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rechten Zeit seine Maske ins Zimmer geworfen, ehe Jakobine die ihrige fallen lassen. Endlich sagte er gerade heraus, die Klausel des Testaments, welche für Fleisches-Sünden um halbe Erbschaften bestrafe, sei allgemein bekannt, und Walt sei leider stets sehr unschuldig, auf nichts aber werde in einer Aktion öfter und besser geschossen als auf Schimmel wegen der Farbe der Unschulddie sieben Erben decken, wie kluge Feldherrn, ihr Lager mit Morast – "kurz", beschloss er, "wie Taubenhändler wahrhaft betrügen und zwei Täubinnen oft für ein ordentliches Paar Ehetauben ausgeben: hätte man es mit dir und der Aktrice nicht ebenso machen können, wär' ich dir nicht nachgereiset?" – Da wurde der Notar blutrot vor Scham und Zorn, sagte: "o garstig über die massen" – setzte unter dem Umherfahren nach dem hut hinzu: "in diesem Lichte steht ein armes Mädchen bei dir? Und dein eigner Bruder dazu?" – lief fortsagte wild weinend: "gute Nacht; aber bei Gott, ich weiss nicht, was ich dazu sagen soll" – und liess keiner Antwort Zeit. Vult ärgerte sich fast über den unvermuteten Zorn.

"Ich, ich?" wiederholte Walt auf der Gasse innigstverletzt, "ich hätte mich versündigen sollen an einem Tage, wo mir Gott den rührendsten Reise-Abend bescherte und die fromme Wina mir so nahe lebte? – Das wolle Gott nicht!"

Als er aber in sein Stübchen trat, überflog ihn eine ganz besondere Seligkeit und zehrte den Schmerz auf; – eine neue Empfindung wird an einem alten Orte lebendiger; – es war Winas guter blick unter dem Wasserfalle, der jetzt ein ganzes Leben wie ein Morgenlicht golden überstrahlte und alle Taublumen darin blitzen liess. Vieles um ihn war ihm nunmehr zu eigen geworden sowie neu: der Park unten, in dessen Gängen er sie einmal gesehen, und Raphaela im haus, die ihre Freundin war, gehörten unter die Habseligkeiten seiner Brust. Selber seinen eignen Roman Hoppelpoppel kannte er kaum mehr, auf so neue Gemälde des liebenden Herzens stiess er jetzt darin, von denen er erst diesen Abend recht fasste, was er neulich etwa damit haben wollen; nie fand ein Autor einen gleichtöniger gestimmten Leser als er heute. Er bauete sich sogleich ein zartes Bilderkabinett für die Gemälde von den Auftritten, die Wina vermutlich diesen Abend haben könnte; z.B. im Schauspielhause oder in den Leipziger Gärten oder in einer gewählten Gesellschaft mit Musik. Darauf setzte er sich hin und beschrieb es sich mit Feuerfarben, wie ihr etwa heute sei in Glucks Iphigenie auf Tauris; dann machte er selige Gedichte auf sie; dann hielt er die Papiere voll Eden ins Talglicht und verkohlte alles, weil er, sagt' er, nicht einsehe, mit welchem Rechte er ohne ihr Wissen so vieles von ihr offenbare ihr oder andern.

Als er zu Bette ging, verstattete er sich, Winas Täume sich zu erträumen. "Wer kann mir verbieten", sagt' er, "ihre Träume zu besuchen, ja ihr sehr viele zu leihen? Ist der Schlaf vernünftiger als ich? O sie könnte im wilden Wahnsinn desselben ja recht gut träumen, dass wir beide unter dem Wasserfalle ständen, verbunden aufflögen in ihn, umarmend hinschwämmen auf seinem flüssigen Feuergolde und zum Sterben herabstürzten mit ihm und vergöttert still nun weiterflössen durch die Blumen, in den Strahlen, sie mit ihrer Welle in meine schimmernd, und wir so uns ineinander verrönnen in das weite hohe blaue reine Meer, das sich über die schmutzige Erde deckt. Ach, wenn du so träumen wolltest, Wina!" – Dann sah er auf dem Kopfkissen recht hell und scharfweil nachts in der wilden Zeit des Vortraums vor der Seele alle blasse Bilder junge Lebensfarben annehmen und die Gestalten blitzende Augen öffnendas liebe, milde Auge Winas vor sich aufgetan und wie einen Mond, den der Tag zum Wölkchen verdünnte, am Nachtimmel herrschend strahlen; und er sank in das liebe Auge, wie ein Frommer in das Auge, unter welchem man Gott abbildet. Wie leicht und dünn ist ein blick und ein erinnerter! Kaum das Alpenröschen ist er, das der Mensch von der höchsten Stelle seines Lebens herunterbringt. Aber doch hält der Mensch unter der Masse von massen und Weltkugeln sich gern an die kleine, die ein Augenlid bedeckt, an einen verhauchten, kaum entstandenen blickund auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bäumen fest! So sind Geister; denn da die Unsichtbarkeit ihre Welt ist, so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit!

Am Morgen lag Sonnenschein und Seligkeit um ihn her. Alle Blüten zu Zankäpfeln waren abgefallen. Die Morgenstunde hat Gold, aber das reinste, im Mund; die Sonne scheidet das in Schlacken vererzte Gemüt; das finstere Übermass, besonders des Hasses, hört auf. Walt sah sich um im Morgenlicht, fand sich wie von einem Arm aus den Wolken durch alle übereinanderstehenden Wolken des Lebens durchgehoben ins BlauWer liebt, vergibt, wenigstens den Rest dem Rest; er fragte sich, wie er denn gestern, gerade am Heimkehr-Feste, so gegen den armen Bruder aufbrausen können.

"Jawohl den armen Bruder", fuhr er fort; "denn er hat gewiss keine Geliebte, deren Liebesblick ihm wie ein Lebensbrennpunkt im Herzen bleibt." Nun ging er ganz ins Einzelne und stellte sichnach seinem Instinkte, der ihn stets in die fremde Seele trieb und