1804_Jean_Paul_055_136.txt

nämlichen auch die Stunde nichtachtens den nägelein-braunen Bindfaden, womit die Klagschrift N. N. contra N. N. umwickelt gewesen, als einen gelben zu Protokoll gebrachtneuntens Hauszeugen, als sie eidlich aussagten für ihren Herrn, ihrer Pflicht vorher durch Handgeben sowohl zu entlassen als diesen Akt des Entlassens anzuzeigen ganz vergessensondern dass er auch zehntens einen falschen Datum im Wechselprotest, ja eilftens neuerlich und ganz zuletzt ein Instrument gar an einem 31. September, der nicht existiere, auszufertigen wenig Anstand genommen. – Nun wurde' er gerichtlich befragt, was er dawider einzuwenden habe. "Ich wüsste eigentlich nichts'-" versetzt' er gegnerischerseits; "auch trau' ich fremdem Gedächtnis hier weit mehr als eignem. Doch was die Hauszeugen anlangt, so hielt ich es für eigenmächtig und unmöglich, sie durch mein blosses Wort ihren Pflichten zu entnehmen und wieder zurückzugeben." Darauf sagte Hr. Kuhnold, dieser Grund sei mehr edel gedacht als juristisch, und berief sich auf Hrn. Fiskal Knoll. Nichts sei lächerlicher, versetzte dieser und schob nun zehn bis zwanzig breite hohle Worte aneinander, um bei den Testaments-Exekutoren um das nachzusuchen, was sich von selber verstanddie Eröffnung des hier eintretenden geheimen Artikels.

Eh' es Kuhnold tat, erwies er dem Pfalzgrafen, dass gar nicht alle Rechtsgelehrten allgemein zu NachtKontrakten drei Lichter begehrten, sondern nur mancher; und langteals Knoll auf seinem Satze beharrtebloss das promtuarium juris von Hommel oder Müller als den nächsten Beweis aus dem Schranke vor. Die Ratsbibliotek war nicht höher als die vier Bände des promtuarium stark; dennoch fehlte ihr, wie den meisten öffentlichen Biblioteken, ein Katalog.

Knoll behielt sich das Seinige vor; Kuhnold gab aber nicht nach, sondern verlas den Straftarif; "dass nämlich für jeden juristischen Notariats-Schnitzer des jungen Harnisch jedem der sieben Erben ein Tannenbaum in Kabels Wäldchen zu fällen verstattet sein sollte." Da er nun in zehn Sünden geraten warohne die streitigen Lichter –, so belief sich der Dezem, mit den sieben letzten Plagen multipliziert, auf den ansehnlichen Schlag von 70 Stämmen, so dass Walt nie halb so gut dadurch gelichtet werden konnte als das Wäldchen selber. – "Nu", sagte der Notar, schnell beide hände seitwärts auswerfend, "was ist zu machen?" – Er wusste sich innerlich über die Zufälle des Lebens so erheiternd zuzureden wie ein Schuster den Kunden über neue Stiefel, die er bringt; sind sie zu enge, so sagt der Meister: "sie treten sich schon aus"; sind sie zu weit, so sagt er: "die Nässe zieht sie schon ein". So dachte Walt heimlich: "Das witzigt mich. Jetzt kann ich doch als Notar ruhig alle meine Instrumente machen, ohne dass mir geheime Artikel das geringste zu befehlen oder zu nehmen haben." Aber am Ende machte ihm doch der Fiskal Knoll den leichten poetischen Götter-Ichor des Herzens schwer, dick und salzig, als dieser, ohne im geringsten durch die Freude über den Gewinn von Schlagholz irre oder trunken zu werden, seine Protestation im Punkte der drei Lichter erneuert zurückliess. Die stehende Gegenwart eines deutlich hassenden Wesens drückt und presst eine immer liebende Seele, die ihre Kälte schon für Hass ansieht, mit dem schwülen Dunstkreis eines Gewitters, dessen Schlag weniger quält als dessen Nähe. Betrübt, selber von Kuhnolds sanftem Worte, das ihm so vermeidliche Fehler eben als die unverzeihlichern vorwarf, ging er nach haus; und er sah Vults Fluchen und Scherzen darüber schon entgegen.

Das erste, was er zu haus machte, war ein Sprung aus demselben auf die schönen stillen Höhen der Oktober-natur, um seinem Vater, dem Schulteiss, und dessen Scherbengerichte zu entspringen, der, wie er gewiss wusste, in die Stadt laufen würde, um jede Scherbe des zerbrochenen Glücktopfes ihm an den Kopf zu werfen. Auf einer friedlichen Anhöhedem Wäldchen gegenüber-konnte' er, während er das medizinische Miserere des Schicksals durch Dichten und Empfinden in ein musikalisches verwandelte, recht gut wahrnehmen, dass schon mehrere Erben mit verständigen Holzhauern im Erb-Forste lustwandelten, um einträchtig mit Waldhämmern ihr Gnadenholz anzuplätzen. Endlich ritt im Schritt Flitte an der Spitze einer holzersparenden Gesellschaft mit Äxten, Sägen, Massstäben in den Händen den Wald hinan. Gleich einem Witwer, der seine Halbtrauer täglich in kleinere Brüche zerfällt, in Drittelstrauer, in ein 1/4, 1/8, 1/64 teilwiewohl die Trauer oder der Zähler nie Null werden kann, nach matematischen Gesetzen –, verkehrte Walt bei diesem Anblick seine schwache Halbtrauer, aritmetisch zu sprechen, in einen unendlich grossen Nenner und in einen unendlich kleinen Zähler, d.h. er wurde das, was man gemeinhin froh nennt. "Es ist schon recht", dachte er, "dass ich dem guten Flitte für seine gutmütige Erbeinsetzung meiner person doch einen schwachen Dank durch meine Fehler zuschanze; er habe recht viele Freude dabei, nur keine Schadenfreude." Aber die Lustigkeit über die HolzEinbusse wurde Walten etwas verkümmert, als er den alten Schulzen aus der Stadt schreiten und ins Holz dringen sah, Märtyrerkrone und Zepter tragend. Auf die angeplätzten Stämme lief Lukas zufragte, sagte dies oder das und keiftedurchschnitt den Gehau nach allen Eckenstritt ohne Vollmacht wider allesflog als ein flüchtiges Waldgericht und Forstkollegium hin und her, an jeden Busch, neben jede Säge