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hätte geschehen können. Walt lief zuerst zum Bruder mit dem grössten Drange, dessen Neugierde unglaublich zu spannen und zu stillen. Vult empfing ihn ruhig, sagte aber von sich, er sehe erhitzt aus und gebe das glühende Gesicht der Feuers-Not schuld. Der Notar wollte ihn sofort mit den erlebten Reise-Wundern in die Höhe schrauben und droben erquicken; er schickte daher die lockendsten Ankündigungen voraus, indem er sagte: "Bruder, ich habe dir Sachen zu melden, in der Tat Sachen" – "Auch ich", unterbrach Vult, "bin mit einigen sieben Wundern der Welt versehen und kann erstaunen lassen. Nur erst das erste! Flitte genas! Noch staunt und starret die Stadt." "Unter dem Lazarustor sah ich ihn schon am Schalloch stehen", versetzte Walt, eilig wegredend. – "Das ist ganz natürlich", fuhr jener fort. "Denn der Dr. Hut, ein wahrer Chapeau wie wenige, hat ihn wieder auf die Hinterbeine gebracht, so dass der Testator sich selber beerbt als allernächster Anverwandte und du so wenig bekommst als der Rest. Wie freilich darüber die alten Ärzte, besonders die ältesten, welche in jeder Stadt als ein wahrer Rat der Alten einen Alterserlass (veniam aetatis) nicht von 20, sondern von allen irdischen Jahren dem jüngsten erteilen und so die Sterblichkeit der Einwohner köstlich mit der Unsterblichkeit verknüpfen, wie sie, sag' ich, darüber, dass ein so junger Wicht einen nicht ältern herstellte, ausser sich sein müssen: dies kann man ganz natürlich noch wenig oder nicht bestimmen, bevor gar eine bekannte Arbeit von Flitte gedruckt und bekannt geworden. Es hat nämlich der Elsasser eine schwache Danksagung ein paar Male umgearbeitet, worin er im Reichs-Anzeiger (Doktor Hut schiesst die Inserats-Gelder her) mitten vor der Welt Huten gerührt genug dankt und beteuert, nie könn' er es ihm lohnen, was ein so wahres Gefühl ist, da er nichts hat."

Walt konnte sich nicht länger eindämmen: "Liebstes Brüderlein", begann er, "wahrlich mehr deinen Einfällen als deinen Berichten horcht' ich zu: denn das, was ich dir zu erzählen... Deinen Brief nämlich mit dem Wunder-Traum hab ich wirklich und in der Tat empfangen; aber was wäre bloss dies? Eingetroffen ist er von Punkt zu Punkt, von Komma zu Komma; höre nur!"

Er legte ihm jetzt die Spiel-Wunder zum ersten Male vor (wegen der verworrenen Wellen der alles heranschwemmenden Flut) – zum zweiten Male. Kein Abenteuer, selber das schlimmste, ist je so selig zu erleben als zu erzählen. Ja er hätte beinahe von Winas liebendem blick unter dem Wasserfalle in seinem Sturm den Schleier gehoben, hätt' er nicht auf dem ganzen Wege, mit Wina an einer Hand und mit Vulten an der andern, das Wichtigste vorläufig bedacht und sich die stärksten Gründe eingeprägt gehabt, dass er durchaus Wina in den General einkleiden müsse und Empfindungen, obwohl nicht Tatsachen, unterschlagen; so gern er auch in das einzige ihm vom Leben aufgeschlossne Herz die beiden arme seines in Liebe und in Freundschaft geteilten Stroms ergossen hätte.

"Aus deinen Abenteuern in bezug auf meinen Brief", sagte Vult, "mach ich eben nicht das meisteich lege dir nachher eine sehr gute Hypotese darüber vor –, hingegen in Jakobinens 'Stelldich-ein' säh' ich mit Freuden klärer." Walt erzählte dann den Nachtbesuch ganz wahr, hell und leicht und vergass keine einzige Empfindung dabei.

"Nichts will ich leichter erklären", fing endlich Vult an. "Kann denn nicht ein Kerl, der alle Verhältnisse weiss, dir durch Wälder und Felder immer drei Schritte nach- oder vorgeschlichen seinmit der Flöte geblasen habendeinen Namen in den Krügen und Hotels vorausgesagtdie kleinste Sache bestellt und angestellt, z.B. mit dem Bilderhändler und dem Quodlibet und dessen quod deus vult est bene factus, statt factumund so fort? Was den Brief anlangt, so war er ja in meinem Namen und Stil so leicht zu schreiben, unterwegs aufzugeben, darin alles zu weissagen, was man eben selber vollführen wollte, das Geld aber eine Minute vorher einzugraben!" – "Unmöglich!" sagte Walt. "Und vollends der Larvenherr?" – "Hast du die Larve etwa in der tasche?" sagte Vult. Er zog sie hervor. Vult drückte sie vor das Gesicht, funkelte ihn darhinter mit Zorn-Augen an und rief wild mit bekannter stimme des Larvenherrn: "He? Bin ichs? – Wer seid ihr?" – "Himmel, wie wäre denn das?" rief der erschrockene Walt. – Sanft hob Vult die Larve ab, sah ihn ganz heiter an und sagte: "Ich weiss nicht, was deine Gedanken über die Sache sind; ich sentiere, dass sowohl der Larvenherr und Flötenspieler als auch ich und der Briefschreiber dieselben Personen sind." "Mein Verstand steht still", sagte Walt. "Kurz, ich war es", beschloss Vult. Aber der Notar wollte seiner eigenen Bestürzung nicht recht glauben. "Etwas Wunderbares", sagte er, "steckt gewiss noch hinter der Zauberei; und warum hättest du mich überhaupt so sonderbar hintergangen?"

Aber Vult zeigte, dass er ihm einige Lust zuwenden, ja einige Unlust ersparen wollen. Er fragte schelmisch-blickend, ob er nicht zur