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nachzublicken und zwischen den Beeten voll Seelenlilien eng die eine Fusszehe an die Ferse der andern anzuschienen. "Ach ihr Lieben!" sagte sein Herz. Was er nur hörte, erklang ihm so zart; "aber", dachte' er, "sind denn Frauenzimmer anders? Mitten im unreinen männlichen Weltleben, das alle Ströme und Leichen aufnimmt, sind sie ja abgesondert voll eigner Reinheit; im salzigen Weltmeer kleine Inseln voll frischen klaren wasser; o diese Guten!" –

Als er heraustrat, wurden ihm auf einem goldnen Essgeschirr des regierenden Fürsten leichte Farschen, Rouletten und Frikandellen aufgetischtfür die Fressspitzen der Phantasie. Das Geschirrdas Geschenk eines alten Königswurde nämlich jährlich zweimal öffentlich auf dem Markte abgescheuert und geputzt unter den Augen eines kleinen Kommandos zu Fuss, das seine Waffen hatte, um es gegen ungeratene Landeskinder zu decken.

Sie gingen zum Galanteriehändler Prielmayer und liessen sich von der Pracht der weiblichen Welt umgeben.

Ein so freier, leichter, alle Stände mischender Vormittag war Harnischen noch nie vorgekommen; ein Musenpferd nach dem andern wurde seinem Siegeswägelchen angeschirrt, und es flog. Flittens Leben hielt er von jeher für ein tanzendes Frühstück und für einen dansant; sein eigenes hielt er jetzt für ein eau dansant. Er genoss ebensosehr in Flittenden er sich wie sich begeistert dachteals in sich selber hinein; die elsassischen Sonnenstäubchen vergoldete und beseelte er zu poetischem Blütenstaub. Zuletzt macht' er, neben ihm gehend, heimlich folgende Grabschrift auf ihn:

Grabschrift des Zephyrs

Auf der Erde flog ich und spielte durch Blumen und Zweige und zuweilen um das WölkchenAuch im Schattenland werde' ich flattern um die dunkeln Blumen und in den Hainen Elysiums. Stehe nicht, Wanderer, sondern eile und spiele wie ich. Um 10 Uhr bracht' ihn Flitte dem hof näher: "Wir gehen in die champs élysées und nehmen ein déjeuner dinatoire." Es war ein bejahrter Fürstengarten, welcher den Weg zur ersten Chaussee im land gebahnt hatte. Unterwegs fingen zwar Warnungstafeln gegen Kinder und Hunde an; aber in den champs élysées wurde erst ordentlich alles verboten, besonders die elysischen Felder selberin keinem Paradies gab es so viele verbotene Bäume und Frucht- und BlumenSperrenauf allen Gängen blühten oben oder keimten unten Kerker-Diplome und Aus- und Einwanderungsverboteunter Expektanzdekreten der Züchtigung durchkreuzte jeder als ein lustwandelnder Züchtling das Eden und feierte Petri Kettenfeier im Gehen und strapazierte sich hinter seinem rückenmehr wie eine Wallfahrt durch Dantes Höllenkreise (der Himmel blieb nirgends als über dem kopf) denn als ein katolischer Bussgang durch Christi Leidens-Stationen kam jedem unter dem schriftlichen Anschnauzen aller fluchenden Bäume und Tempel sein Lustwandeln vor – – ja der Mensch verstimmte sich zuletzt in den champs und kam fatigiert heraus.

War Walt je froh und frei: so war es in diesen Feldern; sein innerer Mensch trug ein Tyrsus-Stäbchen und rannte damit. Von allen diesen Warnungstafeln war nämlich nichts mehr da als die Tafel, das Holz, Stein, Blech; die Warnung aber war gut vermooset, verraset, versandet. Köstliche Freiheit und Freilassung beherrschte nun Eden, wie ihm Flitte beschwur und bewies. Die ganze Sperrordnung war bloss in jenen zeiten an der Tagesordnung gewesen, wo grosse und kleine Fürstenganz anders als jetzt die grossen – (höflich zu sprechen) etwas grob gegen Untertanen waren, und wo sie als Ebenbilder der Gotteitwelche darin eben nicht von dem Maler geschmeichelt wurde –, dem mehr jüdischen als evangelischen Gotte der damaligen Kanzeln ähnlich, öfter donnerten als segneten. "Was die herrschaft jetzt etwa im Parke sehr lieb und gern hat", sagte Flitte, "dies ist schon besonders recht eingezäunt, so dass ohnehin niemand hinein kann."

Beide nahmen ihr déjeuner dinatoire, Morgenbrot und Morgenwein, in einem offenen und lustigen Kiosk, unweit des Gartenwirts. Der Notar war erwähntermassen selig; – den auf- und absteigenden Tag- und Nachtgarten samt dem leichten, wie herabgeflogenen Lustschlosse, das ein versteinerter Frühlingsmorgen schien, ferner die Wäldchen, woraus bunte Lustäuschen wie Tulpen herauswankten, desgleichen die gemalten Brücken und weissen Statuen und die Regelschnüre vieler Hecken und Gänge – – das konnte' er dem Elsasser, dem er es zeigte, gar nicht feurig genug vorfärben, je länger er trank. Diesem gefiels natürlich; denn gewöhnlich führte er seine Claude-Lorrains nur mit dem einzigen Wort und Striche wacker aus: süperb! – Jeder aber hat seine andere Hauptfarbe der Bewunderung; der eine sagt: englisch! – der andere: himmlisch! – der dritte: göttlich! – der vierte: ei der Teufel! – der fünfte: ei! –

Walt aber sagte, obwohl zu sich: "Dies ist von Morgen an, oder ich irre entsetzlich? das wahre Weltleben Eleganter. Bin ich nicht wie in Versailles und in Fontainebleau; und Louis quatorze regiert zurück? Der Unterschied ist schwerlich erheblich. Diese Alleendiese BeeteBüschediese vielen Leute am Morgendieser lichte Tag!" – Walten war nämlich, der Himmel weiss von welchen Frühblicken des Lebens, eine so romantische Ansicht von der Jugendzeit des galanten, liberalen, Länder, Weiber, Höfe besiegenden Ludwigs XIV. nachgeblieben, dass ihm dessen Jugend mit ihren Festen und Himmeln wie eine eigene Vorjugend schön als sanftes Feuerwerk in den Lüften vorschwebte und wie der freie frische Morgen eines im Negligé spazierenden Hofsso dass ihn jeder Springbrunnen nach Marly warf, jede geschniegelte Allee