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rollende Erde ohne Erdstösse wiegend um die bedeckte Sonne. Gegen Abend sah er schon Hasslau, die Meilen waren ihm Wersten geworden. In Härmlesberg begegnete er noch einer alten Diebin, die man daraus bis an den Markstein mit dem Staupbesen gekehrt hatte.

Aus Hasslau kamen ihm Feuerspritzen entgegen, welche glücklich hatten löschen helfen. Als er im nassen knappen Badegewand mit fortleuchtenden Entzückungen durch das Hasslauer Tor getreten: sah er an den Kirchturm, wo Flitte und Heering wohnten; und nahm freudig wahr, dass der Testator Flitte, so hergestellt und gesund wie ein fisch im wasser, aus dem Schalloch guckte.

Nr. 50. Halber Blasenstein eines Dachshunds

J. P. F. R.s Brief an den Hasslauer Stadtrat

P. P.

Hier übersend ich den trefflichen Testaments-Exekutoren durch den Student und Dichter Sehuster die drei ersten Bände unserer Flegeljahre samt diesem Briefe, der eine Art Vor- und Nachrede vorstellen soll. Von dem geschickten Schön- und Geschwindschreiber Halter, bisherigen Infanteristen beim Regiment Kurprinzder zum Glücke des elend geschriebenen Manuskripts gerade in diesem monat aus Bregenz mit freundlichem Abschied und gesunder schreibe-Hand nach haus an das Schreibpult kam, nachdem er über 4 Jahre sich auf mehreren Schlachtfeldern mit den Franzosen gemessen und geschlagenvon diesem sind, darf ich hoffen, sowohl die drei Bände als dieser Brief so gut geschrieben, dass sie sich lesen lassen; folglich setzen und rezensieren ohnehin.

Will ich mich über das Werk hier bis zu einem gewissen Grade äussern: so müssen einige allgemeine Sentenzen und Gnomen vorausgehen:

Nicht nur zu einer Perücke, auch zu einem kopf gehören mehrere Köpfe Ferner: Jedem muss seine Nase in seinen Augen viel grösser und verklärter, ja durchsichtiger erscheinen als seinem Nebenmenschen, weil dieser sie mit andern Augen und aus einem viel fernern Standpunkte ansieht

Weiter: die meisten jetzigen Biographen (worunter auch die Romanciers gehören) haben den Spinnen wohl das Spinnen, aber nicht das Weben abgesehen

Ferner: die Verdauung spüren, heisst eben keine spüren, sondern vielmehr Unverdaulichkeiten

Weiter: zur zweiten, bessern Welt, worauf alle Welt aus ist und aufsieht, gehöret auch der Höllenpfuhl samt Teufeln

Ferner: der Schatten und die Nacht sehen weit mehr als Gestalten und Wirklichkeit aus als das Tageslicht, das doch nur allein existieret und jene scheinen lässtUnd zuletzt: man reiche dem Leser etwas in einer Nuss, so verlangt er es noch enger als Nuss-Öl; man breche für ihn aus der steinigen Schale eine köstliche Mandel, so will er um diese wieder eine Hülse von Zucker haben

Bloss diese wenigen schwachen Sätze wende ein verehrlicher Stadtrat auf das Buch und sich und den Leser an und frage sich: "Ist noch jetzt die Frage von diesen und jenem?"

Noch vier Punkte hab' ich ausserdem zu berühren.

Der erste Punkt ist nicht der erfreulichste. Noch hab ich nicht mehr als Nummern vom Kabelschen Naturalienkabinett (denn dieser Brief ist für den halben Dachshunds-Blasenstein) erschrieben; und fahre schon mit drei Bänden vor, die abzuladen sind; da nun das Kabinett 7203 Nummern in allem besitzt: so müssen endlich sämtliche Flegeljahre so stark ausfallen als die Allgemeine deutsche Bibliotek, welche sich doch von ihnen im Gehalte so sehr unterscheidet. Ich sage letzteres nicht aus Bescheidenheit, sondern weil ichs selber fühle. Indes werde ich nächstens in meinen Vorlesungen über die Kunst, gehalten in der Leipziger Ostermesse 180439erweisen, erstlich dass (was man ja sieht) und zweitens warum der Epiker (in wessen Gebiet dieses Werk doch zu rubrizieren ist) unendlich lang werde und nur mit dem langen Hebels-arme den Menschen bewege, anstatt dass der Lyrikus mit dem kurzen gewaltig arbeitet. Ein epischer Tag hat, wie der Reichstag, kaum einen Abend, geschweige einen Garaus; und wie lang Goetes "Dorotea", die nur einen Tag einnimmt, ist, weiss jeder Deutsche; der Reichsanzeiger würde eine blosse prosaische geschichte dieser poetischen geschichte in den Flächenraum einer Buchhändler-Anzeige einzupressen vermögen.

Auch dürfte ein verehrlicher Magistrat noch bedenken, dass die Autoren gleich gespannten saitenwelche oben und unten, Anfangs und Endes sehr hoch klingen und nur in der Mitte ordentlichebenso im Eingange und nachher im Ausgange eines Werkes die weitesten und höchsten Sprünge machen (die immer Platz einnehmen), um sich teils zu zeigen, teils zu empfehlen, in der Mitte aber kurz und gut zu Werke gehen. Sogar diesen Dreiband hab' ich mit Briefen an Testaments-Exekutoren begonnen und beschlossen, um nur zu schimmern. Ich hoffe von den mittlern Bänden der Flegeljahre das Beste, nämlich lyrische Verkürzungen, worin meines Wissens Michelangelo ein wahrer Meister ist.

Der zweite Punkt ist noch verdrüsslicher, weil er die Rezensenten betrifft. Es wird ihnen allen, weiss ich, so schwer werden, sich alles feinen und groben, schon aus dem Titel Flegeljahre geschöpften und abgerahmten Spasses gegen mich zu erwehren, als es mir wirklich selber, sogar in einem offiziellen Schreiben an verehrliche Exekutoren, sauer ankommt, solchen Personen mit keinen versteckten Retorsionen und Antizipationen des Titels entgegenzugehen. Doch das liesse vielleicht sich hören, wenigstens machenund durch eine Grobheit wird leicht eine zweite fast zu einer HöflichkeitAllein, verehrte Väter der Stadt, wie der Vorstädte, man packt Sie an, man fängt mit der Exekution bei den Exekutoren den Prozess an. "Allgemein", schreibt man mir sehr kürzlich aus Hasslau, Weimar, Jena, Berlin, Leipzig, "