die Polaritäten und die Indifferenz leiden könne, dass er ein transzendenter Äquilibrist sei und ein polarischer EisBär, dass er die Menschen indifferenziere, sich aber potenziere, dass er zwar kein Dichter, kein Arzt und kein Philosoph sei, aber, was vielleicht mehr ist, alles dieses zusammengenommen. Und in der Tat nannt' er uns bald darauf in seinen Rezensionen die fünf Direktoren, ja die fünf Sinne der gelehrten Welt, ich soll darunter der Geschmack sein, le Goût, el Gusto40spricht aber doch verdammt frei von jedem andern. "Gesetzt, mein feuriger Schuster", wandt' ich einst ein, als er hingeschrieben hatte, er sehe voraus, in 4 oder 5 Jahren sei Goete so tief herunter als gegenwärtig Wieland – "O was?" versetzt' er, "ich stecke zuweilen einen Kometen-Kern ins blaue ÄterFeld und bekümmere mich nicht, ob er aufgeht und fliegt als Feuer-Blume. An der himmels-Achse der Unendlichkeit sind die Pole zugleich Gleicher, alles ist eines, Hr. Legaz.!"
Nun halten vier Treffer der Literatur (fünf würde' ich sagen, wär' ich nicht darunter) bei einem Hochedlen Rate um das Maushackische Legat, das eben für arme Studenten aufgeht, für den guten Ohnehosen an; denn letzteres ist er, wechselnd eigentlich und uneigentlich, gleichsam als differenziere und indifferenziere er auch hier und wähle Realismus und Idealismus beliebig als zwei Wechselstandpunkte aus einem dritten. Ich meine aber so: er hat nichts. Sein Marquisat de Quinet41wirft zu wenig ab er braucht zu viele erregende Potenzen, wenn er selber eine sein soll, und Weinberge sind die Terrassentreppe zu seinem Musenberg – wir fünf Marquis verspüren das Ernähren eines sechsten auch stark; – Wiese man nun aber Sehustern das Maushackische Legat zu: so könnt' er es pro forma in Jena oder Bamberg verzehren; und dabei gemächlich beurteilen, einige bekränzen und ganz weg haben, unzählige kaum von der Seite ansehen, die Gemeinheit herzlich verachten, viele Sachen deduzieren, wie z.B. den Roman, den Humor, die Poesie, aus vier oder fünf Termen und Schreibern, und völlig unter die sogenannten ganzen Leute gehören. Der selige Maushack selber – den ich zwar nicht kenne, der aber doch von der andern Welt muss endlich profitieret haben – würde droben, wenn er von diesen Früchten seines Nachlasses hörte, seelenvergnügt sagen: "Herzlich gönn' ich der wilden Fliege drunten das Legat, bloss weil sie um eine Welt früher als ich von dem Reflexions-Punkte weggeflogen."
O Gott, Stadtrat! was wäre noch zu sagen, würde' es nicht gedruckt! Ein Autor gibt lauter Nüsse aufzubeissen, welche dem Gehirne gleichen, das nach Le Camus ihnen gleicht, und die also drei Häute haben; wer aber schälet sie ab? – Ein bekannter Autor ist allerdings bescheiden; das ist aber eben sein Unglück, dass niemand weiss, wie bescheiden man ist, da man von sich nicht sprechen und es sagen kann. Er könnte seinem Stiefelknecht hundert Livreefarben anstreichen, er könnte den Eisen-Fang seines Windofens zu seinem brennenden Namenszug verschweifen und ringeln lassen, aber niemand weiss es, dass er es nicht tut. Erwägt man vollends, wie viele Schlachten Bonaparte, sowohl in als ausser Europa, ausstand und lieferte, bloss damit nur einmal sein Name richtig geschrieben würde, ohne das U, wofür er jetzt den Franzosen jenes X macht, jenes algebraische Zeichen der unbekannten Grösse, erwägt man also, mit welcher Mühe ein Name gemacht und mit wie leichter er wieder ausgewischt wird: so ist es wahrlich ein matter Trost, dass es in Rücksicht des Verkennens auch andern grössten Männern nicht besser ergangen, z.B. dem grossen Gottsched, der selber sogar im Gellertischen Leipzig so manches erlitt, was man hier nicht wiederholen will.
Der vierte Punkt, wovon ich einem hochedlen Magistrate zu schreiben versprach, ist gerade ein närrischer, den der junge Schuster am besten ausfechten würde in öffentlichen Blättern.
Ein hochedler Stadtmagistrat wünschte nämlich von weitem, dass das Werk etwas verweint und beweglich verfasset würde. Aber wie war das noch tunlich in unsern Tagen, Verehrteste, die ein wahrer einziger heller Tag sind, wo die Aufklärung als ein eingeklemmter angezündeter Strick fortglimmt, an welchem an öffentlichen Orten jedes Tabakkollegium seine Köpfe anzündet? – Wer öffentlich noch ein wenig empfinden darf und der ist zu beneiden –, das sind entweder die Buchhändler in ihren Bücher-Geburts-Anzeigen, indem man alle etwanige Empfindsamkeit darin mit dem Eigennutz entschuldigen kann; oder es sinds die lachenden Erben in ihren Todes-Anzeigen, wo aus demselben grund der Korkzieher der Tränen darf eingeschraubt und angezogen werden. Sonst aber hat man gegen Weinen, besonders wahres, viel – die Tränenkrüge sind zerschlagen, die weinenden Marienbilder umgeworfen von zeitiger Titanomanie – die besten Wasserwerke sind noch früher angelegt als die Bergwerke, welche davon auszutrocknen sind – wie in Schmelz-Hütten ist in die Seelenschmelz-Hütten, in die Romane, einen Tropfen wasser zu bringen streng verboten, weil ein Tropfen das Glut- und Fluss-Kupfer zertrümmernd auftreibt – der Mensch fängt überhaupt an, und zwar bei den Tränen (nach Hirschen und Krokodilen zu schliessen), das Tierische abzulegen, und das Menschliche anzunehmen, wo man bei dem lachen anfängt, so dass jetzt eine poetische Zauberin, wie sonst eine prosaische Hexe, daran eben erkannt wird, dass sie nicht weinen kann.
Kurz, Rührung wird gegenwärtig nicht verstattet