auf dem Markte als in den besten Häusern, welche äusserlich einen glänzenden Anstrich und Anwurf hatten.

Mit Vergnügen kam er in dem eigenen haus wie in einem fremden an. Raphaela lächelte beiden von der obersten Treppe herab und führte sie hastig in ihr Schreibzimmer hinein. Hier waren schon widersprechende Weine, Eise und Kuchen gehäuft. Da eine Frau leichter das Herz als den Magen eines Mannes errät: so weiss sie freilich nicht, was er abends um 4 Uhr am liebsten trinkt. Ein Bedienter nach dem andern sah durch die tür, um einen von Raphaelens Wünschen zu holen und erfüllt zurückzubringen. Die ganze Dienerschaft schien ihre Regierung für eine goldne von Saturn zu halten; man sah einige von der weiblichen sogar im Park spazieren gehen. Die immer voller ins Zimmer hineinströmende Abendsonne und der Freudenglanz, der jedem gesicht steht, bewarfen das Mädchen und die Situation mit ansehnlichen Reizen. Flitte war gegen Raphaela nicht die Falschheit selber, sondern ein Fünftelsaft von Wesennämlich ein Fünftel galant, ein Fünftel gut, eines sinnlich, eines geldsüchtig, ein Fünftel ich weiss nicht was, als sie zu Walts Entzücken gesagt hatte: "Schmeicheln sollen. Sie meinem gesicht nicht, es hilft nichts; machen Sie es nur, dass ma chère mère es wiedererkennt." – Im Notar kroch heimlich die stille Freude herum, dass er jetzt gerade unter seinem eignen Zimmer stehe, im haus zugleich Gast und Mietsmann, dass er ferner nicht die kleinste Verlegenheit spüredenn Flitte war ihm nicht fremd, und über eine Frau war schon zu regieren –, und dass die schönsten Düfte und namenlosesten Möbel jede Ecke schmückten: "Hätt' ich aber dies sonst als Bauernsohn aus Elterlein denken sollen?" dachte' er.

Flitte zog nun das Elfenbein und das Farbenkästchen hervor