– leichter eine Rückenmarksdürre als eine Augenwassersucht; – und wir Autoren gestehen es uns manchmal untereinander heimlich in Briefen, wie erbärmlich wir uns oft wenden und winden, damit wir bei RührAnlässen (wir müssen selber darüber lachen) keinen Tropfen fahren lassen.
Ich schliesse diese Zeilen ungern; aber der Ohnehosen Schuster steht hinter dem Kopisten, Halter, schon gestiefelt und wartet auf die Kopie derselben mit der Jagdtasche; denn es wäre kaum zu sagen, was ich den trefflichen Testaments-Vollstreckern noch zu sagen hätte über das Werk. Mög' ich und die Welt nicht zu lange bei Ihnen auf die nächsten fünfhundert Nummern passen müssen! Nachgerade gegen den vierten Band spinnt sich in der Biographie ordentlich merkbar eine Art von Interesse an. Denn nun müssen die kostbarsten Sachen kommen und im Anzug sein; und ich brenne nach Nummern. Überall stehen Tellerfallen, und Dampfkugeln fliegen, Wildrufdreher schleichen, Hummerscheren klaffen Walts und Winas neuester Bund ist seltsam und kann unmöglich lange bleiben ohne die grössten Stürme, die bändelang rasen von Messe zu Messe – Jakobinens Nachtvisite muss konfuse Folgen haben oder kanns doch – der Larvenherr muss entlarvt werden (wiewohl ich ihn wahrlich errate; denn er ist mir zu kenntlich) – Vult hat seinen Schmollgeist, ist erlogen von Adel, lebt von Luft, stürmt so leicht – der testierende Elsasser ist ganz hergestellt und sieht zum Schalloch heraus – die meisten Erben minieren gewiss, ich sehe' aber, bekenn' ich, noch nichts – des Helden Vater sitzt zu haus und rennt und verschuldet Haus und Hof-Passvogel, Harprecht, Glanz, Knoll müssen sich sehen lassen und graben noch unter der Erde – guter Gott, welche eine der verwickeltsten Geschichten, die ich kenne! Walt soll Pfarrer werden, und ich begreife nicht wie, und hundert andere Dinge nicht besser – der Graf Klotar will heiraten, kommt zurück und findet beim Himmel eine neue Wirtschaft und Historie, die ihm natürlich etwas frappieret – Walt will unendlich gut und willig bleiben und ein zartes Gottes-Lamm, und soll daraus ein Schaf, ein Hammel werden, unter Wollen-Scheren, unter Schlachtmessern – Schlingen, Flammen, Feinde, Freunde, Himmel, Höllen, wohin man nur sieht!......
– Allerdings, verehrlichster Stadtrat! hat eine solche geschichte noch kein Dichter gehabt; aber ein Jammer ist es eben und ein noch unbestimmliches Unglück für die ganze schöne Literatur, dass sie wahr ist – dass mir so etwas nicht früher eingefallen als zugefallen – dass ich unglückliche Haut, an TestamentsKlauseln und Naturalien-Nummern gefesselt gehend wie an klein-schrittigem Weiberarm, nichts von romantischen Gaben und Blüten (indem ich doch auch unter den Romanciers mitlaufe) künstlich pelzen darf auf solchen Stamm. – – O Kritiker! Kritiker, wär's meine geschichte, wie wollt' ich sie für euch erfinden und schrauben und verwirren und quirlen und kräuseln! Würfe ich z.B. etwa nur ein schmales Schlachtfeld in eine solche göttliche Verwicklung – ein paar Gräber – einen Schlegelschen Revenant des Euripidischen Ions42– fünf Schaufeln voll italischer Erde oder sonst klassischer – einen schwachen Ehebruch – einen Klostergarten samt Nonnen – von einem Tollhause die Ketten, wenn nicht die Häusler – ein paar Maler und deren Stücke – und den Henker und alles; – – – ich glaube, Vollstrecker, es fiele anders aus als jetzt, wo ich bloss nur nachschreibend zusehen muss, wie die Sachen gehen und aus Hasslau kommen, ohne dass ich, im möglichen Falle ungewöhnlicher Langweile, etwas anderes für die Welt und für Hrn. Cotta in der Gewalt hätte als wahres Mitleiden mit beiden, fast zu sehr vom Gewissen und sonst eingeklemmt und angepfählt.
– Aber mein Rezensent, der junge Schuster, der eben zwischen Schreiber und Abschreiber steht, treibt ausserordentlich und will fort und sieht verdrüsslich nach dem Gottesacker hinaus. Noch schlüsslich ersuch' ich die Vollstrecker, falls schwere Kapitel, die besondere Kraft und Stimmung fordern, im Anzuge sein sollten, mir sie bald und jetzt zu schicken, wo gerade meine Lokale (wozu auch mein Leib zu rechnen), mein Schreibfenster, das den ganzen Ilzgrund beherrscht (denn ich wohne im Grunerschen haus in der Gymnasiumsstrasse), und das Blühen der Meinigen (worunter mein empirisches Ich mit gehört) mich sichtbar unterstützen; ja ich würde – wenn nicht solche Selbst-Personalien eher vor ein Publikum als vor einen Stadtrat gehörten – dazu selber den gedachten Gottesacker schlagen, wo man eben jetzt (es ist Sonntags 12 Uhr) halb in der Salvatorskirche, halb auf deren Kirchhofe im Sonnenscheine zwischen Kindern, Schmetterlingen, Sitz-Gräbern und fliegenden Blättern des Herbstes den singenden, orgelnden und redenden Gottesdienst so hält, dass ich alles hier am Schreibtische höre.
Ich könnte dabei manches empfinden; aber Rezensent drängt erbärmlich – weil die Tage kürzer werden –, und er ist schuld, dass ich in grösster Eile mit der grössten Hochachtung erharre
eines Hochedlen Stadtrats
Koburg, den 23. Okt. 1803.
J. P. Fr. Richter.
Viertes Bändchen
Nr. 51. Ausgestopfter Blaumüller
Entwicklungen der Reise – und des Notariats
Der Notar glaubte wie ein erwachter Siebenschläfer eine ganz umgegossene Stadt zu durchtreten, teils weil er einige Tage daraus weggewesen, teils weil eine Feuersbrunst, obwohl ohne Schaden, da gehauset hatte. Noch in den Gassen blieb er auf Reisen. Auch zog das Volk, durchs Feuer aus der Alltäglichkeit aufgerissen, gescharet hin und her, um das Unglück zu besehen, das