in ihr über sie hinzuschauen zwang – an Vults Stelle, wie dieser nichts habe, nichts wisse (vom Wasserfalle nämlich), wie er alles oder vieles so sehr gut meine, besonders für Walt, wie er nur herrschsüchtig hart verfahre usw.
In dieser Gesinnung beschloss er, zum Bruder zu gehen und kein Wort zu sagen über die Essig-Sache, sondern bloss mit seiner Hand eine schon im Mutterleib verknüpft gewesene anzufassen und einiges gelassen zu besprechen, besonders was die bevorstehende Wahl eines neuen Erbamts betreffe.
Vult war verreiset. Ein Briefchen an Walt war an die Tür gesiegelt: "Bester! Ich reisete heute flüchtig ab, um in Rosenhof mein versprochenes Konzert zu blasen. Künftig arbeit' ich viel fleissiger; denn wirklich tu' ich für unsern Gesamt-Roman zu wenig, besonders da ich gar nichts dafür tue. Es entgeht uns nicht, dass ich lieber spreche im reissendsten Strome mich schwemmend – als schreibe. Gut aber ist es nicht, weder für die Literatur noch das Honorar. In schulen gilt sonst Rechen- und schreibe-Meister für einen; ein trefflicher Buch-Schreibmeister hingegen ist selten ein Rechenmeister; leider bin ich nicht einmal einer von beiden und brauche doch Geld. Adieu! v. H."
"Der gehetzte Bruder!" sagte Walt, "so muss er sich jetzt das Geschenk erpfeifen, das er mir so spasshaft in die hände gespielt; warum fall' ich immer so heftig aus und drücke den Guten?" Er fasste den ernstlichen Vorsatz, künftig seinem Sturm- und Poltergeiste ganz anders den Zügel anzuziehen. –
Aber Rosenhof warf bald heiteres Licht auf alles und heiligte fast den Flötenspieler, den er in den nachschimmernden Auen des schönsten Morgens mit Glanz besprützt umherwaten sah.
Wackerer als je betrat er nun seine NotariatsGänge wieder, die sich gegen das Ende seines Erbamts immer häufiger auftaten. Es war ihm ganz einerlei – so freudig ging sein Puls –, worüber er ein Instrument aufsetzte, ob über die Verlassenschaft eines Hofpredigers oder über eine angebohrte Öl-Tonne oder über eine Wette: immer dachte' er an das Haus des Generals oder an den Wasserfall oder an Leipzig, und es konnte ihm gleichgültig sein (denn er gab nicht darauf acht), was er niederschrieb als offner kaiserlicher Notar.
So glänzend-umsponnen vom Nachsommer des Herzens, kam er aus dem September und dem Notariat endlich in den Oktober hinüber, wo er vor den Kabelschen Testaments-Exekutoren die Rechnung über das bisherige Erbamt abzulegen hatte, vor welcher ihm nicht im geringsten bange war; denn Winas blick hatte in ihm einen so feurigen Herzschlag entzündet, dass er mit einem solchen Frühlings-Pulse vermochte, in jeder äussern Kälte des Schicksals warm zu bleiben.
Sein Vater Lukas hatte ihn neuerlich in mehreren Kopien von Brief-Originalen (die der Schulze behielt, weil im Briefschreiben das Original das schlechtere ist) seine Angst vor dem Notariats- Hintergrund und die Beteurung seiner "Herbeikunft" wissen lassen. Walten wurde die Wiederholung desselben dürren Gedankens, die so manchen frischen erdrückte, sehr zur Last, und er wünschte nichts weiter als die alte Freiheit, an hundert Dinge zu denken. "Warum ist denn ein Irrweg so verdriesslich", sagt' er, "als bloss weil man so lange, bis man den rechten wieder erwischt, immer die abgeschabte platte idee des weges besehen und behalten muss!" Die gemeinen Qualen des Lebens belasten weniger unter ihrer Geburt als während ihrer Schwangerschaft, und der eigentliche Leidenstag geht 24 Stunden oder zeiten früher an als der äussere. Der erste Schritt, den Walt am anberaumten Morgen ins Rataus tat, machte ihn zu einem andern Menschen, nämlich zum alten – die Sache war für ihn vorbei, denn sie war so nahe. Zu bald kam er im Vorzimmer an, harrte aber vergnügt und machte einen Polymeter, worin er einige gute Gruppen besang, die in halberhobener Arbeit am Ratsofen mit aller der Wärme dargestellt waren, welche die Jahreszeit an einem kalten Ofen erlaubt. Tanz-Horen, Füllhörner voll Heu, Fruchtschnüre oder -stricke, Büschel von dicken festen Blumen oder Obst und sechs Frühlinge aus Ton (denn es war ein Zirkulierofen) waren allerdings imstande, einen Dichter wie er zu heizen. – Als noch immer die Ratsstube zublieb, so geriet er auf Neben-Ideen, ob nämlich nicht ein ganzer Roman aus Ofen-Pasten darzustellen und zu entwickeln wäre, besonders ein komischer. So vermag nur ein Mann vor einer wichtigen Wendepunktsstunde, z.B. vor einer Krönung, Schlacht, Selbstermordung, nicht aber seine Frau vor einer ähnlichen, z.B. vor einem Balle, – zu dichten, zu schlafen, zu lesen.
Da endlich der Schirmherr der Kabelschen enterbten Erben, der Pfalzgraf Knoll, eintrat, so fing alles an und wurde gehörig vor den Bürgermeister Kuhnold gestellt.
In seinem Leben war ihm nie so federleicht in einer Ratsstube gewesen; auf dem Staubfaden einer Lilie hätt' er sich schaukeln können. Er fiel aber bald von seiner Lilie ins Beet herunter, als der Schirmherr anfing vorzutragen und zu belegen, "dass der offne geschworne Notar bisher sehr absurd gewirtschaftet" – dass er nicht nur erstlich und zweitens zweimal in Instrumenten abbrevieret – drittens ein nächtliches (das Turm-Testament) mit zweierlei Tinte und viertens bei einerlei Licht geschrieben fünftens einmal radiert – sechstens einmal gar nicht angegeben, dass er ausdrükklich zur Aufrichtung des Instruments vorgefordert worden – desgleichen siebentens in dem