nach Versailles und hohe Fontange-Kupferstiche an Schränken-Wänden ins damalige Königsschloss, ja sogar die ausgeschnittenen aufgepappten Bildchen auf seinem Schreibtische flogen mit ihm in jene lustige Hof-, wenn auch nicht lustige Völkerzeit. – "Ist nicht das Leben der Hofleute – hatte' er sich mehrmals gesagt – fortgehende Poesie (wenn anders die französischen Mémoires nicht lügen), ohne pressende Nahrungs-Qualen und in geflügelten Verhältnissen, und die Hofmänner können sich an jedem Musik-Abend verlieben und dann am Garten-Morgen mit den herrlichsten Geliebten spazieren gehen? O wie ihnen die Göttinnen blühen müssen im frischen schminkenden Morgen rot!"
Dadurch genoss er im Garten einen ganz andern, schon beerdigten; als Feuerwerk hing das phantastische Nachbild über dem liegenden Vorbild. Glücklicherweise tat ihm Flitte – der in jeder Gesellschaft stets eine neue suchte – den Gefallen, dass er mit dem Garten-Restaurateur in ein Gespräch geriet und ihn dadurch mit der köstlichen Einsamkeit zu einigen träumerischen Streifzügen beschenkte. Wie freudig tat er diese! Er sah alles und dabei an- die grünen Schatten, von Sonnen-Funken durchregnet – die fernen Seen, einige wie dunkle Augenlider des Parks, einige wie lichte Augen – die Barken auf Wassern – die Brücken über beide – die weissen hohen Tempel-Staffeln auf Höhen – die fernen, aber hell-herglänzenden Pavillons – und hoch über allen die Berge und Strassen draussen, die kühn in den blauen Himmel hinaufflogen – Sein Vormittag hatte sich stündlich geläutert, aus reinem wasser zur Zephyr-Luft, diese oben zu Äter, worin nichts mehr war und flog als Welten und Licht. Den Bruder hätt' er gern hergewünscht – Winas blick unter dem Wasserfall sah er am hellen Tage. Er war selig, ohne recht zu wissen wie oder warum. Seine Fackel brannte mit gerader Spitze auf in der sonst wehenden Welt, und kein Lüftchen bog sie um. Nicht einmal einen Streckvers macht' er, aus Flucht des Silbenzwangs, es war ihm, als würde' er selber gedichtet, und er fügte sich leicht in den Rhytmus eines fremden entzückten Dichters.
In diesem inneren Wohlklang stand er vor einem sonderbaren Garten im Garten und zog fast nur spielsweise an einem Glöckchen ein wenig. Er hatte kaum einige Male geläutet: so kam ein reich besetzter schwerer Hofdiener ohne Hut herbeigerudert, um einigen von der fürstlichen Familie die tür aufzureissen, weil das Glöckchen den Zweck einer Bedientenglocke hatte. Als aber der vornehme Mensch nichts an der tür fand als den sanften Notar: so filzte er den erstaunten Glöckner in einer der längsten Reden, die er je gehalten, aus, als hätte Walt die Sturm- und Türkenglocke ohne Not gezogen.
Diesem war indes sein Inneres so leicht und fest gewölbt, dass das Äussere schwer eindringen konnte, nicht mit einem Tropfen in sein leichtes fliegendes Schiff; zu Flitten kehrte er sogleich zurück. Sie gingen heim. Die grossen Essglocken riefen die Stadt zusammen, wie zwei Stunden später kleinere den Hof; dies wirkte auf den satten Notar, der jetzt nicht zum Essen ging, sehr romantisch. Gibt es einen wahren Mann nach der Uhr, der zugleich die Uhr selber ist, so ist es der Magen. Je dunkler und zeitlicher das Wesen, desto mehr Zeit kennt es, wie Leiber, Fieber, Tiere, Kinder und Wahnsinnige beweisen; nur ein Geist kann die Zeit vergessen, weil nur er sie schafft. Wird nun dem gedachten Magen oder mann nach der Uhr seine Speise-Uhr um Stunden voraus- oder zurückgestellt: so macht er wieder den Geist so irre, dass dieser ganz romantisch wird. Denn er mit allen seinen himmels- Sternen muss doch der körperlichen Umdrehung folgen. Das Frühstück, das ein Spätstück gewesen, warf den Notar aus einem Gleise, worin er seit Jahrzehenten gefahren war, so weit hinaus, dass vor ihm jeder Glockenschlag, der Sonnenstand, der ganze Nachmittag ein fremdes seltsames Ansehen gewann. Vielleicht macht daher der Krieg den disziplinierten Soldaten durch die Verkehrung aller zeiten in unordentlichen Ebben und Fluten des Genusses romantisch und kriegerisch.
Um die Vesperzeit erschien ihm der Schattenwurf der Häuser noch wunderlicher, und in Fraissens Zimmer wurde' ihm die Zeit zugleich eng und lang, weil er wegen seiner untergrabenen Sternwarte nichts voraussehen konnte. Er wollte wieder mond und begleitete Flitten in ein Billardzimmer, wo er verwundert hörte, dass dieser die Bälle nicht französisch zählte, sondern deutsch. Hier entlief er bald aus dem magern Zuschauen allein hinaus an das schöne Ufer des Flusses. Als er da die armen Leute erblickte, welche an diesem Tage nach den Stadtgesetzen fischen durften (obwohl ohne Hamen) und Holz lesen (obwohl ohne Beil): so erhielt er plötzlich an ihren heutigen Genüssen eine Entschuldigung der seinigen, die ihm allmählich zu vornehm und zu müssiggängerisch vorgekommen waren: "Auch ich habe" dachte' er, "heute vornehm genug geschwelgt und kein Wort am Roman geschrieben; doch morgen soll ganz anders zu haus geblieben werden."
Die langen Abend-Schatten am Ufer und die langen roten Wolken legten sich ihm als neue grosse Schwingen an, welche ihn bewegten, nicht er sie.
Er durchstreifte allein die dämmernden Gassen, bereit zu jedem Abenteuer, bis der Mond aufging und seine Mond-Uhr wurde. Da war der Wirrwarr gelichtet, und der Magen wusste, welche Zeit es sei. Vor Winas schimmerndem haus trug er das vielfach erregte Herz auf und ab; da sank ihm in dasselbe eine stille sehnsucht wie vom