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wundert und ärgert man sich hier, dass die Exekutoren des Kabelschen Testaments gerade Dir (Ihnen) die Biographie des Notarius, die nach der testatorischen Klausel ja ebensogut Richardson, Gellerren, Wielanden, Scarron, Hermesen, Marmonteln, Goeten, Lafontainen, Spiessen, Voltairen, Klingern, Nikolain, Mds. Staël und Mereau, Schillern, Dyken, Tiecken usw. aufgetragen werden konnte, eben Dir (Ihnen) zugewandt und das herrliche Naturalien-Kabinett dazu, das viele schon besehen.

Freunde und Feinde benannter Autoren wollenDich (Sie) ohnehinden Hasslauer Magistrat in Journalen verdammt her untersetzen und heimschicken. Doch bitte' ich Dich (Sie), mich nicht zu nennen. Ein künftiger Rezensent schwur hoch: er wolle nicht ehrlich sein, wenn er ehrlich bleibe bei so bewandten Umständen."

Hiergegen lässt sich nie etwas machen, ausgenommen Antikritiken, die aber ins Unendliche gehen; denn ein Hund billt das Echo an; es tritt der alte Zyklus von Jücken und Kratzen und von Kratzen und Jücken ein. Das sind aber böse Historien; und der Autor leidet dabei unsäglich; er hat immer einen Namen zu verlieren, und nur der Rezensent einen zu gewinnen; er lobt sich überhaupt das Lob und feiert so ungern nach seinem Namenstage noch einen Ekelnamens-Tag. Es ist ihm terribel und so unangenehm als irgend etwas, dass das deutsche Publikum von seinen Autoren, wie das englische von seinen Bären, wünscht, sie nicht nur tanzen, sondern auch gehetzt zu sehen. Ein jeder Autor hat dochoder solls habenso viel Stolz als irgendein Peha oder Tezet oder Iks oder ein anderer Kapital-Letter von Klopstock in dessen grammatikalischen Gesprächen, besonders da er ja der Chef dieser aufgeblasenen XXIIer Union oder dieser grande Bande des 24 Violons ou les vingt-quatre ist, die er in Glieder stellt auf dem Papier, wie er nur will.

Allerdings gäb' es ein gutes Mittel und Projekt dagegen, hochedler Stadtrat, wenn es angenommen würde. Hundertmal hab' ich gedacht: könnte nicht eine Kompanie wackerer Autoren von einerlei grundsätzen und Lorbeerkränzen zusammentreten und soviel aufbringen, dass sie sich ihren eignen Rezensenten hielten, ihn studieren liessen und salarierten, aber unter der Bedingung, dass der Kerl nur allein seine Broterren öffentlich in den gangbaren Zeitungen streng, aber unparteiisch und nach den wenigen ästetischen grundsätzen beurteilte, die ein solcher Famulant und Valet de Fantaisie haben und behalten kann? – Wenn sich eine solche Ordonnanz sozusagen in seiner Chefsmanier einschlösse, nichts weiter triebe und wüsste: sollte sie sich nicht niedersetzen und hinschreiben können: "Da und da, so und so ist die Sache; und wers leugnet, ist so gewiss ein Vieh als ein Affe."

Einigermassen, verehrlicher Stadtrat, hab' ich einen Anschlag; und er betrifft eben den jungen Mann, der Ihnen die Flegeljahre persönlich überbringt. Der Mensch heisst eigentlich Schuster, hat aber den dumpfen Namen durch ein Strichelchen mehr in den hellern Sehuster umgeprägt. Anfänglich stösset er vielleicht einen wohlweisen Rat etwas ab durch sein Äusseres, durch den verworren-grimmigen blick, Schweden- und Igelkopf, greulichen Backenbart und durch die Ähnlichkeiten, die er mit sogenannten Grobianen gemein hat. Heimlich aber ist er höflich, und er hat überhaupt seine Menschen, die er veneriert. Ich mochte diesen Schuster etwa 14 Tage, nachdem er sein Gymnasium als ein scheuer stiller leiser Mensch verlassen, der eben keinen besonderen Zyklopen und Enak versprach, 14 Tage darauf in Jena wieder gefunden habenHimmel! wer stand vor mir? Ein Fürst, ein Gigant, ein Flegel, aber ein edler, ein Atlas, der den Himmel trug, den er schuf, setzend eine neue Welt, zersetzend die alte! Und doch hatte' er kaum zu hören angefangen und wusste eigentlich nichts Erhebliches; er war noch ein ausgestreckt-liegender Hahn, über dessen Kopf und Schnabel Schelling seine Gleicher-Linie mit Kreide gezogen, und der unverrückt, ja verrückt darauf hinstarrt und nicht auf kann; aber eben er war schon viel und mehr, das fühlt' er, als er verstand und schien. Dieses beweiset beiläufig, dass es ebensogut im geistigen Reiche eine schnelle Metode, den inneren Menschen in 14 Tagen zu einem grossen mann aufzufüttern, geben müsse, als es die ähnliche im körperlichen gibt, eine Gans, schwebend gehangen, die Augen verbunden, die Ohren verstopft, durch Nähren in nicht längerer Zeit so weit zu bringen und zu mästen, dass die Leber 4 Pfund wiegt.

In der Tat bestimmte mich dieses, da der gute Gigant nichts hat ausser Kräfte, mit vier andern belletristischen herrlichen Verfassern – (ich werde ihnen nie die Schuhriemen auflösengesetzt, sie verlangtens) – aus der Sache zu sprechen und sie zu fragen, ob wir uns nicht könnten zusammenschlagen und ihn auf den nötigsten Akademien für unser Geld absolvieren lassen: "Wir hobeln Sehustern", sagt' ich, "ganz nach unsern Werken zu, oder vielmehr er hat seine deduzierenden Teorien nach dem Meister und andern Stükken seiner Kosterren einzurichten, um einst imstande zu sein, als unser Fixstern-Trabant, Brautführer und Chevalier d'honneur unserer fünf Musen, kurz als unser Rezensier-Markeur in den verschiedenen Zeitungen, die die Welt jetzt mitält, zu beurteilen und zu schätzen."

Das nahm man an. Und wir Fünfer hatten wahrhaftig keine Ursache, unsere Ausgaben zu bereuen, als wir später, im ersten Semester hörten, dass er