1804_Jean_Paul_055_128.txt

Schnee des Erden-Altars schon sanft mit ihren warmen Rosen füllte. Der Donner des Wassers zog noch allein durch den Morgenhimmel. – Jetzt blickte Gottwalt von Osten weg und in die Höhe, denn ein seltsamer Goldschein überflog das nasse Grün da sah er über seinem haupt den festschwebenden Wasserfall vor der Morgensonne brennen als eine fliegende Flammenbrücke, über welche der Sonnenwagen mit seinen Rossen entzündend rollte. – Er warf sich auf die Knie und den Hut ab und die hände empor, schaute auf und rief laut: "O die Herrlichkeit Gottes, Wina!"

Da erschien ein Augenblickniemand wusste wie oder wenn wo der Jüngling auf die Jungfrau blickte und sah, dass sie ihn wunderbar, neu und sehr bewegt anschaue. Seine Augen öffneten ihr sein ganzes Herz; Wina zitterte, er zitterte. Sie schaute auf zum Rosenund Feuerregen, der die hohen grünen Tannen mit Goldfunken und Morgenrot bespritzte; und wie verklärt schien sie vom Boden aufzuschweben, und der rotbrennende Regenbogen leuchtete schön auf ihre Gestalt herunter. Dann sah sie ihn wieder an, schnell ging ihr Auge unter, und schnell auf, wie eine Sonne am Poldas herzerhebende Donnern und das Wetterleuchten des Stroms umrauschte, überdeckte beide mit himmlischen goldnen Flügeln gegen die Weltder Jüngling streckte die arme nicht mehr nach dem Himmel allein aus, sondern nach dem Schönsten, was die Erde hat – –

Er vergass beinahe alles und war nahe daran, in Gegenwart des Vaters die Hand des Wesens zu ergreifen, das über sein ganzes Leben diesen Sonnenblick der Zauberei geworfen. Wina drückte schnell die Hand über ihre beiden Augen, um sie zu verdecken. Der Vater hatte bisher den Wasserfall im schwarzen Spiegel beobachtet und sah nun auf.

Alles wurde geendigt. Sie kehrten zurück. Der General wünschte, dass man heftiger und deutlicher lobte. Das Paar konnte' es nicht. "Jetzt", sagt' er, "nach solcher Freude sehnet man sich nach einem rechten Janitscharen-Marsch!" – Gottwalt erwiderte: "O wohl, nämlich nach solchen Stellen daraus, die piano und aus Moll zugleich gehen, wodurch vielleicht die Entzückung fürchterlich stark hereinspricht, wie aus einem Geisterreich." – "Es regnet heute noch", versetzte Zablocki, "die Morgenröte zieht sich närrisch über den ganzen Horizont, so ganz besonders; aber der schöne Morgen war doch wenigstens des Sehens wert, Wina?"

Sie gab kein Ja. Schweigend kam man nach Rosenhof. Zablockis Wagen, Pferde und Bedienten standen schon reisefertig da. Darauf flog alles auseinander und davon. Die Liebenden gaben sich kein Zeichen der vorigen Minute, und der Wagen rollte davon, wie eine Jugend und eine heilige Stunde.

Walt ging im Granatapfel noch einige nachblitzende Minuten in seiner stube auf und ab, dann in die des Generals. In dieser fand er ein vergessenes beschriebenes Blatt von Wina, das er ungelesen, aber nicht ungeküsset einsteckte, samt einem Flakon. Borstwisch und Sprenggefäss, die Vorarbeiter neuer Gäste, trieben ihn in sein Zimmer zurück. Er steckte die sonderbare Maske zu sich. Darauf machte ergleich unvermögend, länger zu bleiben und länger zu reisensich trunken auf den Weg nach Hasslau zurück. Er sehnte sich mit seinem Folioband voll Abenteuer unter dem Arm in die stube Vults. Sein Herz hatte genug und brauchte keinen Himmel weiter als den blauen.

Jakobine warf ihm von der Treppe, die sie hinaufging, und er herunter, das Versprechen nach, im Winter in Hasslau zu spielen. – Draussen verwelkte der rosenrote Himmel immer grauer und bis zu Regenwolken. An der Fähre musst' er lange warten. Es fing endlich an zu regnen. Aber da der Vorhang vor dem Singspiele der Liebe aufgegangen war: so wusst' er, mit Augen und Ohren unter ihren Gesängen und Lichtern wohnend, wenig oder nicht, ob es auf das Dach des Opernhauses regne oder schneie.

Da das Schicksal gern nach dem Feste der süssesten Brote dem Menschen verschimmeltes, wurmvolles aus dem Brotschrank vorschneidet: so liess es den Notar hinter Joditz auf Irrwegeauf physischelaufen, was dem Verhängnis leicht wurde, da er ohnehin nichts Örtliches behielt, nicht den Riss eines Parks, in welchem er einen ganzen Sommer lang spazieren gegangen. Dann musst' er die gebogne weisse Hutfeder, welche ohne Kopf von einem Kavalleristen aus einem Hohlweg vorstach, für die Schwanzfeder eines laufenden Hahns ansehen und nachher den Irrtum dem Militär gutmeinend entdecken, der ihn sehr anschnauzte. In einem Kirmesdorf wurde' ihm aus den Fenstern eines betrunknen Wirtshauses ein wenig nachgelacht. Das Rosanatal lief voll wasser. In einem schönen Gartenhaus spielte der Regenwind auf der Windharfe einen misstönigen Läufer und Kadenzen voll Schreitöne, da er vorüberlief.

Selig flog er seinen Wegdenn er hatte Flügel am Kopf, am Herzen, an den Füssen und sass als geflügelter Merkur noch auf dem Flügelpferd –, und ohne es kaum zu merken, kam er durch die vorigen Dörfer. Gleich dem Blitze lief sein Geist nur an den Vergoldungen des Welt-Gebäudes hin. Nur Wina und ihre Augen füllten sein Herz; an Zukunft, Folgen, Möglichkeiten dachte' er nicht; er dankte Gott, dass es noch einige Gegenwart auf der Erde gab.

Eine Freude kleinerer Art genoss er hinter Grünbrunn, wo ihm der böheimische Schweintreiber, dessen Klagen er in Joditz gehört, mit einem Pilger-lied aufstiess und nichts von seinem Plagevieh mehr bei sich hatte als den Hund.

So trug ihn die