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machte die Wüste seines Gesichts immer dürrer und arabischer, je mehrere Erben ankamen, die grössten Baumschänder, die er sich denken konntesah seufzend zu jedem Gipfel auf, der stürzen wollteund trieb nichts durch als forstgerecht den Weg, auf welchem der fallende Baum das Buschholz schonen musste.

Walt schaute erbärmlich herüber; so leicht er sonst sein schwarzes Schicksal wie sein weisses nur zu dichterischer Farbengebung verrieb, gleichsam zu Kohle und zu Kreide: so konnte' er sich doch den Holzschlag des Schlagholzes zu keinem dichterischen Baumschlag ausmalen, weil ihn der Vater peinigte. Er wartete aber fest dessen Weggang ab; dann fragte er nach der glühendsten Abendröte vor seinen Augen nichts, sondern er liess in sich abstimmen, welches Erbamt, das seinen Vater freudig lasse, er jetzt zu wählen habe.

Nun fehlte es ihm aus Mangel des Flötenspielers an einer Stimmensammlung und an irgendeiner, auch nur kleinsten Minorität, weil die Majorität selber (er) nur ein Mann stark war, welches, wenn nicht die kleinstedenn oft ist gar kein Mann beim Stimmen –, doch keine beträchtliche ist.

Endlich wählte er das kürzeste Amt, nämlich das siebentägige Leben bei einem Erben. Die Stelle darüber heisst im Corpus juris des Testaments claus. 6. Litt. g. so: "Er (Walt) soll bei jedem der Hrn. Akzessit-Erben eine Woche lang wohnen (der Erbe müsst' es sich denn verbitten) und alle Wünsche des zeitigen Mietsherrn, die sich mit der Ehre vertragen, gut erfüllen." Ein so kurzes Amt hoffte er ohne grosse Fehltritte und Fehlsprünge und mit einiger Ehre und in kurzem, noch eh' der Bruder erschiene, zu beendigen. Nach der Wahl des Amts musst' er wieder die neue desjenigen Erben anstellen, welchem die erste Ehre davon zuzuwenden sei. Er erlas sich zum wöchentlichen Wohnen den, bei welchem er bisher gewohnt, Hrn. Neupeter. "Auch begehrts die Zärte", sagt' er.

Nr. 52. Ausgestopfter Fliegenschnäpper

Vornehmes Leben

Nachdem er am Morgen die feinste Anrede an den Hofagenten in den Kopf gebracht hatte, woraus sie ohnehin noch nicht gekommen war: trat er vor Neupeter, der ihn in der Schreibstube neben einem brennenden Lichte mit dem Petschaft am nassen Maul und mit der Nachricht empfing, es sei Posttag. Während der Kaufmann fortsiegelte, hielt er hinter dessen rücken leicht seine Rede voll Zärte, bis dieser, da er ausgesiegelt hatte, das Licht ausputzte und fragte: "Was gibts?" Zerfahren war dem Notar der ganze Sermon.

Kein Mensch kann dieselbe Rede zweimal nacheinander halten; in der Eile musste er nur darauf denken, aus dem Gesagten einen dünnen Bleiextrakt zu liefern. Der Hofagent ersuchte ihn aber, "mit solchen Schnurrpfeifereien den Leuten vom Halse zu bleiben".

Alle möglichen Sünden im neuen Amt hätt' er lieber getragen als dieses harte Türzuschlagen vor demselben. – Jemanden nun ferner Ordensketten durch geschenktes Vorkaufsrecht der Wohnprobewoche überhängen zu wollen, fiel ihm nicht mehr ein: sondern wo ein armer, aber guter Teufel, mit welchem sich mehr Tränen- als Himmelsbrot, z.B. ein elendes Wohnloch teilen liesse, anzutreffen und zu beglücken wäre, darnach ging sein Sehnen, nicht sein fragen; denn besagter Teufel war längst da, Flitte aus Elsass. Walt ging auf den Nikolai-Turm und trug, aber furchtsam, Flitten den Vorzug an, dass er bei ihm die erste Probewoche halten wolle. Der Elsasser umhalste ihn erfreuet und versicherte, er ziehe diesen Tag noch vom Turm herab, weil er ganz hergestellt sei und der frischen Turmluft weniger bedürfe. "Ich miete für uns ein paar kostbare garnierte Zimmer beim Cafetier Fraisse; pardieu wir wollen leben comme il faut", sagt' er. Walt wurde zu selig. In einer halben Stunde hatte Flitte ein- und darauf ausgepackt; denn mit seinem Geräte hatte' er, wie eine Raupe und Spinne mit ihrem Fadengespinste, gewöhnlich den gang durch seine Wechselwohnungen bedeckt und bezeichnet; gleichsam mit schönen Haarlocken, die zum Andenken ausgerauft werden; und hatte sich, wie gedacht, wie Weltkörper durch Umlauf kleiner eingeschliffen. Er wagte es jetzt, aus seinem Turmseiner bisherigen Bastei und Grenzfestung gegen Gläubigerherabzurücken in ein unbefestigtes Kaffeehaus, weil er teils sein eigenes Testament beerbet hatte, nämlich den Kredit davon, teils das Kabelsche, in dessen Gütergemeinschaft ihn Walts neueste Fehler vor der Stadt einzusetzen schienen, teils die zehn Tannenstämme, Walts Klage-Eichen. Der "ausgestopfte Blaumüller" Nr. 51 erwähnte schon weitläuftiger, mit welchem Gepränge er die durch Walt gesäete Fehler-Ernte von Steinobst und Kernhäusern aufgeknackt und ausgekernet hatte, um sich der Stadt zu zeigen.

Walt schied am schönsten Nachsommer-Morgen halb wehmütig aus seiner leisen Klause; ihm war, als brauche sie ihn und habe dann so leer und allein Langeweile, besonders sein Sessel. Aber wie fuhr er, da er beim Cafetier Fraisse eintrat, vor der Garnitur der Zimmer, vor den langen Spiegeln voll Zurückfahrern, vor den Ei-Spiegeln an den Wandleuchtern und vor der Rest-Pracht zurück! – Er erschrak. Flitte lächelteFremden wollte Walt ein Ersparer sein; – dass der gute Elsasser solche Paläste von Stuben miete, bedacht' er und stöhnte sehr. Denn er hielts für Aufwand seinetwegen, weil er nicht voraussetzte, dass Flitte unter die wenigen sogenannten Verschwender gehöre, die wie der deutsche Kaiser schwören, nichts auf die